Heiko Westermann übers Derby und seine Karriere

»Hätte auch Torwart gespielt«

Heiko Westermann wechselte im Sommer vom FC Schalke zum HSV – und wurde prompt Kapitän. Wir sprachen mit ihm über Verantwortung im Team, seine Jugend und das bevorstehende Derby gegen den FC St. Pauli. Heiko Westermann übers Derby und seine KarriereImago

Heiko Westermann, Sie haben einmal gesagt, dass Sie Ihren Lebensabend gerne in den Bergen verbringen möchten. Nun geht es seit fünf Jahren nicht nur sportlich nach oben, sondern auch auf der Landkarte. Wie fühlt es sich für einen gebürtigen Franken in Hamburg an? 

Mein Lebensabend ist ja noch lange hin. (lacht) Momentan lebe ich sehr gerne fern der Berge. Zumal die Stadt Hamburg der Wahnsinn ist. Für mich ist es die schönste Stadt in Deutschland.

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Nur das Wetter könnte besser sein...

Da scheiden sich die Geister, das stimmt. Man sagt ja auch, die Norddeutschen seien unterkühlt. Das habe ich ganz anders kennengelernt. Meine Familie und ich sind hier jedenfalls sehr herzlich aufgenommen worden.

Sie hatten einst vor, Bauzeichner zu werden. Interessiert Sie die Architektur Ihrer neuen Heimat?

Klar, ich finde die Gebäude interessant, der Hafen schon. Imposant. Es ist aber nicht so, dass ich eine Stadt nur nach ihrer Architektur bewerte. Ich mag es gerne sauber und gepflegt – auch weil ich eine Familie habe.

In den Kneipen der Stadt gibt es aktuell nur ein Thema: Das Derby am Sonntag. Haben Sie durch Ihre Zeit auf Schalke schon Derby-Routine oder hat das Spiel des HSV gegen den FC St. Pauli einen besonderen Reiz?


Schalke gegen Dortmund ist genau genommen kein Stadtderby, es liegen ja einige Kilometer zwischen den Städten. In Hamburg haben wir hingegen ein echtes Stadtderby – und das merkt man. Überall werde ich momentan drauf angesprochen. Wenn ich durch die Straßen gehe, rufen die Leute: »Gewinnt bloß am Wochenende!« 

Oft heißt es, ein Derby ist für die Fans wichtiger als für die Spieler der beteiligten Mannschaften. Sie haben nun in einem Interview gesagt: »Der FC St. Pauli kann uns nicht das Wasser reichen.« Ein bisschen Stichelei gehört also doch dazu.

Was heißt Stichelei? Es ist ja kein Geheimnis, dass wir generell über die individuell besseren Spieler verfügen. Dabei wird es am Sonntag gar nicht so sehr auf die individuelle Klasse ankommen – es wird ein kampfbetontes Spiel und auf Laufbereitschaft ankommen.

Gibt es zwischen den Spielern eigentlich eine Rivalität?

Im Spiel, klar. Generell würde ich mir aber wünschen, dass der FC St. Pauli lange in der Bundesliga bleibt. Mit dem HSV als Nummer eins.

Kannten Sie denn früher Fanrivalität? Sie wuchsen ja im fränkischen Alzenau auf: Es hieß also entweder Bayern- oder Nürnberg-Fan.


Bei mir war es ganz anders. Als ich mit Fußball in Berührung kam, schwärmte ich für Eintracht Frankfurt, für dieses Wunderteam um Jay-Jay Ockocha, Anthony Yeboah und Uwe Bein. Damals bin ich auch sehr häufig ins Waldstadion gegangen. Meine Helden sah ich zum ersten Mal an der Hand meines Vaters – bei einem Spiel gegen 1860 München. Es eröffnete sich eine neue Welt.

Inwiefern?

Jeder Fan kennt das, die ersten Stadionbesuche sind magisch: Die Stimmung, die leidenden Fans, die jubelnden Fans, die alten Männer, die das Spiel auf den Tribünen leben. Da bekam der Fußball für mich erstmals ein konkretes Gesicht. Vorher kannte ich das ja nur aus dem Fernsehen – das wirkte abstrakt, weit weg. Nach diesen ersten Stadionbesuchen wusste ich: Fußball wird mich lange begleiten.

Hätten Sie damals gedacht, dass der Fußball Sie nicht nur als Fan begleitet, sondern dass Sie Bundesligaprofi und Nationalspieler werden?


Diese Gedanken kamen erst, als ich 15 oder 16 Jahre alt war. In jener Zeit erhielt ich die ersten Anfragen von Bundesligavereinen. Ich entschloss mich also, die Schule mit der mittleren Reife zu beenden, wenngleich ich sogar noch ein Dreivierteljahr das Gymnasium besuchte. Ich habe dann aber mit meinem Direktor entschieden, dass ich abgehe und mein Glück im Fußball versuche.

Gab es nie Zweifel?

Natürlich spielt in einer Fußballkarriere Glück eine Rolle, und es hätte alles auch anders kommen können, doch am Anfang denkt man über so etwas nicht nach. Zumal es für mich – auch wenn ich im ersten Jahr manches Mal Lehrgeld zahlen musste – stetig bergauf ging.

Sie haben mal gesagt, dass Sie ein Arbeiter sind. Wie viel Talent hatten Sie denn?

Ein bisschen Talent braucht ja jeder. Es gibt jedenfalls keinen Fußballprofi, der talentfrei durch die Bundesliga stolpert. Doch ich habe sehr viel an meinem Talent gearbeitet, ich habe vielleicht mehr Energie aufwenden müssen, um dieses Talent zu formen.


Sie fingen Ihre Fußballkarriere als Stürmer an. In Ihrer ersten Saison als F-Jugendlicher beim SG Schimborn schossen Sie 107 Tore, in der C-Jugend spielten Sie beim FC Hösbach auf der Zehn. Sind Sie deshalb so torgefährlich, weil Sie in Ihrer Jugend eine Allround-Ausbildung genossen haben?

Das war nicht nur in den Jugendmannschaften so. Ich spielte sogar in meiner ersten Zweitligasaison bei Greuther Fürth noch in einer offensiven Position. Doch seit ich denken kann, war Fußball für mich immer auch ein Spiel, das nicht nur auf einer Position stattfindet, sondern eines, das Freiräume lässt. Ich denke auch, dass ich keinen schlechten Abschluss habe – wobei ich sogar noch mehr Tore machen könnte.

Wie kam es zum Wechsel auf die Defensivpositionen?


Eines Tages überraschte mich mein damaliger Trainer Eugen Hach mit der Ansage: »Heiko, du spielst jetzt hinten rechts.« Ich habe das damals nicht hinterfragt, sondern mich auf die von ihm gewünschte Position begeben. Ich war einfach überglücklich, dass ich 19-jähriger Junge überhaupt spielen durfte – der Trainer hätte mich vermutlich auch als Torwart aufstellen können.

In Fürth wohnten Sie in einer Wohngemeinschaft. Wieso?


Das war für junge Nachwuchsspieler üblich. Und für mich, der gerade 17 geworden war, war es perfekt, es war ein bisschen wie betreutes Wohnen. (lacht) Wir hatten auch jemanden, der alle paar Tage vorbei kam und die Wohnung auf Vordermann brachte. Allerdings mussten wir auch vieles selbst machen – so wurden wir erwachsen.

Mit wem wohnten Sie zusammen?

Mit Johannes Hasenstab, einem Spieler der zeitgleich mit mir aus der Aschaffenburger Region nach Fürth wechselte, dem Ivorer Siaka Bamba und dem Kameruner Denis Dourand. Es war keine reine Zweck-WG, wir fuhren natürlich gemeinsam zu den Spielen, zum Training. Doch es ging im Alltag nicht nur um Fußball, wir waren auch Freunde.

Bei Ihrem ersten Profispiel für Fürth sollen Sie sehr aufgeregt gewesen sein.

Ich bin generell kein Mann für Debüts. Damals spielte ich aber gar nicht so schlecht. Ich musste trotzdem nach 55 Minuten runter.

Bei Ihrem Debüt in Bielefeld verlor Arminia 2:5 gegen Werder. Auf Schalke machten Sie im ersten Training zwei Eigentore und saßen die ersten Spiele auf der Bank. Auch mit Ihrem Nationalmannschaftsdebüt sind Sie nicht zufrieden. Beim HSV ist aber alles geglückt. Zum Bundesligastart gab es ein 2:1 gegen den FC Schalke 04.

Das Spiel war gut, ein schöner Auftakt. Sie unterschlagen aber mein eigentliches Debüt, die Erstrundenpartie im DFB-Pokal gegen den Torgelower SV Greif, bei dem ich mich 90 Minuten dem Oberliga-Niveau anpasste.

Seit einiger Zeit arbeiten Sie mit dem Bewegungslehrer, der Ihre Konzentration fördert. Machen Sie das, um solche Situationen besser in den Griff zu bekommen?

Um Debüts besser zu bestehen? Nun, eigentlich hatte ich nicht vor, noch zehnmal zu wechseln und zehn Debüts zu feiern. (lacht) Es geht darüber hinaus, es geht darum, die Konzentration auf die wichtigen Dinge zu stärken. Das heißt, mit wenig Kraft verschiedene Sachen zu erledigen und nicht in einen Stress zu geraten oder den Faden zu verlieren, wenn  zu viele Dinge auf einen zukommen. Kurz: Es geht um Fokussierung.

Armin Veh machte Sie beim HSV sofort zum Kapitän. Waren Sie überrascht, als die Wahl auf Sie fiel?

Klar, doch ich rechnete schon nach dem Freundschaftsspiel gegen Chelsea mit der Entscheidung. Bei der Partie lief ich als Kapitän auf. Da macht man sich natürlich seine Gedanken. Als Armin Veh mich dann zur Seite nahm und mir das Amt übergab, sah ich das als sehr große Herausforderung und als Ehre für den HSV die Binde zu tragen.

Haben Sie danach mit David Jarollm, dem Kapitän der letzten Saisons,  gesprochen?

Ja, aber für ihn war das kein Problem. Armin Veh wollte gerne was Neues ausprobieren, weil die letzten Jahre nicht so verliefen, wie sie sich der HSV vorgestellt hatte. Mit der Entscheidung wollte der Trainer ein Zeichen setzen.     

Gibt es eigentlich Unterschiede zwischen einem Kapitänsamt auf Schalke und beim HSV?

Nein. Jedenfalls nicht für mich. Der FC Schalke 04 und der Hamburger SV sind Traditionsvereine, gehören zu den größten Klubs in Deutschland. Und wir haben eine Mannschaft, für die es einfach geil ist, zu spielen.

Auch ohne Champions League? Ihnen fehlen noch die großen Titel.

Absolut. Ich bin jedenfalls nicht Fußballer geworden, um Zweiter zu werden, um Vizemeister oder Vize-Europameister zu werden. Ein Titel ist für jeden Profi wichtig.

Klappt es dieses Jahr?

Ich gebe keine Prognosen ab. Zumal man in Hamburg in den letzten Jahren nie gut damit gefahren ist, Ziele auszugeben oder Meisterschaftsträume zu formulieren. Wie heißt es so schön: Wir schauen von Spiel zu Spiel.

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