Heribert Bruchhagen im Interview

»Aus der Talsohle«

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Heft #83 10/2008
Heft: #
83

Heribert Bruchhagen, haben Sie vor dieser Saison auch wieder mit einem Journalisten gewettet, durch Nennung von sieben Mannschaften die sechs ersten Plätze der Saisonabschlusstabelle voraus zu sagen?

Nein, die Wette hat Ihren Kollegen das letzte Mal rund 100 Euro in Rotwein gekostet. Er hat sich nach in dieser Sache also nicht mehr hören lassen. Aber, wenn Sie wollen, können wir diese Wette gerne wieder abschließen. Ich kann Ihnen spontan sieben Vereine nennen, von denen am Ende sechs vorne sind.

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Wer gehört denn neuerdings mit in dieses Ranking? Wolfburg oder Hoffenheim?

Sicher würde ich Wolfsburg dazu zählen. Hoffenheim noch nicht, denn noch ist der Verein keine berechenbare Größe. Erst wenn die in der Winterpause für 50 Millionen Euro einkaufen, würden sie das werden.

Gefährden solche von Sponsoren gestützten Vereine Eintracht Frankfurt, das Sie streng nach kaufmännischen Prinzipien führen?

Alle Traditionsvereine haben die gleichen Standortvoraussetzungen. Hoffenheim, Wolfsburg und Leverkusen sind da natürlich etwas besser strukturiert, als der Rest der Bundesliga.

Sie haben es geschafft, die »launische Diva vom Main« mit einer soliden Führung im Mittelfeld der Bundesliga zu etablieren. Wie kriegt man es hin, einen Verein, der mittlerweile durchschnittlich 48000 Zuschauer ins Stadion lockt, so bodenständig zu halten, dass sich das Umfeld mittelfristig mit Platz acht bis zwölf zufrieden gibt?

Wir kommen aus einer Talsohle. So lange wir uns langsam in der Bundesliga nach oben entwickeln, bleibt das Umfeld relativ gelassen. Wenn aber die Situation eintritt, dass wir im Mittelfeld angekommen sind, muss man damit rechnen, dass auch wieder eine gewisse Unzufriedenheit herbeigeredet wird.

Aber fühlt sich die Eintracht nicht seit jeher zu Höheren geboren?


Warum sollte sie das? Der durchschnittliche Tabellenplatz, den Eintracht Frankfurt in 45 Jahren Bundesliga belegt hat, ist Platz elf.

So lautet vielleicht die Statistik, aber die Leute erinnern sich lieber an Spiele gegen Real Madrid 1960 im Landesmeister-Cup.


Die Wahrnehmung ist in der Tat anders als die Realität.  Aber seit es die Bundesliga gibt, war Eintracht leider auch noch nie Deutscher Meister.

Wie also haben Sie das Umfeld auf Linie mit dem Klub gebracht, nachdem Sie zur Rückrunde der Saison 2003/04 den Vorsitz in Vorstand übernahmen?

Nach mehreren Abstiegen und einem in letzter Sekunde vereitelten Lizenzentzug mussten wir zunächst das Vertrauen in der Frankfurter Gesellschaft zurück gewinnen, um wirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen. Wir haben das erreicht, in dem wir eine vernünftige Finanzpolitik gemacht haben oder, so weit wie möglich, junge Menschen aus Hessen in die Mannschaft integrierten. In der 2. Liga hatten wir mitunter sieben oder acht Spieler aus der Eintracht-Jugend im Team. Von der Local-Identity mussten wir uns in der Zwischenzeit verabschieden, die gesunde Finanzpolitik konnten wir aber fortsetzen.  Heute genießen wir überall großes Vertrauen. Das erkennt man allein daran, dass alle Business-Seats und Logen verkauft sind.

Das Stadion ist voll, die Business-Seats sind ausverkauft. Das Geld, das zu generieren ist, wird eingenommen. Die logische Folge bei einem Bundesligisten ist doch, in absehbarer Zeit auch mal wieder in die Spitzengruppe vordringen zu wollen.

Ohne internationale Fernsehgelder, spielt man in der Bundesliga eben im Mittelfeld. Um diesen Kreis zu durchbrechen, gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Zum Beispiel, indem man Marketingrechte veräußert. Das kann man machen, aber wir wollen das nicht.

Mit anderen Worten: Eintracht-Fans müssen sich bis auf Weiteres mit dem Mittelmaß begnügen.

Unsere Vision ist, dass Eintracht Frankfurt ein fester Bestandteil des modernen »Städtekampf Bundesliga« ist. Wir müssen dafür sorgen, dass wir zumindest zuhause auch mal in der Lage sind, gegen jeden Gegner zu gewinnen. Das heißt, wir bieten unseren Fans Spiele auf höchstem Niveau in diesem Land, ohne dass die Zuschauer schon vorher ahnen können, wie diese Spiele ausgehen. Denn das hält den Sport so attraktiv.

Ist es denn wirklich eine Vision, den Leuten zu sagen, dass Sie froh sein können, wenn Eintracht Frankfurt in der Bundesliga spielt?

Visionen in der Bundesliga sind nur etwas für Leute, die wenig Informationen haben. Die Tatsache, dass jeder Verein vor der Saison ein Ziel ausgibt, das oberhalb dessen liegt, was er in der vergangen Jahren erreicht hat, impliziert doch schon, dass von 18 Vereinen mindestens zwölf hinter den Erwartungen bleiben. Im Sport bedingt der Erfolg des Einen den Misserfolg des Anderen. Und daraus resultiert dann über Medien und Publikum eine Unzufriedenheit, die zu Dingen wie Trainerentlassungen führt.

Aber Fußball ist auch ein Spiel mit Träumen und Emotionen. Im letzten Jahr wurde Ihr Verein neunter.  Mit den Transfers von Caio und Fenin haben sie Einkäufe getätigt, die noch vor vier oder fünf Jahren undenkbar gewesen wären...

Es ist ja nicht so, dass wir nur gekauft haben. Streit und Takahara wurden uns weggekauft und wir haben 4,5 Millionen Euro eingenommen. Wir waren gezwungen, zu investieren. Und dabei haben wir uns keineswegs übernommen. Denn ich habe einen Aufsichtsratsbeschluss, der besagt, dass ich alles aus dem laufenden Geschäft bezahlen muss. Wir haben gar nicht wie andere die Möglichkeit, uns für Transfers zu verschulden.  

Und mit dieser Regelung sind Sie auch ganz glücklich.


Mit diesem Beschluss schon, aber nicht mit den Folgen. Denn Spieler, die hier etwas heraus ragen, können wir nicht halten. Die werden nach Vertragsende mit Gehaltsangeboten zu anderen Vereinen geführt. Jermaine Jones und Albert Streit würden uns doch gut tun.  Solche Spieler können dafür sorgen, dass der Verein sich weiter entwickelt. Aber diese Leistungsträger werden von den führenden Klubs nach Vertragsende weg geholt.  

Wie lange wird Ihr Plan noch aufgehen? Glauben Sie, dass Sie die Frankfurter  noch für die nächsten zehn Jahren mit dem Argument des Städtekampfes ködern können?


Das kann ich nicht beurteilen. Mit Ihren Fragestellungen setzen Sie aber schon wieder eine neue Erwartungshaltung in Gang. Die veröffentlichte Meinung wird zur öffentlichen Meinung und setzt die handelnden Personen unter Druck. Wer hat denn schon Lust, sich beim Bäcker immer wieder auf die Langeweile in seinem Verein ansprechen zu lassen. Irgendwann gibt man den Erwartungen nach.

Wenn wir uns richtig erinnern, haben Sie auch als Manager in Bielefeld schon so argumentiert. Damals sagten Sie: »Jedes Jahr Bundesliga ist für Bielefeld ein Geschenk«.


Weil die Fans von Arminia es nur schwer wahr haben wollen. Was die Standortvoraussetzungen anbetrifft, ist Bielefeld kein Bundesligist. Aber sie schaffen es immer wieder – weil sie gut sind. Aber: Die Fans erwarten zu viel und das Stadion ist noch nicht mal gegen den  HSV ausverkauft. Das ist eine Katastrophe. Die Ostwestfalen müssen sich die Frage gefallen lassen, warum das Stadion selbst bei so einem Spiel nicht voll ist. Denn sie müssen jederzeit damit rechnen, dass sie das Gut »Bundesliga« verlieren können. 

Trotz Ihres latenten Pessimismus sind die Journalisten und Fans derzeit weitgehend auf einer Linie mit der Eintracht.

Wie kommen Sie überhaupt zu dieser Fehleinschätzung, mir Pessimismus zu unterstellen? Ich gebe meine realistische Einschätzung der Fußball-Bundesliga und der Situation von Eintracht Frankfurt wieder.

Wie stellt sich Ihnen denn derzeit das Umfeld der Eintracht dar?

Es ist die Pflicht des Vorstandes unseren Anhängern eine realistische Erwartungshaltung zu vermitteln. Natürlich hatte die Eintracht um 1992 vier oder fünf gute Jahre, aber sie war vorher und nachher auch oft auf Platz 13 oder 14. Die guten Jahre kriegt man aus den Leuten aber nicht raus. Bei der Eintracht redet man immer noch von Stein, Yeboah, Gaudino, Bein oder Okocha. Aber als die hier Spieler waren, lag der Spieleretat bei 40 Prozent im Vergleich zu dem der Bayern. Heute hat der FCB einen 430 Prozent höheren Spieleretat als wir. Es ist ein Leichtes ist für die Bayern, sich jeden Spieler zu holen, den sie wollen.

Beschreiben Sie mal Ihr Verhältnis zu Friedhelm Funkel?

Funkel ist ein ausgewiesener Fachmann und genießt bei uns großes Vertrauen. Aber privat haben wir nichts miteinander zu tun. Wir sitzen im Bus an die 20 Stunden nebeneinander und haben die Besprechungen jeden Morgen. Das reicht.

Es spricht für Ihr Understatement, nicht öffentlich mit dem Trainer zu fraternisieren.

Das hat damit nichts zu tun. Ich bin nur zu der Erkenntnis gekommen, dass Einjahresverträge die größte vertrauensbildende Maßnahmen in einem Klub sind. Mit Funkel bespreche ich den neuen Vertrag immer im Winter-Trainingslager, das hat bisher stets etwa drei Minuten gedauert. Ich sage ihm dann, ob das Gehalt erhöht wird oder gleich bleibt – und Funkel hat bis jetzt immer sofort akzeptiert. Mein Ziel ist, dass das so bleibt, aber ich muss mir auch die Freiheit erhalten, zu einer anderen Überzeugung zu kommen.

Aber Ihr Konzept hier ist auf längere Zeit angelegt. Und der Trainer ist ein wichtiger Bestandteil dieses Konzeptes.

Eintracht Frankfurt hatte in den zehn Jahren vor Funkel 16 Trainer. Und wir glauben an diesen Coach. Duisburg hatte die größten Erfolge mit Friedhelm Funkel, Uerdingen hatte die größten Erfolge mit Friedhelm Funkel. Bei diesen Vereinen war er vier oder fünf Jahre. Und wer sagt denn, dass Funkel, wenn er bei Bayern München trainieren würde, nicht Deutscher Meister würde?

Aber für den Trainer-Typus »Ehrlicher Arbeiter« haben sie schon ein Faible?

Mag sein. Meine Trainer hießen Möhlmann, Reimann, Ristic, Neururer, Gerland oder Funkel. Die kann man in eine Reihe stellen. Aber was ich wirklich habe, ist ein Faible für Trainer, die Kinder der Bundesliga sind. Trainer, die Fußballer sind.

Sie sind gerade 60 geworden. Ist Frankfurt ihre letzte Station?

Ich gehe mal davon aus. Vor einem halben Jahr habe ich eine Woche darüber nachgedacht, nach Wolfsburg zu wechseln. Da gab es Gespräche, ich habe mich aber anders entschieden.

Dann hätten Sie die geschäftsführende Funktion von Magath übernommen?

So war es gedacht. Zu Magath habe ich ein gutes Vertrauensverhältnis aus unserer gemeinsamen Zeit beim HSV.

Wäre es nicht sinnvoll gewesen, nachdem Sie in Frankfurt so viel erreicht haben, in Wolfsburg noch mal in der Champions League mitzumischen?

Wissen Sie, meine Frau hat beobachtet, dass ich mich in meinem Leben immer schwer getan habe, wenn ich mich den Meinungen anderer unterordnen musste. Sie sagt, ich sei lieber ein kleiner Herr, als ein großer Diener.

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