31.05.2008

Helmut Spahn im Interview

»Wir müssen Chaoten isolieren«

Die deutsche EM-Gruppe bietet ein beträchtliches Konfliktpotenzial abseits des Rasens. Wir sprachen mit DFB-Sicherheitschef Helmut Spahn über die Angst vor Randale in den kleinen EM-Städten und die möglichen Gegenstrategien.

Interview: André Görke Bild: Imago
Helmut Spahn im Interview
Aber sie schotten sich zunehmend vor Polizei und Verbänden ab.

Ultras sind gegen Kommerz und gegen zu viel Überwachung. Ihre Ideale ähneln denen der Linken in den 60er Jahren. Nie waren Teile der Kurven so politisch links wie heute. Nazis wurden teilweise verdrängt, das ist gut. Doch jetzt müssen wir aufpassen, dass wir keine radikalen Tendenzen bekommen. Ich will weder links noch rechts, ich will gar keine Radikalen.

Herr Spahn, in der abgelaufenen Bundesligasaison waren markante Bilder zu sehen: Es flogen Raketen in Nachbarblöcke, es brannten Plakate von verfeindeten Fans, Ordner wurden ins Krankenhaus geprügelt. Nürnberger Fans erzwangen fast den Abbruch eines Spiels, indem sie Knaller auf den Rasen warfen.

Knaller? Das klingt niedlich. Wissen Sie, wie laut die waren? Wir haben Wochen nach dem Spiel immer noch Opfer, die nicht richtig hören können. Sorry, das ist nicht witzig, das ist Körperverletzung! Ich will keinem den Spaß am Fußball verbieten, ich habe nichts dagegen, wenn energisch und emotional geschimpft wird. Aber Pyromaterial gehört nicht ins Stadion. Das ist extrem gefährlich. Und wer mit einer Seenotrakete in Menschenmengen schießt, ist ein Straftäter. Der gehört ins Gefängnis.

Der DFB bestraft aber die Vereine. Dabei kann kein Ordner jeden Fan so genau abtasten oder in jedes mitgebrachte Baguette gucken, ob darauf jetzt Salami liegt oder vielleicht doch eine Fackel.


Wir kennen diese Tricks. Und Vereine sollen ihre Fans ruhig mal in Regress nehmen. Ich will den Straftäter mal sehen, wenn er eine Rechnung über 50 000 Euro im Briefkasten findet. Im Übrigen haben die Urteile der Sportgerichtsbarkeit ihre Wirkung nicht verfehlt. Der Selbstreinigungsprozess in den Kurven wurde merklich in Gang gesetzt.

Andererseits haben Sie die maximale Länge der Stadionverbotsstrafe von fünf auf drei Jahre gesenkt. Warum?


Wer ein Stadionverbot von drei Jahren locker in Kauf nimmt, den schrecken auch fünf nicht ab. Davon mal abgesehen: Es ist viel mehr ein Zugehen auf die Vernünftigen. Wir wurden massiv kritisiert, dass Stadionverbote zu schnell und beliebig verhängt würden.

Und?

Ich wollte das nicht wahrhaben, aber das System war wirklich nicht immer logisch. Es wurden Stadionverbote verhängt, obwohl der Beschuldigte längst von einem ordentlichen Gericht freigesprochen wurde. Das widerspricht jeglicher Rechtsauffassung. Die Fans solidarisierten sich und bauten ein gemeinsames Feindbild auf: Polizei, Vereine, DFB. Wir wollten einen Schritt auf die Fans zugehen und werden dies konsequent durchsetzen, aber dann auch nach einem Jahr prüfen und sehen, ob wir auf dem richtigen Weg sind.

Ignorieren die bestraften Fans nicht sowieso Stadionverbote?

Nur wenige, aber die setzen sich still und brav auf die Tribüne, fernab von ihrer Gruppe, und verhalten sich somit in gewisser Weise regelkonform. Das ist ein Anfang. Aber wir haben unter den 3280 Personen auch einen, der fünf Stadionverbote hat, also immer wieder reingeht und erwischt wird. Diese Person ist verloren, zumindest für uns als DFB.

Sie haben keinen Erziehungssauftrag.


Doch, sonst würden wir es uns zu billig machen. Wir sind auch Streetworker. Ich will einen 17-Jährigen, der mal im Übermut einen Ordner beleidigt hat, nicht einfach aufgeben. Ich will keinem jungen Menschen sagen: Du darfst nie wieder ins Stadion, nie wieder zu deinen Freunden. Den reiße ich aus seinem sozialen Umfeld raus, der baut Wut auf und driftet mit Pech in eine Ecke ab, die viel schlimmer ist. Wir müssen eine Perspektive aufzeigen. Und die kann sein: Benimm dich, dann darfst du nach einer angemessenen Zeit zurück. Das ist Erziehung.


Dieser Artikel erschien in der aktuellen Ausgabe der Tageszeitung "Der Tagesspiegel"

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