21.09.2008

Heribert Bruchhagen im Interview

»Aus der Talsohle«

Im kommenden Heft portraitieren wir Eintracht Frankfurt, die »launische Diva«, die sich dank guter Führung im Mittelfeld der Bundesliga etabliert hat. Hier spricht Heribert Bruchhagen über seine Visionen und den »moderenen Städtekampf«.

Interview: Tim Jürgens und Jens Kirschneck Bild: Imago
Heribert Bruchhagen im Interview
Heribert Bruchhagen, haben Sie vor dieser Saison auch wieder mit einem Journalisten gewettet, durch Nennung von sieben Mannschaften die sechs ersten Plätze der Saisonabschlusstabelle voraus zu sagen?

Nein, die Wette hat Ihren Kollegen das letzte Mal rund 100 Euro in Rotwein gekostet. Er hat sich nach in dieser Sache also nicht mehr hören lassen. Aber, wenn Sie wollen, können wir diese Wette gerne wieder abschließen. Ich kann Ihnen spontan sieben Vereine nennen, von denen am Ende sechs vorne sind.



Wer gehört denn neuerdings mit in dieses Ranking? Wolfburg oder Hoffenheim?

Sicher würde ich Wolfsburg dazu zählen. Hoffenheim noch nicht, denn noch ist der Verein keine berechenbare Größe. Erst wenn die in der Winterpause für 50 Millionen Euro einkaufen, würden sie das werden.

Gefährden solche von Sponsoren gestützten Vereine Eintracht Frankfurt, das Sie streng nach kaufmännischen Prinzipien führen?

Alle Traditionsvereine haben die gleichen Standortvoraussetzungen. Hoffenheim, Wolfsburg und Leverkusen sind da natürlich etwas besser strukturiert, als der Rest der Bundesliga.

Sie haben es geschafft, die »launische Diva vom Main« mit einer soliden Führung im Mittelfeld der Bundesliga zu etablieren. Wie kriegt man es hin, einen Verein, der mittlerweile durchschnittlich 48000 Zuschauer ins Stadion lockt, so bodenständig zu halten, dass sich das Umfeld mittelfristig mit Platz acht bis zwölf zufrieden gibt?

Wir kommen aus einer Talsohle. So lange wir uns langsam in der Bundesliga nach oben entwickeln, bleibt das Umfeld relativ gelassen. Wenn aber die Situation eintritt, dass wir im Mittelfeld angekommen sind, muss man damit rechnen, dass auch wieder eine gewisse Unzufriedenheit herbeigeredet wird.

Aber fühlt sich die Eintracht nicht seit jeher zu Höheren geboren?


Warum sollte sie das? Der durchschnittliche Tabellenplatz, den Eintracht Frankfurt in 45 Jahren Bundesliga belegt hat, ist Platz elf.

So lautet vielleicht die Statistik, aber die Leute erinnern sich lieber an Spiele gegen Real Madrid 1960 im Landesmeister-Cup.


Die Wahrnehmung ist in der Tat anders als die Realität.  Aber seit es die Bundesliga gibt, war Eintracht leider auch noch nie Deutscher Meister.

Wie also haben Sie das Umfeld auf Linie mit dem Klub gebracht, nachdem Sie zur Rückrunde der Saison 2003/04 den Vorsitz in Vorstand übernahmen?

Nach mehreren Abstiegen und einem in letzter Sekunde vereitelten Lizenzentzug mussten wir zunächst das Vertrauen in der Frankfurter Gesellschaft zurück gewinnen, um wirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen. Wir haben das erreicht, in dem wir eine vernünftige Finanzpolitik gemacht haben oder, so weit wie möglich, junge Menschen aus Hessen in die Mannschaft integrierten. In der 2. Liga hatten wir mitunter sieben oder acht Spieler aus der Eintracht-Jugend im Team. Von der Local-Identity mussten wir uns in der Zwischenzeit verabschieden, die gesunde Finanzpolitik konnten wir aber fortsetzen.  Heute genießen wir überall großes Vertrauen. Das erkennt man allein daran, dass alle Business-Seats und Logen verkauft sind.

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