Nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft 1958 wurden Sie sogar in die Nationalmannschaft berufen.Ich war mit 26 Jahren ein Spätberufener und hatte das Glück, von Sepp Herberger entdeckt worden zu sein. Genau genommen war es so: Die Öffentlichkeit hat sich gewundert, warum Schalke keinen Nationalspieler stellt. Meine Form war recht gut, also wurde ich zur Nationalmannschaft eingeladen.
Warum kamen Sie trotzdem nur zu einem Länderspieleinsatz?Schalke schickte mich zwar gerne zu den Lehrgängen, aber ich durfte nicht spielen. S04 wollte mich nämlich für die Europapokalspiele schonen. Bei einer Reise nach Kairo Ende Dezember 1958 hat es dann endlich mit dem Debüt geklappt. Ich war einer von acht Neulingen. Leider haben wir uns nicht mit Ruhm bekleckert und 1:2 gegen Ägypten verloren. So blieb es bei dem einen Einsatz. Aber ich bin froh, dabei gewesen zu sein.
Warum sind Sie eigentlich nur sechs Jahre auf Schalke geblieben?Was heißt denn nur? Das ist schon eine Zeit. Auch damals gab es schließlich Spielervermittler und Handgelder für Transfers. Und so bin ich 1962 auch zu Schwarz-Weiß Essen transferiert worden.
War der Wechsel im Nachhinein ein Fehler?Wir hatten zwei schöne Jahre. Aber der ETB hatte nicht die Qualifikation für die neue Bundesliga geschafft. Also habe ich mit 32 meine Karriere beendet. Ich hätte vielleicht noch das ein oder andere Jahr dranhängen können, aber ich wollte nicht diesen Abstieg vollziehen, nicht in der ersten Liga zu spielen.
Inwiefern sind Sie Schalke heute noch verbunden?Ich bin bei jedem Heimspiel dabei, da hält mich nichts mehr in meiner Wohnung. Schalke ist schließlich meine zweite Familie. Da fühle ich mich sehr, sehr wohl. Auswärts bin ich leider nicht mehr so häufig dabei. Ich habe zwei Augenoperationen hinter mir und kann nicht mehr Auto fahren, weil mir das räumliche Sehen fehlt.
S04 ist nicht mehr der Bergarbeiterverein, den Sie als Spieler erlebt haben. Was macht für Sie heute den Reiz an Königsblau aus?Der Slogan »Einmal Schalker, immer Schalker« sagt eigentlich alles. Wer einmal von diesem Bazillus befallen ist, kommt davon nicht mehr weg. Natürlich werden die Zeitzeugen, die mich spielen gesehen haben, immer weniger. Aber sie haben ihre Erlebnisse und Geschichten auf die Nachfolgegenerationen übertragen. Deshalb sprechen mich auch jüngere Leute an: »Erzähl uns mal von früher!« Und: »Darf ich ein Autogramm haben?« Ich habe meine Autogrammkarten immer dabei, wenn ich über die Kurt-Schumacher-Straße Richtung Stadion gehe.
Sie sind Teil der letzten Schalker Meistermannschaft. Gelsenkirchen wartet seit nunmehr 54 Jahren auf die nächste Deutsche Meisterschaft. Wann bekommen Sie Nachfolger?Wer weiß das schon? Aber ich sitze in der Arena mit meinen alten Mitspielern Manni Kreuz und Willi Koslowski zusammen und Jedes Jahr hoffen wir darauf, dass es endlich soweit ist.
Aber würde dadurch nicht auch Ihr eigener Ruhm verblassen?Nein. Als uns der große Ernst Kuzorra 1958 zur Meisterschaft gratulierte, sagte er: »Endlich habe ich Nachfolger gefunden, endlich habe ich meinen Enkeln zur Meisterschaft gratulieren dürfen!« Ich würde es auch so sehen, auch wenn ich mich nicht mit Kuzorra vergleiche. Es ist mein größter Wunsch, dass ich es noch erlebe. Es wird langsam Zeit, dass sich die Mannschaft beeilt. Man weiß ja nie, wie lange einen der liebe Gott auf diesem Erdball leben lässt. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als die achte Deutsche Meisterschaft für Schalke und dass wir unseren Nachfolgern die Schale überreichen können.
-----Heinz »Heiner« Kördell (geboren am 8. Januar 1932 in Wanne-Eickel) bestritt zwischen 1956 und 1965 132 Oberligaspiele (21 Tore) sowie 19 Regionalligapartien (zwei Tore) für Schalke 04 und Schwarz-Weiß Essen. Zudem kam er Ende 1958 auf ein A-Länderspiel für Deutschland. Heute ist der Deutsche Meister von 1958 Mitglied des Schalker Ehrenpräsidiums.