Helmuth Scharnowski über Fußball in Afrika

»Man sollte nicht jedem trauen«

Vor über zehn Jahren ging der Flensburger Helmuth Scharnowski nach Namibia. Er wurde Coach des Civics FC und trainierte die Nationalelf. Wir sprachen mit ihm über windige Spielerberater und den Traum von Europa. Helmuth Scharnowski über Fußball in Afrika

Helmuth Scharnowski, was braucht ein Fußballtrainer, um in Afrika Erfolg zu haben?

Er sollte zumindest Sport- und Erziehungswissenschaftler sein, wünschenswert ist ein Basis-Knowhow in Psychologie und Philosophie. Ein Grundverständnis von wirtschaftlichen Zusammenhängen wäre auch nicht schlecht. Und er braucht Geduld – sehr viel Geduld.

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Scheitern so viele deutsche Trainer in Afrika, weil sie ihre Mannschaften einzig mit einem angelernten Fußballwissen führen?

Ich denke schon. Sehen Sie etwa Berti Vogts oder Ernst Middendorp, die nach ein oder zwei Jahren das Weite suchten. Diese Trainer wollten Individualisten in Hauruckaktionen reglementieren und formen. Wenn du aber Trainer einer afrikanischen Mannschaft werden willst, musst du dich intensiv mit den spezifischen Strukturen des Landes befassen, du musst lernen die Eigenarten der Kultur zu verstehen. Das Wichtigste aber: Du musst den Spielern das Gefühl geben, dass du sie zwar anleitest, zugleich aber in ihrer Individualität nicht einengst. Ein enorm schwieriges Unterfangen. 

Ein Lernprozess.

Und zwar einer, der einige Jahre dauern kann. Wer keine Zeit hat, nur wegen dem Geld kommt und und dazu noch schlecht vorbereitet ist, sollte gar nicht erst nach Afrika gehen.

Sie stammen aus Flensburg. Wie sind Sie in Afrika gelandet?

Ich war jahrelang in der Erziehung tätig. Im Rahmen eines Projektes führten wir Ende der achtziger Jahre mit Kindern ein Musik-Theaterstück von Wilhelm Busch auf. Dieses gefiel der deutsch-namibischen Gesellschaft so gut, dass sie uns lnach Windhoek einlud. In dieser Zeit entwickelte sich der Gedanke: Warum machen wir nicht mehr?

Damals waren Sie Coach einer Kreisligamannschaft.

Ich trainierte die schleswig-holsteinische Mannschaft TSG Scherenberg, mit der wir bis in die Landesliga aufstiegen. Nach Namibia aber ging ich nicht wegen des Fußballs. Ich startete ein Projekt für schwer erziehbare und straffällig gewordene Kinder und Jugendliche aus Deutschland, die zur Resozialisierung im wahrsten Sinne des Wortes in die Wüste geschickt wurden. In Windhoek gründete ich dafür meine »Buschschule«.

Der Fußball ließ Sie aber nicht los. Wie wurden Sie Trainer in Namibia?

Der alte Kommissar Zufall. Zunächst hatte ich einfach Lust, mich mal wieder ein wenig mit Fußball zu beschäftigen. Also fing ich bei den Ramblers als Trainer an, die damals in der zweiten namibischen Liga spielten. Schon nach der ersten Saison schafften wir den Aufstieg. Und schon nach der ersten Saison merkte ich, was es heißt, im afrikanischen Fußball zu arbeiten: Die Absteiger aus der ersten Liga klagten vor Gericht, sie witterten Betrug. Tatsächlich wurde ihnen in letzter Instanz Recht gegeben, so dass die gesamte Saison wiederholt werden musste – mit den Ramblers in der zweiten Liga.

Kurze Zeit später saßen Sie bei der namibischen Nationalmannschaft auf der Trainerbank. Wie kam es dazu?

Eines Tages rief mich der damalige Verbandspräsident an und fragte, ob ich nicht Lust und Zeit hätte, die Nationalmannschaft zu trainieren. Er erklärte, der Chefcoach – eigentlich Lehrer von Beruf – hätte vom Kultusministerium keinen Urlaub für die kommenden Länderspiele erhalten. Der Assistenztrainer übernahm zwar offiziell seine Position, sollte aber nicht die alleinige Verantwortung haben. Der Verband wollte mich als zusätzlichen Trainer – sie wollten schlichtweg einen weißen Trainer.

Fortan tingelten Sie durch Afrika.

Das ging über ein Jahr so. Wir spielten in Nigeria, Malawi oder auf den Seychellen. Ich war auch beim höchsten Sieg in der namibischen Fußballgeschichte beteiligt: Gegen Benin gewannen wir zu Hause mit 8:2.  

Welches Potenzial erkannten Sie damals in den namibischen Spielern?

Während dieser Zeit konnte ich die Fußballelite des Landes kennen lernen, die vornehmlich aus zwei Spielern bestand: Razundara Tjikuzu und Collin Benjamin. Zugleich merkte ich, dass den anderen Spielern noch vieles fehlte. Und damit meine ich gar nicht so sehr die Athletik oder das Fußballerische, vielmehr ging ihnen jede Art von Spielintelligenz ab.

Da sahen Sie den Pädagogen in sich gefordert?

Genau, ich bekam Lust, wieder richtig an der Basis zu arbeiten. Ich wollte einen Verein in der namibischen Premier League übernehmen. Etwas gutgläubig dachte ich, man würde mich mit offenen Armen empfangen. Doch als ich ankam, schlug mir zunächst Misstrauen entgegen. Das Problem war damals, dass der Verein nahezu pleite war, und die Spieler glaubten, ich würde die Mannschaft übernehmen und in zwei Monaten wieder verschwinden. Doch letztendlich hatten sie keine andere Wahl. Und so legte ich ihnen einen Plan vor.

Welche Neuerungen führten Sie ein?

Zunächst entschied ich, kleine Gehälter an die Spieler zu zahlen. Anfangs bekamen sie umgerechnet 150 Euro. Zudem fand ich heraus, wie ich den technisch sehr versierten, doch zumeist sehr auf Individualität bedachten Spielern, die Idee des Kollektivs nahe bringen konnte. Ich wusste aus meiner Erfahrung, dass viele Afrikaner gerne »Magic Words« hören. Also nannte ich meine Teamtaktik »Harmonica System«. Die Spieler sollten nicht sofort schießen, sondern zunächst den Ball zurückspielen und dann erst zum finalen Pass oder zum Schuss ansetzen. Das klingt banal, doch bis dato sahen Spiele mitunter so aus, dass alle dem Ball hinterherrannten. Und wenn sie ihn hatten, gaben sie ihn nicht mehr her.

Wie haben Sie denn die Gehälter finanziert?

Das Geld bekamen wir über Eintrittsgelder oder Sponsoren. Eine Handyfirma zahlte etwa die Preisgelder. Heute ist es noch besser geworden: Die Spieler verdienen im Schnitt 300 Euro, das ist ein durchschnittliches Angestelltengehalt. So können die Spieler fast ausschließlich vom Fußball leben – wenngleich viele immer noch einem Nebenjob nachgehen.


Wie wirkte sich Ihr Engagement auf den Fußball in Namibia aus? Hatten Ihre Neuerungen eine katalytische Wirkung?

Die Civics haben ihre Heimat in Khomasdal, einem Township in der Nähe von Windhoek. Dieser Township galt lange Zeit als Bereich, der überhaupt keine Identität hat. Dort leben die sogenannten »Coloured«, die »Farbigen«, also die Menschen, die weder richtig schwarz, noch richtig weiß waren. Die Kriminalität war hoch, Messerstechereien waren an der Tageszeitung. Doch durch den anhaltenden Erfolg im Fußball, hat sich hier tatsächlich ein andere Lebensqualität eingestellt. Zugleich blieb aber auch der Neid nicht aus.

Wie drückte sich der Neid aus?

Wir wurden mit den Civics dreimal in Folge Meister. Da fragten die Trainer der anderen Klubs skeptisch: »Wie ist so etwas möglich?« Manchmal schienen sie zu glauben, dass das nicht mit rechten Dingen zugehen könne. Ich geriet richtiggehend in Erklärungsnot. Dann sagte ich ihnen, dass es enorm wichtig für eine Mannschaft sei, die Spieler finanziell abzusichern. Sie müssten so viel Geld verdienen, dass sie sich um Essen und Miete keine Sorgen machen brauchen. Sie bräuchten einen freien Kopf. Die Konkurrenten zogen dann nach, und so entwickelte sich mit den Jahren eine semiprofessionelle Liga, in der es mittlerweile auch richtige Verträge gibt, und in der die Spieler ein ganz gutes Gehalt bekommen.

Sind die Civics immer noch das Maß aller Dinge in der namibischen Liga?

Überhaupt nicht. In der Zwischenzeit haben die Sponsoren den Fußball entdeckt und dick investiert. Eine Mannschaft wie Black Africa hat etwa drei Millionäre und einen Milliardär im Rücken. Es gibt Diamanten- oder Versicherungsunternehmen, die die Vereine buttern. Zugleich ist die Liga auch größer geworden. Momentan finden Verhandlungen mit Sportive über eine Vermarktung der Namibian Premier League, der NPL, statt. Für Sportive wäre die Unterstützung Peanuts, für die NPL wäre es der Schritt zur Vollprofessionalität.

Kann die NPL denn heute schon mit der südafrikanischen Premier Soccer League konkurrieren?


Fußballerisch sind wir ungefähr auf dem Niveau der National First Division, also der zweiten südafrikanischen Liga. Von den Gehältern sind wir allerdings noch Lichtjahre entfernt. Selbiges gilt auch für einen Vergleich mit der angolanischen Girabola League. Gerade wegen seiner Bodenschätze, vornehmlich dem Ölvorkommen, hat Angola einen großen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, der sich natürlich auch auf den Fußball auswirkte.

Der Traum vieler namibischer Spieler ist vermutlich dennoch der Wechsel zu einem europäischen Klub?


Das ist das Fernziel, klar. Dennoch sind Südafrika und Angola für die Namibier der erste Schritt zur Vollprofessionalität. Zudem sind diese Ligen das ideale Sprungbrett für Europa.

Welche Namibier hat es bislang nach Europa geschafft?

Die drei bekanntesten Spieler sind der HSVer Collin Benjamin, der ehemalige Bremer Razundara Tjikuzu und Heinrich Isaacs, der einige Jahre für den dänischen Klub SønderjyskE spielte. Ein paar weitere Spieler haben in unteren europäischen Ligen gekickt. Sie haben es nicht geschafft – aus veraschiedenen Gründen.

Collin Benjamin spielt seit zehn Jahren beim HSV, einem großen europäischen Verein. Was hat er, was den anderen Namibiern fehlt?


Collin ist sehr charakterstark, er ist eine gefestigte Persönlichkeit und er hatte von Beginn an eine große fußballerische Intelligenz. Zudem hatte er einen sehr starken Willen. Als Collin vor elf Jahren nach Deutschland ging, hatte er dieses klare Ziel vor Augen: Fußballprofi. Er reiste damals mit seinem Mitspieler Floris Diergaardt, der fußballerisch vielleicht sogar besser war als Collin. Doch Floris hatte Heimweh und ging nach einem Jahr beim Amateurklub Germania Schnelsen Hamburg zurück nach Windhoek. Bei Collin hingegen zeigte sich: Du kannst fußballerisch alles auf dem Kasten haben, doch du musst im Kopf fit sein. Und genau da liegt auch mein Ansatz als Fußballlehrer. Ich muss meinen Spielern ja fußballerisch nichts mehr beibringen, das, was ihnen fehlt, sind eine mentale Stärke, Intelligenz für das Spiel und Bildung an sich.

Vielen Beratern und Agenten ist es herzlich egal, ob ein Spieler über die Reife verfügt, im Ausland zu spielen. Sie umgarnen die afrikanischen Spieler mit Fantasieverträgen. Wie gehen Sie mit solchen Anfragen um?

Bei den Civics werde ich ständig mit solchen Anfragen konfrontiert. Aktuell bin ich sogar in der Position, dass ich auch von anderen Trainern und Spielern konsultiert werde, wenn wieder mal ein undurchsichtige Berater anklopft. Ich nehme da auch kein Blatt vor den Mund: Ich halte die Anfragen von nicht autorisierten Agenten für eine große Betrügerei.

Inwiefern?

Diese Berater kommen hierher und versprechen das Blaue vom Himmel, ohne sich je mit dem Spieler auseinandergesetzt zu haben. Sie kennen vielleicht die äußerlichen Faktoren, sie wissen, das Spieler x ein guter, ein schneller, vielleicht ein torgefährlicher Fußballer ist. Doch es interessiert sie nicht, ob dieser Spieler psychisch überhaupt in der Lage ist, nach Europa oder Asien zu gehen. Sie wissen nicht, wie dieser Spieler auf das neue Leben reagiert, wie er den vielen Verführungen – zum Beispiel den ungeahnten Konsummöglichkeiten, dem Alkohol, den Frauen, den falschen Freunden – widersteht. Es zählt einzig das Geschäft mit dem Menschen.

Ist das ein spezifisch afrikanisches Problem?

Ich denke schon. Der Afrikaner liebt zwar das individuelle Spiel, doch dieses steht im Kontrast zu seiner Lebensart. Fast alle Menschen hier leben in Gruppen, sie haben ihre Sippen. Im Ausland ist er von dem einen auf den anderen Tag alleine. Er hat keine Freunde, keine Verwandten und spricht zumeist nicht einmal die Sprache des Landes. Diese Spieler können also ihre Situation noch nicht einmal richtig schildern. Und dann klopft ein Finanzberater an der Tür und verspricht ihm, dass er ihm gerne unter die Arme greifen will...

Haben Sie ein Beispiel?

Johannes Jantze spielte einige Zeit bei den Tigers, dann bekam er ein Angebot aus Deutschland, er ging zunächst zum GFC Dürren, später zum MSV Duisburg, am Ende wurde er in die zweite Mannschaft von Rot-Weiß Oberhausen abgeschoben. Eines Tages riefen mich seine eigenen Mitspieler an und sagten: »Wenn du jetzt nichts macht, dann wird er hier zum Alkoholiker.«

Der Berater war zu dem Zeitpunkt längst verschwunden?

Klar, der war über alle Berge. Also holten wir ihn heim. Heute spielt Jantze eine gute Rolle bei Sagrada Esperanto in Angola. Dieser Spieler ist – wie viele andere – ein Opfer einer Systematik geworden, die für ihn keine war. Er war Opfer einer Fußballwirtschaft, die hoffte, unter der Masse an Schäfchen würde sich irgendwann mal ein tolles Zuchtschaf finden. So waren die Türkei und Belgien irgendwann überschwemmt mit afrikanischen Fußballern, die nur darauf warteten wieder nach Hause zu können.


Erinnern Sie sich an eine Anfrage eines nicht autorisierten Beraters?

Kurz nach der Afrikameisterschaft 2008 erhielt ich einen Anruf aus China. Es ging um Brian Brendell, der im Turnier die einzigen beiden Tore für Namibia erzielt hatte und im Ranking der besten Spieler auf Platz 24 gewählt wurde. Dennoch war ich mir damals sicher, dass eine Karriere auf einem anderen Kontinent nichts für ihn sei. Ich fragte den Anrufer also: »Läuft diese Anfrage offiziell über den Verband?« Er druckste rum. Später stellte sich heraus, dass mich ein chinesischer Co-Agent eines namibischen Mittlers angesprochen hatte.

Was hätte ein Geschäft mit diesem Agenten für den Spieler bedeutet?

Mir wurde von ähnlichen Fällen berichtet, bei denen die namibischen Spieler in China gescheitert waren und kein Geld mehr hatten, um Miete oder Rückflug zu zahlen. Der namibische Verband wurde sodann informiert, weil ihm die Verantwortung zugeschoben wurde. Hätte dieser die Rechnungen nicht gezahlt, wäre der Spieler umgehend in ein chinesisches Gefängnis gesteckt worden.

Kann man denn dem Spieler einen Vorwurf machen? Die Verlockungen sind groß, die Spieler fast noch Kinder.

Richtig, da wedelt einer mit einem Vertrag, auf dem sechsstellige Summen stehen, und da beginnt der Spieler natürlich zu träumen – auch wenn man ihm etliche Male gesagt hat, dass er nicht jedem trauen sollte. Und so sehr ich das verstehe, so sehr weiß ich auch, dass das den afrikanischen Fußball immens hemmt.

Sprechen wir noch über ein anderes Hemmnis in Afrika: Der Glaube an Hexerei.

Das ist auch kein fußballspezifisches Problem. Da hilft nur ständige Aufklärung.

Wie klären Sie auf?

Das ist sehr schwierig. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Nach unserem Cupsieg 2003 konnten wir den Wettbewerb lange Zeit nicht mehr gewinnen. Nach einiger Zeit glaubten unsere Spieler, dass die Familie eines tödlich verunglückten Torjägers einen Fluch auf uns gelegt hätte. Dieser Stürmer hatte während einer Saison 17 Tore gemacht und war Torschützenkönig geworden, die Trophäe und 1000 Dollar Preisgeld wurden ihm posthum verliehen. Das Geld wurde aber nie an seine Familie übergeben, sondern im Verein behalten. Die Spieler waren irgendwann der Meinung, dass das falsch gewesen war, obwohl das Geld direkt in den Aufbau der Mannschaft floss. Ich fuhr also in den Nordern von Namibia, dort wo »Witchcraft« sehr populär ist, und führte mit der Mutter des verstorbenen Spielers diverse Ritaule durch. Am Ende übergab ich ihr das Geld.

Sind Sie schon mal von Gegnern verhext worden?

Klar, häufig. Ich erinnere mich noch an ein Spiel gegen Black Africa. Da lief der Trainer zweimal durch deren Tor und dreimal durch unser Tor. Sofort wurde ein Zauber vermutet, meine Spieler waren sich sicher: Das Spiel geht 3:2 für die Black Africa aus. Die geben sich dann vorher geschlagen.

Kann man da noch rational argumentieren?

Man muss es versuchen. Doch mit rationalen Erklärungen ist man manchmal sehr alleine. Und ich sage Ihnen: Da hilft dann auch kein pädagogisches Knowhow, kein betriebswirtschaftliches Wissen und auch kein Psycholgie-Studium.

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