24.06.2010

Helmuth Scharnowski über Fußball in Afrika

»Man sollte nicht jedem trauen«

Vor über zehn Jahren ging der Flensburger Helmuth Scharnowski nach Namibia. Er wurde Coach des Civics FC und trainierte die Nationalelf. Wir sprachen mit ihm über windige Spielerberater und den Traum von Europa.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago

Wie wirkte sich Ihr Engagement auf den Fußball in Namibia aus? Hatten Ihre Neuerungen eine katalytische Wirkung?

Die Civics haben ihre Heimat in Khomasdal, einem Township in der Nähe von Windhoek. Dieser Township galt lange Zeit als Bereich, der überhaupt keine Identität hat. Dort leben die sogenannten »Coloured«, die »Farbigen«, also die Menschen, die weder richtig schwarz, noch richtig weiß waren. Die Kriminalität war hoch, Messerstechereien waren an der Tageszeitung. Doch durch den anhaltenden Erfolg im Fußball, hat sich hier tatsächlich ein andere Lebensqualität eingestellt. Zugleich blieb aber auch der Neid nicht aus.

Wie drückte sich der Neid aus?

Wir wurden mit den Civics dreimal in Folge Meister. Da fragten die Trainer der anderen Klubs skeptisch: »Wie ist so etwas möglich?« Manchmal schienen sie zu glauben, dass das nicht mit rechten Dingen zugehen könne. Ich geriet richtiggehend in Erklärungsnot. Dann sagte ich ihnen, dass es enorm wichtig für eine Mannschaft sei, die Spieler finanziell abzusichern. Sie müssten so viel Geld verdienen, dass sie sich um Essen und Miete keine Sorgen machen brauchen. Sie bräuchten einen freien Kopf. Die Konkurrenten zogen dann nach, und so entwickelte sich mit den Jahren eine semiprofessionelle Liga, in der es mittlerweile auch richtige Verträge gibt, und in der die Spieler ein ganz gutes Gehalt bekommen.

Sind die Civics immer noch das Maß aller Dinge in der namibischen Liga?

Überhaupt nicht. In der Zwischenzeit haben die Sponsoren den Fußball entdeckt und dick investiert. Eine Mannschaft wie Black Africa hat etwa drei Millionäre und einen Milliardär im Rücken. Es gibt Diamanten- oder Versicherungsunternehmen, die die Vereine buttern. Zugleich ist die Liga auch größer geworden. Momentan finden Verhandlungen mit Sportive über eine Vermarktung der Namibian Premier League, der NPL, statt. Für Sportive wäre die Unterstützung Peanuts, für die NPL wäre es der Schritt zur Vollprofessionalität.

Kann die NPL denn heute schon mit der südafrikanischen Premier Soccer League konkurrieren?


Fußballerisch sind wir ungefähr auf dem Niveau der National First Division, also der zweiten südafrikanischen Liga. Von den Gehältern sind wir allerdings noch Lichtjahre entfernt. Selbiges gilt auch für einen Vergleich mit der angolanischen Girabola League. Gerade wegen seiner Bodenschätze, vornehmlich dem Ölvorkommen, hat Angola einen großen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, der sich natürlich auch auf den Fußball auswirkte.

Der Traum vieler namibischer Spieler ist vermutlich dennoch der Wechsel zu einem europäischen Klub?


Das ist das Fernziel, klar. Dennoch sind Südafrika und Angola für die Namibier der erste Schritt zur Vollprofessionalität. Zudem sind diese Ligen das ideale Sprungbrett für Europa.

Welche Namibier hat es bislang nach Europa geschafft?

Die drei bekanntesten Spieler sind der HSVer Collin Benjamin, der ehemalige Bremer Razundara Tjikuzu und Heinrich Isaacs, der einige Jahre für den dänischen Klub SønderjyskE spielte. Ein paar weitere Spieler haben in unteren europäischen Ligen gekickt. Sie haben es nicht geschafft – aus veraschiedenen Gründen.

Collin Benjamin spielt seit zehn Jahren beim HSV, einem großen europäischen Verein. Was hat er, was den anderen Namibiern fehlt?


Collin ist sehr charakterstark, er ist eine gefestigte Persönlichkeit und er hatte von Beginn an eine große fußballerische Intelligenz. Zudem hatte er einen sehr starken Willen. Als Collin vor elf Jahren nach Deutschland ging, hatte er dieses klare Ziel vor Augen: Fußballprofi. Er reiste damals mit seinem Mitspieler Floris Diergaardt, der fußballerisch vielleicht sogar besser war als Collin. Doch Floris hatte Heimweh und ging nach einem Jahr beim Amateurklub Germania Schnelsen Hamburg zurück nach Windhoek. Bei Collin hingegen zeigte sich: Du kannst fußballerisch alles auf dem Kasten haben, doch du musst im Kopf fit sein. Und genau da liegt auch mein Ansatz als Fußballlehrer. Ich muss meinen Spielern ja fußballerisch nichts mehr beibringen, das, was ihnen fehlt, sind eine mentale Stärke, Intelligenz für das Spiel und Bildung an sich.

Vielen Beratern und Agenten ist es herzlich egal, ob ein Spieler über die Reife verfügt, im Ausland zu spielen. Sie umgarnen die afrikanischen Spieler mit Fantasieverträgen. Wie gehen Sie mit solchen Anfragen um?

Bei den Civics werde ich ständig mit solchen Anfragen konfrontiert. Aktuell bin ich sogar in der Position, dass ich auch von anderen Trainern und Spielern konsultiert werde, wenn wieder mal ein undurchsichtige Berater anklopft. Ich nehme da auch kein Blatt vor den Mund: Ich halte die Anfragen von nicht autorisierten Agenten für eine große Betrügerei.

Inwiefern?

Diese Berater kommen hierher und versprechen das Blaue vom Himmel, ohne sich je mit dem Spieler auseinandergesetzt zu haben. Sie kennen vielleicht die äußerlichen Faktoren, sie wissen, das Spieler x ein guter, ein schneller, vielleicht ein torgefährlicher Fußballer ist. Doch es interessiert sie nicht, ob dieser Spieler psychisch überhaupt in der Lage ist, nach Europa oder Asien zu gehen. Sie wissen nicht, wie dieser Spieler auf das neue Leben reagiert, wie er den vielen Verführungen – zum Beispiel den ungeahnten Konsummöglichkeiten, dem Alkohol, den Frauen, den falschen Freunden – widersteht. Es zählt einzig das Geschäft mit dem Menschen.

Ist das ein spezifisch afrikanisches Problem?

Ich denke schon. Der Afrikaner liebt zwar das individuelle Spiel, doch dieses steht im Kontrast zu seiner Lebensart. Fast alle Menschen hier leben in Gruppen, sie haben ihre Sippen. Im Ausland ist er von dem einen auf den anderen Tag alleine. Er hat keine Freunde, keine Verwandten und spricht zumeist nicht einmal die Sprache des Landes. Diese Spieler können also ihre Situation noch nicht einmal richtig schildern. Und dann klopft ein Finanzberater an der Tür und verspricht ihm, dass er ihm gerne unter die Arme greifen will...

Haben Sie ein Beispiel?

Johannes Jantze spielte einige Zeit bei den Tigers, dann bekam er ein Angebot aus Deutschland, er ging zunächst zum GFC Dürren, später zum MSV Duisburg, am Ende wurde er in die zweite Mannschaft von Rot-Weiß Oberhausen abgeschoben. Eines Tages riefen mich seine eigenen Mitspieler an und sagten: »Wenn du jetzt nichts macht, dann wird er hier zum Alkoholiker.«

Der Berater war zu dem Zeitpunkt längst verschwunden?

Klar, der war über alle Berge. Also holten wir ihn heim. Heute spielt Jantze eine gute Rolle bei Sagrada Esperanto in Angola. Dieser Spieler ist – wie viele andere – ein Opfer einer Systematik geworden, die für ihn keine war. Er war Opfer einer Fußballwirtschaft, die hoffte, unter der Masse an Schäfchen würde sich irgendwann mal ein tolles Zuchtschaf finden. So waren die Türkei und Belgien irgendwann überschwemmt mit afrikanischen Fußballern, die nur darauf warteten wieder nach Hause zu können.

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