31.05.2008

Helmut Spahn im Interview

»Wir müssen Chaoten isolieren«

Die deutsche EM-Gruppe bietet ein beträchtliches Konfliktpotenzial abseits des Rasens. Wir sprachen mit DFB-Sicherheitschef Helmut Spahn über die Angst vor Randale in den kleinen EM-Städten und die möglichen Gegenstrategien.

Interview: André Görke Bild: Imago
Helmut Spahn im Interview
Herr Spahn, wie viele Fans in Deutschland haben Stadionverbot?

Ziemlich genau 3280, fast alles Männer.

Dürfen die zur EM fahren?


Ja, zumindest die allermeisten. Wir entziehen ja keinem den Reisepass oder können Reiseuntersagungen aussprechen, das ist der Job der Polizei. Wir können nur dafür sorgen, dass diese Leute nicht in die EM-Stadien gelangen.



Wie wollen Sie das erreichen?

Wir haben der Uefa die Daten von diesen Leuten geschickt, damit sie keine Karten kaufen konnten. Die Botschaft muss klar sein: Wer Stadionverbot in Deutschland hat, ist bei der EM in Österreich und der Schweiz unerwünscht.

Hooligans randalieren doch eh meist außerhalb der Stadien.

Ja, das stimmt, aber der klassische Hooliganismus stirbt aus. Wir sind nicht mehr in den 80er oder 90er Jahren. Bei den Länderspielen in Basel und Wien Anfang des Jahres blieb es ruhig.

Weil keiner ein Ausreiseverbot riskieren wollte im Vorfeld der EM.

Das ist Kaffeesatzleserei. Ich halte herzlich wenig von Panikmache, allerdings sind auch wir nicht naiv. Wir haben ein Konzept erstellt, das auf Sicherheit und Prävention setzt. Ich glaube, das wirkt.

Erzählen Sie.

Das beginnt im Kleinen. Wir werden mit einem Truck des Fanclub Nationalmannschaft in Klagenfurt stehen. Und wir haben zwölf Sozialpädagogen unter der Leitung der Koordinationsstelle Fanprojekte im Einsatz. Es gibt eine Internetseite, einen Fanguide, Botschaften vor Ort und viel mehr. Fans haben schließlich auch Sorgen: Wo kann ich schlafen? Wo ist ein Arzt? Was mache ich, wenn die EC-Karte gestohlen wurde? Wir als DFB investieren 100 000 Euro in das Fanprogramm. Genauso wird aber auch die Polizei ihr SKB-Team schicken …

… szenekundige Beamte …

… genau. 14 Fahnder, die aus allen Bundesländern stammen und ihre Klientel genau kennen. Sie werden in den Innenstädten im Einsatz sein, auf Bahnhöfen oder Marktplätzen, den traditionellen Treffpunkten. Und sie werden den Polizisten vor Ort sagen: Passt auf, habt die Typen da drüben mal im Blick.

Wird die EM so bunt wie die WM?

Ja, wird sie. Aber wir müssen uns auch im Klaren sein, dass Europameisterschaften anders sind als Weltmeisterschaften. Bei der EM haben wir eine andere Klientel. Es schauen weniger Frauen und Laien Fußball, weil der exotische Moment fehlt – es gibt keine tanzenden Brasilianer, keine afrikanischen Fußballer oder fröhliche Japaner.

Deutschland spielt in der Vorrunde gegen Polen und Kroatien. Beim WM-Spiel der Deutschen gegen Polen flogen Stühle und Flaschen, es gab 430 Festnahmen. Die kroatischen Fans gelten als Heißsporne. Weit haben die es auch nicht nach Klagenfurt.

Die Behörden in Österreich werden deshalb die Landesgrenzen kontrollieren, damit nur die reinkommen, die ein tolles Fest feiern wollen.

Ist Klagenfurt nicht zu klein?

Ich war mehrmals vor Ort. Uns ist bewusst, dass es eng wird, wenn 90 000 Fans in einer Stadt von 90 000 Einwohnern feiern. Zumal sich in Klagenfurt alles in zwei, drei Gassen konzentriert. Wir müssen daher die Chaoten isolieren, damit alle friedlichen Fans nicht in Gefahr sind – die kommen mir nämlich in dieser Debatte zu kurz. Wir müssen aufhören, alle Fans immer nur schlecht zu machen. Das haben wir, auch der DFB, lange genug getan. Die allermeisten Fans wollen mit ihren Freunden ein kaltes Bier trinken, feiern, guten Fußball gucken.

Machen Ihnen die Ultras Sorgen?


Auch die Ultras sind in den allermeisten Fällen friedlich. Das sind junge Männer. Studenten, Auszubildende, normale Jungs. Sie basteln Choreografien, malen Plakate, sie reisen überall hin und stecken so viel Geld, Zeit und Liebe in ihren Verein, dass ich nur sagen kann: Respekt!

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