12.04.2012

Hendrik »Badesalz« Nachtsheim über Eintracht Frankfurt

»Wir warten auf den Orgasmus«

Letzter in der Rückrundentabelle, seit 723 Minuten torlos – niemand weiß besser, wie sich Eintracht Frankfurt fühlt, als »Badesalz«-Comedian Hendrik Nachtsheim. Wir sprachen mit ihm über Funkel und hessische Orgasmen.

Interview: Alex Raack Bild: Imago

Hendrik Nachtsheim, gibt es eigentlich so etwas wie die Frankfurter Fußball-Mentalität?
Hendrik Nachtsheim: In meinem Bühnenprogramm bringe ich dafür immer ein Beispiel aus der Saison 1975/76: Am 15. Spieltag gewannen wir gegen die Bayern mit 6:0, und waren die Größten! Eine Woche später endete ein tristes Duell im tabellarischen Mittelfeld gegen Hertha BSC mit 1:1. Das ist die Eintracht: Stets beseelt vom leichten hessischen Größenwahn.

Unberechtigten Größenwahn wirft man doch seit jeher dem 1. FC Köln vor.
Hendrik Nachtsheim: Die sind wahrscheinlich noch schlimmer als wir. Aber wir ticken ähnlich. Noch ein Beispiel aus der laufenden Saison: Vor dem ersten Rückrundenspiel gegen Hannover – Frankfurt war zu diesem Zeitpunkt Siebter – stellt sich doch tatsächlich Patrick Ochs mit so einem naiven Kinderlächeln vor die Kameras. Ich denk noch: Bitte, halt die Klappe! Aber er: »Wir wollen jetzt natürlich noch weiter nach oben. Einer Mannschaft wie Hannover sind wir qualitativ ja eigentlich überlegen.« Und was passiert? Hannover führt uns vor, wir verlieren 0:3 und bis zum heutigen Tag hat die Mannschaft kein einziges Tor mehr geschossen! Immer dann, wenn die SGE ihre eigene Fähigkeiten überschätzt, wird sie dafür gnadenlos bestraft. Es ist zum Heulen. 

Aktuell ist Frankfurt Zwölfter und hat seit 723 Minuten kein Tor  mehr geschossen. Wie groß ist der Anteil von Trainer Michael Skibbe an der Negativserie der Rückrunde?
Hendrik Nachtsheim: In der Hinrunde hat man ihn gefeiert, weil die Mannschaft tollen Fußball gespielt hat, teilweise one-touch – das waren wir hier gar nicht mehr gewöhnt. Aber jetzt steckt er in einer Situation, mit der er sich nicht auskennt: Dem Abstiegskampf. Und er wirkt hilflos. Sein Vorgänger Friedhelm Funkel ist damit schon deutlich besser zu Recht gekommen. 

Aber war man in Frankfurt nicht froh, den ewigen Griesgram Funkel im vergangenen Sommer endlich losgeworden zu sein?
Hendrik Nachtsheim: Ach, ich mochte sein Art: Loyal, zurückhaltend und vor allem realistisch. Ich brauche keinen Entertainer, ich brauche einen Trainer. Vielleicht einen wie Dieter Hecking, der im Trainingsanzug an der Linie steht. So ein bodenständiger Typ, keiner, der unnötig viel redet. 

Sieht das Rest der Fanszene denn genauso?
Hendrik Nachtsheim: Nicht unbedingt. Ich schreibe seit einigen Jahren Eintracht-Kolumnen in diversen Tageszeitungen und auch nach den ersten »Funkel raus«-Rufen habe ich ihn damals weiterhin eisern verteidigt. Eines Tages stand ich im Supermarkt am Kühlregal, als ich mich ein Kerl von hinten an der Jacke packte und mich anbrüllte, was ich denn für einen Scheiß in der FAZ geschrieben hätte. Das war wirklich unangenehm. Vor allem, weil der so einen schlechten Atem hatte: Eine ungesunde Mischung aus Malboro und Fischbrötchen. Generell würde ich sagen, dass die Frankfurter Fanszene damals gespalten war: In die Funkelisten und die Anti-Funkelisten.

Was sind die Gründe für den aktuellen Misserfolg?
Hendrik Nachtsheim: Die Zusammensetzung des Kaders passt einfach nicht. Wenn man ganz brutal durchgreifen würde, müsste man die halbe Mannschaft rausschmeißen. Und zum Thema torlos: Wenn sich eine Mannschaft von nur einem einzelnen Mann – hier Teofanis Gekas – so abhängig macht, dann ist es kein Wunder, dass niemand anders in der Lage ist Tore zu schießen, wenn der Torjäger mal eine Ladehemmung hat. Ich bin von der Eintracht momentan sehr enttäuscht.

Als natürlicher Lebensraum von Eintracht Frankfurt gilt seit Jahren das Mittelfeld der Bundesliga-Tabelle. Was hindert den Klub daran, bei den Großen mitzumischen?
Hendrik Nachtsheim: Ich glaube, wir Hessen haben uns noch immer nicht von der verpassten Meisterschaft 1992 erholt. Das Spiel gegen Rostock (am letzten Spieltag der Saison 1991/92 verlor Tabellenführer Frankfurt gegen Hansa Rostock 1:2 und damit auch die Meisterschaft, d. Red.) war für uns wie ein Coitus interruptus. Wir standen da, mit herunter gelassener Hose, waren völlig geil auf diesen Moment – und wurden auf furchtbare Art und Weise enttäuscht.
Wir warten noch immer auf den Orgasmus, deshalb sind hier auch so viele so ungeduldig. Heute siehst du im Waldstadion immer noch Menschen, die T-Shirts mit der Aufschrift tragen: »Traumatisiert am 16. Mai 1992«. Das ist Eintracht Frankfurt.

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