Heribert Bruchhagen im Interview

„Wegen jedem Fliegenschiss“

Im neuen 11FREUNDE-Heft beklagt Manni Breuckmann den Untergang des Fußballs im Sumpf der Eventisierung. Auch Heribert Bruchhagen, Vorstandsvorsitzender von Eintracht Frankfurt, stimmt die Entwicklung nachdenklich. Imago
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Herr Bruchhagen, man sagt, dass die Spieler heutzutage mehr Macht haben als noch vor 20 Jahren. Können Sie das bestätigen?

An einem Spieler hängen heute oftmals eine Vielzahl von Personen, allen voran die Berater. Ich habe neulich ein Interview mit Joachim Löw gelesen. Dort sagt er, dass die Spieler von heute eine „Ich-AG“ sind. Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

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Wenn man eine Vertragsverhandlung mit einem Spieler von vor 15 Jahren mit einer gegenwärtigen vergleicht: Wo liegen die Unterschiede?

Heute gibt es einen Markt für Spieler, den es früher in diesem Maße nicht gab. Ich selber war in Gütersloh 14 Jahre lang Spieler und sechs Jahre Trainer. In den 20 Jahren hatte ich aber nie ein Angebot eines anderen Vereins. Das stand damals einfach nicht zur Debatte. Ich war ein Durchschnittspieler, und für Durchschnittsspieler wie mich gab es damals einfach noch keinen Markt.


Spieler werden in der heutigen Zeit immer häufiger als „Söldner“ bezeichnet. Wie kann Abhilfe geschaffen werden?

Geld spielt in diesen Tagen sicherlich eine größere Rolle, aber in den 90 Minuten auf dem Platz ist alles so wie früher. Ob Spieler geldorientiert sind oder nicht: Sie sind deshalb Bundesligaspieler, weil sie als Kinder von morgens bis abends Fußball gespielt haben und Fußball für sie immer im Vordergrund stand. Außerhalb des Platzes jedoch stimmt das leider, da gibt es diese Söldnermentalität. Die Identifikation mit dem Verein zu stärken wird zunehmend schwieriger. Ein wichtiger Ansatzpunkt ist, den Verein professionell zu führen. Das bedeutet, als Verein in seinen Aussagen den Spielern gegenüber verlässlich zu sein, aber andererseits auch den Spieler klar die Richtung vorzugeben. Wichtig ist, gemachte Zusagen auch einzuhalten, also ehrlich und fair mit den Spielern umzugehen. Das ist das beste Mittel, um sie an den Verein zu binden.

Inwieweit versuchen auch Sponsoren Einfluss auf die Vereinspolitik zu geben?


Bei uns in Frankfurt geschieht das nicht, und die Möglichkeit besteht auch gar nicht. Unser Hauptsponsor hält sich komplett aus dem sportlichen Bereich heraus. Alles andere wäre auch undenkbar. Nach meiner Kenntnis gibt es so was auch bei den anderen Bundesligisten nicht.

Auf der einen Seite braucht man treue und lautstarke Fans, die die Mannschaft unterstützen. Auf der anderen Seite benötigt man jedoch VIP-Logen und teure Sitzplätze, um höhere Einnahmen zu generieren. Wie ist dieser Interessenkonflikt zu lösen?

Da muss man das richtige Mittelmaß finden. In Frankfurt haben wir 10.000 Stehplätze, für die einen Saisonkarte 100 € kostet, und weitere ca. 15.000 Sitzplätze für 100 bis 240 €. Das ist das richtige Maß. Wir haben aber auch Dauerkarten für 5000 € im Programm. Bei einem großen Stadion wie dem unseren ist es natürlich einfacher, die Kartenpreise so auszudifferenzieren. Für Vereine wie Cottbus oder Bochum ist das sicherlich schwieriger.

Was hat sich ihrer Meinung in den letzten zehn, zwanzig Jahren im Fußballgeschäft zum Positiven entwickelt?

Die Fankultur ist besser geworden. Die Fans sind heute zwar kritischer, aber auch viel friedlicher. Da hat sich die Trennung der Fangruppen bewährt. Wenn früher Schalke gegen Dortmund gespielt hat, gab es anschließend auf der Kurt-Schumacher-Straße regelrechte Massenkeilereien. Das Fanverhalten insgesamt hat sich entscheidend verbessert, so dass sich heute auch Familien in den Stadien sicher und wohl fühlen. Die Fans sind zwar speziell über das Internet und andere Organisation sehr viel kritischer geworden, doch damit lässt sich gut leben.

Was war die wichtigste Reform, die von der DFL eingeleitet und umgesetzt wurde?

An erster Stelle steht da das rigide Lizensierungsverfahren, denn es zwingt die Vereine, wirtschaftlich zu handeln. Dazu gehört die Zwischenlizensierung in der Winterpause und die monatliche Berichterstattung an die DFL. Somit haben die Vereine so gut wie keine Chance mehr, unvernünftige Dinge zu tun. Das hat die DFL gut gelöst.

Wenn sie zwei Wünsche frei hätten, welche Änderung würden Sie sich für die Bundesliga wünschen?

Ich würde mir zum einen wünschen, dass die Spielunterbrechungen weniger werden, und die Spieler sich nicht wegen jedem Fliegenschiss behandeln lassen. Zum anderen, dass der Respekt vor den Schiedsrichterentscheidungen wieder größer wird, sowohl von Seiten der Spieler als auch von uns Funktionären.

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Weitere Urgesteine zum Wandel des Fußballs:

Werner Hansch: „Der Fan ist die Basis“ www.11freunde.de/bundesligen/101984

Willi Landgraf „Man gewöhnt sich an alles“ www.11freunde.de/bundesligen/101924

Lothar Woelk „Die Fans wollen den Kommerz “ www.11freunde.de/bundesligen/101923

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