Heinz »Heiner« Kördell, Schalkes letzter Deutscher Meister

»Ich warte sehnsüchtig auf Nachfolger!«

Heiner Kördell ist eine lebende Schalker Legende. 1958 gehörte er zur Mannschaft, die die bislang letzte Deutsche Meisterschaft nach Gelsenkirchen holte. Im Interview spricht er über die Zigarre von Ernst Kuzorra und das lange Warten auf den nächsten Titel.

Heiner Kördell, Sie sind 1932 geboren, wechselten aber erst 1956 zum FC Schalke. Warum haben Sie bis zu Ihrem 24. Lebensjahr für die SpVgg Röhlinghausen gespielt?
Es gab ja durchaus Anfragen von Mannschaften wie Westfalia Herne und dem SV Sodingen, die im bezahlten Fußball gespielt haben. Aber wir wohnten in einer Bergmannkolonie und mein Vater sagte immer: »Du bist einer von uns. Du bleibst in Röhlinghausen, so lange du die Füße unter meinen Tisch steckst.«1

Warum war er darauf so sehr erpicht?
Die Bergleute waren gemeinsam unter Tage, in der Kneipe und auf dem Sportplatz. Sie hielten zusammen, und das galt auch für ihre Kinder. Das hat sich dann aber schlagartig geändert, als Schalke 04 mich wollte.

Die »Knappen« zogen offensichtlich bei den Bergleuten.
Richtig. Die sind zum Teil zu Fuß nach Gelsenkirchen gelaufen, um sich die Spiele anzuschauen. Wenn einer ein Fahrrad hatte, war er schon glücklich. Dass einer aus unserer Kolonie mal für Schalke spielen sollte, war für alle etwas Besonderes.

Wie wurde der Verein auf Sie aufmerksam?
Vor einem Ligaspiel hieß es: »Heiner, mach heute mal mehr Dampf. Da draußen steht ein Beobachter von Schalke!« Erst nach dem Schlusspfiff habe ich erfahren, wer der Beobachter war. Ich saß mit einer Flasche Bier in der Kabine, als ein Mitspieler meinte: »Beeil dich, der Ernst Kuzorra steht vor der Tür.« Ich sagte ihm: »Hau ab, du willst mich wohl verarschen!« Kurze Zeit später ging die Tür auf und Kuzorra stand leibhaftig da. Mit seiner Zigarre im Mundwinkel sagte er einen Satz, den ich nie vergessen werde: »Ey, Heiner, wie lange willst du mich noch warten lassen?«

Wenige Tage später kam es schon zu den Vertragsverhandlungen.
Mein Vater hat extra früher Feierabend gemacht, weil Ernst Kuzorra zu uns kam. Er hat die ruhmreiche Elf um Kuzorra, Szepan und Tibulski verehrt. Er war unheimlich stolz, dass nun sein Sohn für S04 spielen sollte.

Und Sie kamen an der Karriere als Bergmann vorbei.
Mein Vater hatte mir und meinem Bruder schon früh klar gemacht: »Unter Tage kommt keiner.« Also habe ich Stuckateur gelernt. Das habe ich auch auf Schalke noch ein halbes Jahr gemacht. Ich musste den Verputz selber unten anrühren, nach oben schleppen und dann verarbeiten. Eine verdammte Knochenarbeit. Irgendwann wurde es mit vier Trainingseinheiten zu viel. Also hat mir der Verein einen Job in einem Eisenwerk vermittelt. Und nach der Deutschen Meisterschaft 1958 wurde ich von den Stadtwerken angestellt. Zunächst zwei Jahre als Gelderheber, dann als kaufmännischer Angestellter.

Sie spielten meist im Mittelfeld oder als Halbstprmer. Was war Ihre größte Stärke?
Ich war nicht unbedingt der Torjäger, aber man sagte mir nach, dass ich eine Pferdelunge hatte. Ich konnte von Anfang bis Ende laufen, ohne stehen zu bleiben. Das Rennen hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich den Schiedsrichter mal bat, noch fünf Minuten länger zu spielen. In der Kabine hätte ich fast Schläge kassiert. Meine Mitspieler fragten, ob ich ein Loch in der Schüssel hätte. Aber ich wollte immer weiter.



Nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft 1958 wurden Sie sogar in die Nationalmannschaft berufen.
Ich war mit 26 Jahren ein Spätberufener und hatte das Glück, von Sepp Herberger entdeckt worden zu sein. Genau genommen war es so: Die Öffentlichkeit hat sich gewundert, warum Schalke keinen Nationalspieler stellt. Meine Form war recht gut, also wurde ich zur Nationalmannschaft eingeladen.

Warum kamen Sie trotzdem nur zu einem Länderspieleinsatz?
Schalke schickte mich zwar gerne zu den Lehrgängen, aber ich durfte nicht spielen. S04 wollte mich nämlich für die Europapokalspiele schonen. Bei einer Reise nach Kairo Ende Dezember 1958 hat es dann endlich mit dem Debüt geklappt. Ich war einer von acht Neulingen. Leider haben wir uns nicht mit Ruhm bekleckert und 1:2 gegen Ägypten verloren. So blieb es bei dem einen Einsatz. Aber ich bin froh, dabei gewesen zu sein.

Warum sind Sie eigentlich nur sechs Jahre auf Schalke geblieben?
Was heißt denn nur? Das ist schon eine Zeit. Auch damals gab es schließlich Spielervermittler und Handgelder für Transfers. Und so bin ich 1962 auch zu Schwarz-Weiß Essen transferiert worden.

War der Wechsel im Nachhinein ein Fehler?
Wir hatten zwei schöne Jahre. Aber der ETB hatte nicht die Qualifikation für die neue Bundesliga geschafft. Also habe ich mit 32 meine Karriere beendet. Ich hätte vielleicht noch das ein oder andere Jahr dranhängen können, aber ich wollte nicht diesen Abstieg vollziehen, nicht in der ersten Liga zu spielen.

Inwiefern sind Sie Schalke heute noch verbunden?
Ich bin bei jedem Heimspiel dabei, da hält mich nichts mehr in meiner Wohnung. Schalke ist schließlich meine zweite Familie. Da fühle ich mich sehr, sehr wohl. Auswärts bin ich leider nicht mehr so häufig dabei. Ich habe zwei Augenoperationen hinter mir und kann nicht mehr Auto fahren, weil mir das räumliche Sehen fehlt.

S04 ist nicht mehr der Bergarbeiterverein, den Sie als Spieler erlebt haben. Was macht für Sie heute den Reiz an Königsblau aus?
Der Slogan »Einmal Schalker, immer Schalker« sagt eigentlich alles. Wer einmal von diesem Bazillus befallen ist, kommt davon nicht mehr weg. Natürlich werden die Zeitzeugen, die mich spielen gesehen haben, immer weniger. Aber sie haben ihre Erlebnisse und Geschichten auf die Nachfolgegenerationen übertragen. Deshalb sprechen mich auch jüngere Leute an: »Erzähl uns mal von früher!« Und: »Darf ich ein Autogramm haben?« Ich habe meine Autogrammkarten immer dabei, wenn ich über die Kurt-Schumacher-Straße Richtung Stadion gehe.

Sie sind Teil der letzten Schalker Meistermannschaft. Gelsenkirchen wartet seit nunmehr 54 Jahren auf die nächste Deutsche Meisterschaft. Wann bekommen Sie Nachfolger?
Wer weiß das schon? Aber ich sitze in der Arena mit meinen alten Mitspielern Manni Kreuz und Willi Koslowski zusammen und Jedes Jahr hoffen wir darauf, dass es endlich soweit ist.

Aber würde dadurch nicht auch Ihr eigener Ruhm verblassen?
Nein. Als uns der große Ernst Kuzorra 1958 zur Meisterschaft gratulierte, sagte er: »Endlich habe ich Nachfolger gefunden, endlich habe ich meinen Enkeln zur Meisterschaft gratulieren dürfen!« Ich würde es auch so sehen, auch wenn ich mich nicht mit Kuzorra vergleiche. Es ist mein größter Wunsch, dass ich es noch erlebe. Es wird langsam Zeit, dass sich die Mannschaft beeilt. Man weiß ja nie, wie lange einen der liebe Gott auf diesem Erdball leben lässt. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als die achte Deutsche Meisterschaft für Schalke und dass wir unseren Nachfolgern die Schale überreichen können.

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Heinz »Heiner« Kördell (geboren am 8. Januar 1932 in Wanne-Eickel) bestritt zwischen 1956 und 1965 132 Oberligaspiele (21 Tore) sowie 19 Regionalligapartien (zwei Tore) für Schalke 04 und Schwarz-Weiß Essen. Zudem kam er Ende 1958 auf ein A-Länderspiel für Deutschland. Heute ist der Deutsche Meister von 1958 Mitglied des Schalker Ehrenpräsidiums.

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