06.06.2011

Heinz van Haaren über den Bundesligaskandal '71

»Ich bin nicht geflohen«

Es ist das dunkelste Kapitel der wechselvollen Schalker Geschichte: Die Verwicklung in den Bundesliga-Skandal 1971/72. Wir sprachen mit Heinz van Haaren über die Hintergründe und das Ende einer Traumelf.

Interview: Stefan Bunse Bild: imago
Heinz van Haaren über den Bundesligaskandal '71

Heinz van Haaren gehörte am 17. April 1971 zu den 13 eingesetzten Spielern, die in der Glückauf-Kampfbahn mit 0:1 gegen Arminia Bielefeld verloren. Die Niederlage der Königsblauen gegen die abstiegsgefährdeten Ostwestfalen ging als das erste nachgewiesen verkaufte Spiel im deutschen Fußball in die Historie ein. Unzählige Anekdoten ranken sich um den Bundesliga-Skandal, der damals das jähe Ende einer Schalker Mannschaft bedeutete, die als die beste seit den Zeiten von Fritz Szepan und Ernst Kuzorra galt. Zeitgenössische Betrachter sprechen gar von einer Jahrhundert-Elf, dessen Blütezeit an jenem traurigen Tag im April bereits endete, ehe sie so richtig begann. Doch das sollte sich erst einige Monate später herausstellen.



Nachdem die Königsblauen noch im April 1972 vor Gericht bezeugten, von einem verschobenen Spiel nichts gewusst oder gar dafür Geld erhalten zu haben, gab ihr aufstrebender Torwart Dieter Burdenski gegenüber DFB-Chefankläger Horst Kindermann den Erhalt von 2.300 DM zu. Die Verteidigungskette der Königsblauen war in sich zusammengebrochen. Es folgten jahre- bis lebenslange Sperren gegen die Sünder, die angesichts der anstehenden WM im eigenen Land später in einem Gnadenakt durch die Fußballfunktionäre wieder aufgehoben wurden.

Drei Jahre später erhob auch die Staatsanwaltschaft Essen Anklage wegen Meineids gegen die Schalker Profis, die schließlich vor dem Landgericht Essen ein spätes Geständnis ablegten. Heinz van Haaren, der heute 68-jährige Regisseur der damaligen Mannschaft, reiste zu der entscheidenden Verhandlung ohne rechtlichen Beistand an und plädierte bis zuletzt auf unschuldig.


Herr van Haaren, es wird kolportiert, Sie hätten Schalke zusammen mit Stan Libuda im Sommer 1972 verlassen, um einer bereits absehbaren Sperre durch den DFB zu entgehen. Stimmt das?


Das ist eine der Unwahrheiten, die sich bis heute gehalten hat. Ich bin damals mit Sicherheit nicht aus Schalke geflohen. Das wurde in den Medien so verbreitet, aber das stimmt einfach nicht. Schalkes damaliger Präsident Günter Siebert kam im Frühjahr 1972 - als von einer Sperre noch gar nicht die Rede war - nach einem Training auf mich zu und sagte, man hätte über mich abgestimmt und wollte den Vertrag mit mir, dem langjährigen Stammspieler, noch einmal um ein Jahr verlängern. Ich bräuchte aber nicht zu spielen. Ich war zwar bereits 32 Jahre alt, aber dass über mich abgestimmt werden musste hat mich derart hart getroffen, dass ich zu Siebert gesagt habe, ich werde keinen Vertrag aussitzen, sondern gehe sofort. Zu diesem Zeitpunkt war mit Straßburg oder einem anderen Verein noch gar nichts klar. Es hätte auch sein können, dass ich ganz mit dem Fußball hätte aufhören müssen. Aber ich war so gekränkt und erschüttert, dass ich auf keinen Fall weiter für Schalke spielen wollte.

Aber es ist doch ungewöhnlich, dass mit Libuda und Ihnen gleich zwei unter Verdacht stehende Spieler ins benachbarte Ausland wechselten, wo Sie nichts zu befürchten hatten!


Als mein Wechsel klar war, habe ich Stan sofort bei Racing empfohlen. Siebert wollte eine ganz junge Mannschaft aufbauen, auch Stan galt damals als zu alt. Er spürte das und wollte weg. Später hat Siebert ihn wieder zurückgekauft.

Können Sie die Fragen nach dem Bundesligaskandal denn überhaupt noch hören?

Im Gegenteil, die höre ich gerne, weil der Sachverhalt für mich bis heute nicht richtig geklärt ist. Es ist eher so, dass die Leute sich gar nicht trauen, mich darauf anzusprechen. Und wenn doch, wie zuletzt geschehen, dann wird das gerne auch schon einmal herausgeschnitten. Deshalb wird das mein letztes Interview sein.

Wie stellte sich denn die Situation um das ominöse Spiel aus Ihrer Sicht dar?

Ich hatte zuvor einige Wochen nicht gespielt, weil ich eine Zerrung hatte. Dann war ich wieder einigermaßen fit. Aber eigentlich nicht genug, um zu spielen. Aber Trainer Slobodan Cendic hat entschieden, dass ich auflaufen soll. Damals war das noch etwas anders. Ich wollte nicht, hatte aber keine Wahl. In der entscheidenden Szene nahm unser Verteidiger Hans-Jürgen Galbierz den Ball schlecht an. Das Leder sprang ihm vom Fuß, er machte noch eine Grätsche, aber der Bielefelder Gerd Roggensack war eine Zehntelsekunde eher da und schoss den Ball ins Tor. Jetzt frage ich Sie: Wie soll man eine Grätsche so ansetzten, dass man genau einen Augenblick zu spät kommt? Außerdem traf Aki Lütkebohmert in der ersten Halbzeit Latte und Pfosten. Wären die reingegangen, hätten wir gewonnen. Der DFB-Ankläger Horst Kindermann hat damals zu uns gesagt, ein Bundesligaspieler müsse in der Lage sein, aus 30 Metern absichtlich Latte und Pfosten zu treffen. Wenn ich mir da heute so manchen Bundesligastürmer so angucke, kann ich über diese Aussage nur lachen.

Aber ihre früheren Mitspieler haben den Erhalt von Geldzahlungen doch zugegeben!

Es haben ja auch Spieler Geld genommen. Aber nicht vor dem Spiel. In der Halbzeit lag plötzlich ein Umschlag auf der Reservebank. Die Hälfte des Betrages soll der Bote übrigens für seine Dienste bereits entnommen und an einer Spielbank verzockt haben. Die restlichen 20.000 DM wurden dann irgendwann nach dem Spiel verteilt. Aber es wurde weder vor dem Spiel und auch nicht in der Halbzeit davon geredet, das Spiel absichtlich zu verlieren. Ich habe davon nichts mitbekommen. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass hinter meinem Rücken etwas abgelaufen ist. Leider hat sich das damalige Team aus den Augen verloren. Aber wenn wir uns mal sehen, dann bezeugt mir zum Beispiel Rolf Rüssmann noch heute, das Spiel sei nicht verschoben gewesen.

Vor Gericht haben er und einige Kollegen dann aber etwas anderes ausgesagt!

Das mussten sie doch, ihnen blieb gar keine andere Wahl mehr. Die meisten Spieler wie Rüssmann oder Klaus Fischer waren sehr jung und hatten ganz einfach Angst um die Fortsetzung ihrer Karrieren. Der DFB drohte mit empfindlichen Strafen und hatte auch schon einige Exempel statuiert. Hätten die Spieler die Annahme des Geldes sofort zugegeben, wäre die ganze Sache nie so eskaliert. Denn es gab keine Schiebung. Das, was sie später unter ungeheurem Druck aussagen mussten, entspricht nicht der Wahrheit, sondern war nur die Voraussetzung für die Reduzierung der Sperren. Die Dummheit war, das Geld angenommen zu haben. Dann haben sie aus Angst gelogen und gelogen. Hätten sie damals gesagt, wie es war, nämlich dass sie das Geld zwar genommen haben, aber das Spiel nicht verkauft war, dann wäre es anders gelaufen.

Dennoch sind auch Sie vom DFB gesperrt und später verurteilt worden.

Ich war sogar am längsten von allen Spieler gesperrt. Weil ich meine angebliche Falschaussage nicht revidiert habe, wurde meine Sperre nicht reduziert. Dabei habe ich definitiv weder vor noch während oder nach dem Spiel Geld angenommen. Es gab auch keinen Meineid. Deshalb bin ich auch ohne Rechtsanwalt zum DFB nach Frankfurt gefahren und habe gesagt, dass selbst eine Sperre von einer Sekunde eine Sekunde zu lang wäre.

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