06.08.2011
Herbert Binkert über Saarbrücken, Milan und den Aufstieg
»Wir waren in aller Munde«
Nach Saarbrückens Berg- und Talfahrt der letzten Jahre ist es nur schwer vorstellbar, dass der Traditionsklub einst gegen Real Madrid oder den AC Mailand siegte. FCS-Legende Herbert Binkert erinnert sich an eine goldene Ära.
Interview:
Andreas Bock
Bild: Imago
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Herbert Binkert: Wissen Sie, wir hatten in jener Zeit so viele spannende Spiele. Dadurch dass Saarbrücken durch den politischen Status des Saarlandes nicht am regulären deutschen Ligabetrieb teilnehmen konnte, waren wir ständig unterwegs. Wir machten Freundschaftsspiele in Rio de Janeiro, in Sao Paulo, wir spielten in Liverpool 1:1 oder gewannen 4:0 im Bernabeu gegen Real Madrid, die seit zwölf Jahren kein Heimspiel mehr verloren hatten.
Der 1. FC Saarbrücken war damals in ganz Europa bekannt.
Herbert Binkert: So war es tatsächlich. Wir waren in aller Munde. Der damalige Fifa-Präsident Jules Rimet sagte in einem Interview nicht ohne Grund: »Die interessanteste Mannschaft des Kontinents kommt aus Saarbrücken.« Die beiden Spiele gegen den AC Mailand waren insofern schon toll – aber eben nur zwei von vielen Highlights während meiner Saarbrücker Zeit.
Der AC Mailand ging damals trotz der großen Siege des FCS als Favorit in die Partie.
Herbert Binkert: Sicher. Die hatten diesen fantastischen schwedischen Sturm mit Gunnar Nordahl und Nils Liedholm. Der beste Sturm Europas! Zudem bestand die Mannschaft aus Vollprofis. Der 1. FC Saarbrücken hingegen setzte sich zusammen aus Feierabendfußballern. Ich war etwa Beamter im saarländischen Ministerium. Tagsüber war ich im Büro, abends dann beim Training. Dreimal die Woche.
Das Hinspiel gewann der 1. FC Saarbrücken in San Siro sensationell mit 4:3. Sie spielten allerdings nicht. Wieso?
Herbert Binkert: Ich war verletzt – und habe mich natürlich tierisch geärgert. Damals war es leider auch noch nicht üblich, dass man die Mannschaft trotzdem begleiten konnte. Die Verletzten blieben zu Hause und durften ihre Wunden lecken. Die Partie wurde leider auch nicht im Fernsehen übertragen. Also wartete ich zu Hause gebannt auf den versprochenen Anruf aus Mailand.
Wer rief Sie an?
Herbert Binkert: Hans Tauchert, der Trainer. DiIrekt nach dem Spiel. Ich konnte es natürlich kaum glauben, war außer mir vor Freude. 4:3 in Mailand!
Wie wurde Saarbrücken, als Teil des abgespaletenen Saarlands, eigentlich in Deutschland wahrgenommen?
Herbert Binkert: Die Presse war uns wohlgesonnen, wenngleich uns vielleicht nicht die Beachtung eines HSV oder 1. FC Nürnberg zuteil wurde. Bei dem Heimspiel gegen Mailand saßen im Publikum auch Fans aus Deutschland, die uns ebenfalls beklatschten. Das war sowieso eine Sache, die man heute nicht mehr kennt: Mitunter wurden in den 50er Jahren sogar die Gegner bejubelt. Bei Saarbrückens 4:0-Erfolg in Madrid verneigten sich jedenfalls auch die Real-Fans. Es war ein unfassbares Erlebnis. Unwirklich irgendwie.
Sie kannten die gegnerischen Mannschaften damals vornehmlich vom Namen: Nils Liedholm, Gastone Bean oder »Pepe« Schiaffino. Wie bereiteten die Trainer die Mannschaften auf Spiele gegen ausländische Mannschaften vor?
Herbert Binkert: Weil es so etwas wie Videoaufzeichnungen noch nicht gab, schickte der Trainer zumeist – so war es auch vor den Spielen gegen Milan – Co-Trainer oder andere Klub-Mitarbeiter zu den kommenden Gegnern. Schwierig war das natürlich bei Mannschaften aus Übersee. Vor den Spielen gegen den FC Sao Paulo oder Libertad Asuncion hieß es dann vom Trainer: »Konzentriert euch auf euer Spiel.« Zur Halbzeit wurde dann erstmals darüber diskutiert, mit welcher Taktik der Gegner agierte und was man dieser entgegensetze könnte.
Welche Taktik gab Hans Tauchert gegen den AC Mailand aus?
Herbert Binkert: Wir spielten das damals gängige WM-System, also drei Stürmer, zwei Halbstürmer und zwei Blocker. Ich spielte im Rückspiel Mittelstürmer, wenngleich ich auch häufig als rechte Außenläufer eingesetzt wurde. Mit der Süddeutschen-Auswahl spielte ich sogar manchmal als rechter Halbstürmer. Wie es gerade passte.
Nach dem 4:3 in Mailand verlor Saarbrücken im Rückspiel letztlich deutlich mit 1:4. Eine vorhersehbare Niederlage?
Herbert Binkert: Das vielleicht nicht, wir wussten ja, dass wir an guten Tagen jeden schlagen konnten. Doch die Mailänder machten nicht mehr den Fehler, uns zu unterschätzen. Sie entfachten einen wahnsinnigen Druck. Nach dem 0:1 kamen wir trotzdem durch ein Tor von mir zurück. Doch wir waren in der zweiten Hälfte stehend K.o. Die Italiener waren fitter. Und auch wenn wir während dieser Zeit einen sagenhaft guten Fußball spielten, muss ich gestehen: der AC Mailand war im Rückspiel spielerisch einfach stärker.
Werden Sie von den heutigen Saarbrücker-Spielern noch häufig auf jene ruhmreichen 50er Jahre angesprochen?
Herbert Binkert: Klar, und die staunen manchmal nicht schlecht, denn dem 1. FC Saarbrücken ging es ja zuletzt nicht sonderlich gut. Nun ist immerhin der Aufstieg in die 3. Liga geglückt. Und ganz ehrlich, der Klub gehört doch eigentlich mindestens in die 2. Liga. Der Klub hat jedenfalls immer noch einen guten Namen. Das belegen ja auch die Zuschauerzahlen, in der Saison 2009/10 waren mitunter 6000 Fans im Stadion.
Sie sind voller Hoffnung?
Herbert Binkert: Ich war ja die letzten Jahre stets im Stadion. Ich habe also die Entwicklung verfolgt – und ich finde, die Mannschaft hat diesen Aufstieg redlich verdient.
Sind Sie noch häufig im Ludwigspark?
Herbert Binkert: Wissen Sie, ich bin 87 Jahre alt. Meine Frau ist vor nicht so langer Zeit gestorben, das hat mich zurückgeworfen. Vielleicht ist es jetzt auch mal gut mit Fußball.



