Heinz Palme im Interview

»Ein Himmelfahrtskommando«

Heinz Palme ist Geschäftsführer der Initiative »Österreich am Ball« und Chefkoordinator der Bundesregierung für die Euro 2008. Nun zieht der 49-Jährige eine harte Zwischenbilanz und erklärt, warum viele Fanmeilen so trist aussehen. Heinz Palme im InterviewImago

Herr Palme, die erste Hälfte der EM ist vorbei. Ihre Zwischenbilanz?

Ist überwiegend positiv. Die österreichische Elf hat gezeigt, dass sie konkurrenzfähig ist. Unsere Begleitarbeit hat geholfen, die Euro im Bewusstsein der Menschen zu positionieren. Das Land hat neue Stadien und einen optimistischeren Zugang zum Thema Fußball.

Schmälert es Ihre Arbeit, dass Österreich die Vorrunde nicht überstanden hat?

Nein, als Ivo Vastic gegen Polen traf, wurde die Euro als Sportereignis unvergesslich. Der Treffer ist gleichzusetzen mit dem Tor von Oliver Neuville bei der WM 2006 gegen Polen. Danach hat die Euphorie das Land erfasst.

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Sie waren mitverantwortlich für die Koordination der WM 2006. Der wesentliche Unterschied der Euro 08 zum Turnier in Deutschland?

Deutschland ist eine Fußballnation. Der soziale Stellenwert des Fußballs ist viel höher als in Österreich. Wir werden nie Welt- oder Europameister werden. Die Ausgangsposition war also ganz anders: Lange wurde das Turnier mit großer Skepsis gesehen. Schon bei der Bewerbung fragten viele, wozu die EM gut sein solle. Viele Bürger hielten es für Verschwendung, mit öffentlichen Geldern Stadien zu bauen.

Sie ernannten 2008 so genannte »Botschafter der Leidenschaft« aus allen Gesellschaftsschichten, um Stimmung für das Turnier zu machen.

Wir mussten ein Bewusstsein in der Bevölkerung für den Fußball und die Besonderheit einer derartigen Großveranstaltung schaffen. Es liegt in der Volksseele begründet, dass wir Österreicher dazu neigen, himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt zu sein. Seit Jahren bewegen wir uns in einer Depression, was den Fußball anbetrifft. Sogar ich ertappe mich mitunter bei dem perversen Gedanken, dass ich bei einer drohenden Niederlage sage: »Und wenn sie kein Tor mehr machen, sind die Deppen eben weg«. Die deutschen, polnischen, kroatischen Fans weinen beim Ausscheiden, wir ergeben uns in Galgenhumor, Ärger oder sogar Gleichgültigkeit.

Haben Ihre Bemühungen im Vorfeld der EM gefruchtet?

Teilweise. Ich allein habe in den letzten zwei Jahren etwa 200 Vorträge gehalten oder an Podiumsdiskussionen teilgenommen. Egal wer angefragt hat, wir waren überall vertreten. Ich habe geredet, geredet, geredet.

Ein bisschen Frust klingt durch.

Es lief beileibe nicht alles nach Plan. Als wir im Mai 2007 unsere Aktion »Österreich am Ball« mit einer Roadshow starteten, lieferte die Nationalelf parallel katastrophale Ergebnisse ab: 0:1 gegen Schottland, ein unsägliches Vierländer-Turnier, ein 1:1 gegen Paraguay. Dann musste der ORF sämtliche Aktivitäten einstellen, weil sich der Sender mit dem Rechtevermarkter nicht einigen konnte. Ein riesiges Kommunikationsloch entstand.

Pleiten, Pech und Pannen.

Wir haben jetzt 120 000 angemeldete Mitglieder in unserer Internetcommunity »Fussballverbindet.at«. Eine durchaus zufrieden stellende Zahl. Aber ohne diese Pannen hätten wir bestimmt 200 000 Mitglieder.

Wovon hängt bei der Planung der Erfolg eines deratigen Sportereignisses ab?

Im Wesentlichen von drei Faktoren: Sicherheit, Wetter und dem Erfolg des Gastgeberlandes. In Deutschland haben wir auf der Grundlage dieser Prioritäten einen Plan gemacht und fünf Jahre lang generalstabsmäßig daran gearbeitet. In Österreich gab es kein nationales Organisationskomitee, da die UEFA der offizielle Veranstalter ist. Dem ÖFB als ausrichtendem Verband war keine direkte Organisationsaufgabe zugeordnet. Auch die Bundesregierung wusste nicht, wie man diese komplexe Aufgabe bewältigt. Ich musste erst einmal zusehen, alle Mitspieler zu einer harmonischen Einheit zu verbinden. Dabei war der Zeitplan ohnehin schon sehr eng.

Wann traten Sie Ihren Job an?

Am 1. Oktober 2006, dem Tag der Nationalratswahlen, an dem der Bundeskanzler, der mich vier Tage zuvor als Chefkoordinator präsentiert hatte, abgewählt wurde. Ich befand mich gleich in einem Vakuum und wusste nicht, ob es überhaupt Geld gibt. Erst nach einem Vier-Augen-Gespräch mit dem neuen Kanzler, konnte ich im März 2007 anfangen, unsere Aktivitäten in die Tat umzusetzen. Ein Himmelfahrtskommando.

Ein Politikum dieser Euro sind die Fanmeilen. Die Resonanz ist vielerorts längst nicht so, wie im Vorfeld angenommen.

Es funktioniert dort, wo es funktionieren kann. In Salzburg ist die Fanmeile im Stadtzentrum. Die City ist klein, so dass die Touristen sowieso in die Getreidegasse und auf die Hohen-Salzburg gehen. Die Größe mit etwa 20000 Besuchern ist gut berechnet. Zudem waren die Salzburger so klug, ihren Gastronomen nicht vorab weis zu machen, dass der Andrang schon am frühen Morgen beginnt.

So wie es in Wien der Fall ist, wo Stadt und UEFA die Gastronome anfänglich dazu vergatterten, am Morgen zu öffnen und Bier zu Höchstpreisen zu offerieren.

Wie soll es möglich sein, dass an einer Fanmeile den ganzen Tag 30000 Menschen feiern? In Salzburg hat man das im Vorfeld erkannt, in Wien waren die Voraussetzungen anders.

Hätten Sie als Organisator dabei kein Einspruchsrecht?

Nein, das ist Sache der Stadt und der UEFA. Es hat auch triftige Gründe, dass in Wien die Gastronome dazu aufgefordert wurden, schon um 9 Uhr am Stand zu sein. Denn sonst wäre es gar nicht möglich gewesen, die zentrale Ringstraße für die gesamte Dauer des Turniers zu sperren.

In Klagenfurt ist die Fanmeile wegen Desinteresses sogar nach wenigen Tagen geschlossen worden.

Klagenfurt war ein Sonderfall. Das dortige Publikum hat mit Fußball nichts am Hut. Der lokale Klub ist erst in der EM-Saison durch Standortverlegung von Pasching nach Klagenfurt in die höchste Spielklasse gekommen. Wegen des Stadionbaus gab es viele Diskussionen. Hinzu kam, dass Klagenfurt die Gruppe mit Deutschland, Polen und Kroatien beherbergte. Teams, deren Fan-Anhang im Vorfeld – auch wegen der Berichterstattung – Angst und Schrecken verbreitete.

Eine falsche Standortentscheidung?

Graz und Linz wären unsere Wunschstädte gewesen, aber beide sahen sich außerstande, ein neues Stadion für die EM zu bauen. Also blieb nur Klagenfurt als Kompromiss.

Kann es sein, dass Sie froh sind, wenn die EM vorbei ist?

Schon jetzt ist klar: Wir können das Turnier mit einer positiven Bilanz abschließen, sowohl was das Image anbetrifft, als auch wirtschaftlich. Persönlich habe ich seit sieben Jahren aber praktisch keinen Tag frei gehabt, nach der WM 2006 kam der fliegende Wechsel nach Österreich. Ich freue mich also, in Südafrika 2010 als Berater deutlich mehr im Hintergrund zu wirken.

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