Herbert Fandel im Interview

„Warum passiert das mir?“

Herbert Fandel ist ein Mann der Extreme. Unlängst wurde er sowohl zum zweitbesten als auch zum drittschlechtesten Bundesliga-Schiri gewählt. Er pfiff das CL-Finale und wurde nun von einem Rowdy zum Spielabbruch genötigt. Wir sprachen mit ihm. Imago

Herr Fandel, fühlen Sie sich auch als Champions-League-Gewinner?

Wir sind sehr erleichtert, dass das Spiel für das Schiedsrichterteam so gut gelaufen ist. Der Druck, der vor einem solchen Ereignis auf einem lastet, ist schon gewaltig. Um mich trotzdem optimal vorzubereiten, habe ich mich ganz früh mit allen Details beschäftigt. Die Vorbereitung auf das Finale hat eigentlich mit dem Schlusspfiff des Bundesliga-Spiels Dortmund gegen Schalke begonnen.

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Was gehört zu einer solchen Vorbereitung dazu?


In den letzten Tagen vor Athen habe ich beruflich ein bisschen runter gefahren. Man muss sich einfach mal abschotten und alle unwichtigen Sachen ignorieren. Es dreht sich alles nur noch um dieses eine Spiel. Zusätzliche Informationen über die Mannschaften brauchte ich mir nicht zu besorgen. Ich kenne die Mailänder in- und auswendig, auch die Liverpooler habe ich schon oft gepfiffen. Darüber haben wir auch im Meeting vor dem Spiel gesprochen: Es ist ein Vorteil, wenn man sich sehr gut kennt. Dann sind viele grundsätzliche Fragen schon vorab geklärt. Das war vielleicht auch ein Grund, warum das Spiel im Großen und Ganzen so fair ausgetragen wurde.

Wie ist das Verhältnis zu den Spielern, wenn man sich so gut kennt?

Es ist sehr herzlich und geradezu freundschaftlich, sei es vor dem Spiel auf dem Weg von der Kabine auf den Platz oder hinterher. Es ist bemerkenswert, wie diese Top-Spieler auf einen Schiedsrichter reagieren.

Ein Unterschied zur Bundesliga?


Ja, eindeutig. Man wird international respektvoller behandelt, trifft sich absolut auf Augenhöhe. Ich genieße das schon sehr, dass die Spieler und Trainer auch nach Niederlagen in die Kabine kommen und sich bedanken. Das gehört für mich zum Fair-Play mit dazu. Während der 90 Minuten wird hart gefightet. Da macht der eine oder andere Spieler mal einen Fehler, da macht der Schiedsrichter mal einen Fehler. Das gehört halt zum Fußball dazu. Eher akzeptiert wird das aber im internationalen Fußball.

War das Finale von Athen nicht letztendlich doch ein einfaches Spiel?


Auf gar keinen Fall. Es wurde zwar nicht so hart ausgetragen, wie zu erwarten war. Aber wenn der Druck auf den Schiedsrichter so groß ist, kann das nie ein einfaches Spiel sein. Egal, wie es letztendlich auf dem Platz läuft.

Sie haben aufkommende Härte schnell unterbunden.

Die ersten 30 Minuten waren ziemlich nickelig. Als es sich in der zweiten Halbzeit zu einem besseren Fußballspiel entwickelte, wurde es auch einfacher für mich.

Gattuso gilt ja hierzulande als besonders nickeliger Zeitgenosse.


Ach, Gattuso. Mit Gattuso bin ich wirklich nahezu befreundet. Wir sind zusammen aufgewachsen. Ich habe ihn schon gepfiffen, als er vor zehn Jahren in der Jugendauswahl gespielt hat. Wir kennen uns von den Olympischen Spielen und von der U21-Europameisterschaft. Wir haben also immer mal wieder die Klingen gekreuzt. Auf dem Platz gibt er immer alles und nimmt auch die Konsequenzen dafür in Kauf. Nach dem Schlusspfiff ist er trotzdem der Erste, der zu mir kommt. Er ist übrigens ein sehr intelligenter Mann, was man aufgrund seiner Spielweise nicht vermuten würde.


War das Champions-League-Finale der Höhepunkt Ihrer Karriere?

Zweifelsohne. Es war das vierte große Endspiel für mich – und ganz eindeutig das dickste. Vorher hatte ich zweimal das deutsche Pokalfinale gepfiffen und im letzten Jahr das UEFA-Cup-Endspiel FC Sevilla gegen den FC Middlesbrough. Mein großes Ziel ist jetzt die EM in Österreich und der Schweiz. Wenn meine alten Knochen bis zum nächsten Jahr halten, könnte das auch durchaus klappen...

Darf man als Schiedsrichter nach einem solchen Spiel eigentlich feiern?

Das gehört dazu. Ich bin Sportler und Fußballer, aber wenn nach einem solchen Spiel die Erleichterung einsetzt, muss man auch feiern können. Wir haben das ausgiebig getan (lacht).

Liverpool-Trainer Rafa Benitez hat sich nach dem Spiel darüber beschwert, dass Sie zu früh abgepfiffen haben.

Die Kritik war vielleicht etwas lautstark. Ich habe sie aber nicht als übertrieben wahrgenommen. So etwas wird schon einmal gesagt, wenn man verliert. Ich akzeptiere es, dass man Emotionen zeigt und durchaus Frust schiebt, weil man das Spiel nicht gewonnen hat. Das ist doch ganz normal. Es wird sich aber wohl niemand ernsthaft über die fehlenden 13 Sekunden aufregen, zumal die Italiener in Ballbesitz waren. Und wenn da doch jemand kommt, muss man als Schiedsrichter drüber stehen. Man hat ja immer mit Kritik zu tun, weil immer jemand verliert.

Die englische Presse hatte vorher ausgerechnet, dass Liverpool mit ihnen in drei Spielen zweimal unterlegen war und kein Tor erzielt hatte. Mailand konnte dagegen auf eine Bilanz von fünf Spielen und fünf Siegen verweisen. Kann der Stil eines Schiedsrichters der einen Mannschaft mehr entgegen kommen als der anderen?

Für mich steht fest, dass der Schiedsrichter das Ergebnis nicht beeinflussen kann. Die Presse hatte auch mal ausgerechnet, dass der HSV mit mir zehn Spiele hintereinander nicht gewonnen hat. Das sind aber alles nur Zahlenspielereien. Statt sich darüber Gedanken zu machen, sollte sich die Mannschaft lieber hinterfragen, warum sie nicht einfach mal wieder gewinnt. Am Schiedsrichter liegt es jedenfalls nicht.

Der englische Schiedsrichter Graham Poll, der gerade seine Karriere beendet hat, sagt: „Referees sind heute nur noch Zielscheiben von Trainern und Spielern. Es geht allein um den Erfolg. Koste es, was es wolle.“

Da ist etwas Wahres dran. Ich würde aber ein Komma setzen und sagen: „aber jeder Schiedsrichter weiß das vorher und stellt sich diesem Job freiwillig.“ Es ist eine für den Fußball sehr wichtige Aufgabe, Schiedsrichter zu sein. Ich glaube auch, dass man die eine oder andere Emotion durchaus zulassen sollte. Nur wenn es darüber hinausgeht, muss man sich auch entsprechend wehren. Und als Schiedsrichter hat man die Möglichkeiten dazu.

Wie haben Sie die veränderte Bedeutung des Fußballs hierzulande beobachtet?

Das ist eine Entwicklung der letzten zehn Jahre. Um den Fußball herum ist es viel aggressiver geworden, weil ziemlich viel Geld hinein geflossen ist. Das Gewinnen – koste es, was es wolle – steht überall im Mittelpunkt. Das bekommen die Schiedsrichter sehr oft zu spüren, obwohl sie ihre Aufgabe gewissenhaft und neutral angehen. Sie werden von unterlegenen Trainern oder Spielern manchmal schon sehr heftig attackiert.

Wenn Sie am Wochenende nach Hamburg reisen, fahren Sie dann „ins Volksparkstadion“ oder „in die AOL-Arena“?


(lacht) Ich gestehe, dass ich „ins Volksparkstadion“ fahre. Ich bin einer der letzten aus der Schiedsrichtergilde, die auch schon in den alten Stadien gepfiffen haben. Ich fahre ausgesprochen gerne nach Hamburg, habe aber immer noch das Gefühl, dass ich ins Volksparkstadion fahre. Das Stadion ist nach dem Umbau sicherlich eines der schönsten in Deutschland. Das schönste ist für mich aber das Westfalenstadion. Ich finde es besonders interessant wegen dieser unglaublichen Zahl von Menschen auf der Stehtribüne hinter dem Tor.

Bedauern Sie es eigentlich, dass das Champions-League-Finale jetzt ein wenig hinter dem Dänemark-Spiel verblasst?

Am Anfang dachte ich: Muss das jetzt noch sein? Warum passiert das mir? Ich kann aber akzeptieren, dass ich in beiden Spielen nur konsequent meine Arbeit gemacht habe. Bis zur 88. Minute war es ein riesiges Fußballspiel. Was in der Berichterstattung leider untergeht, ist eher, dass es eines der besten Spiele war, die ich jemals gepfiffen habe: Es war ein so phantastisch offensiv geführtes Spiel, mit zahlreichen Torchancen auf beiden Seiten. Erst stand es 3:0 für die Schweden, dann schafften die Dänen das 3:3 und waren am Drücker, ehe dann Poulsen seinen Gegenspieler niedergeschlagen hat. Ein unglaubliches Spiel, das ein anderes Ende verdient gehabt hätte. Bis zu dem Zeitpunkt war es übrigens absolut fair gelaufen, ich hatte nur zwei Gelbe Karten zücken müssen. Es war eine Freude für einen Schiedsrichter, dieses Spiel begleiten zu dürfen, bis zu dieser Situation.


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