18.09.2010

Heiko Westermann übers Derby und seine Karriere

»Hätte auch Torwart gespielt«

Heiko Westermann wechselte im Sommer vom FC Schalke zum HSV – und wurde prompt Kapitän. Wir sprachen mit ihm über Verantwortung im Team, seine Jugend und das bevorstehende Derby gegen den FC St. Pauli.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago
Heiko Westermann, Sie haben einmal gesagt, dass Sie Ihren Lebensabend gerne in den Bergen verbringen möchten. Nun geht es seit fünf Jahren nicht nur sportlich nach oben, sondern auch auf der Landkarte. Wie fühlt es sich für einen gebürtigen Franken in Hamburg an? 

Mein Lebensabend ist ja noch lange hin. (lacht) Momentan lebe ich sehr gerne fern der Berge. Zumal die Stadt Hamburg der Wahnsinn ist. Für mich ist es die schönste Stadt in Deutschland.



Nur das Wetter könnte besser sein...

Da scheiden sich die Geister, das stimmt. Man sagt ja auch, die Norddeutschen seien unterkühlt. Das habe ich ganz anders kennengelernt. Meine Familie und ich sind hier jedenfalls sehr herzlich aufgenommen worden.

Sie hatten einst vor, Bauzeichner zu werden. Interessiert Sie die Architektur Ihrer neuen Heimat?

Klar, ich finde die Gebäude interessant, der Hafen schon. Imposant. Es ist aber nicht so, dass ich eine Stadt nur nach ihrer Architektur bewerte. Ich mag es gerne sauber und gepflegt – auch weil ich eine Familie habe.

In den Kneipen der Stadt gibt es aktuell nur ein Thema: Das Derby am Sonntag. Haben Sie durch Ihre Zeit auf Schalke schon Derby-Routine oder hat das Spiel des HSV gegen den FC St. Pauli einen besonderen Reiz?


Schalke gegen Dortmund ist genau genommen kein Stadtderby, es liegen ja einige Kilometer zwischen den Städten. In Hamburg haben wir hingegen ein echtes Stadtderby – und das merkt man. Überall werde ich momentan drauf angesprochen. Wenn ich durch die Straßen gehe, rufen die Leute: »Gewinnt bloß am Wochenende!« 

Oft heißt es, ein Derby ist für die Fans wichtiger als für die Spieler der beteiligten Mannschaften. Sie haben nun in einem Interview gesagt: »Der FC St. Pauli kann uns nicht das Wasser reichen.« Ein bisschen Stichelei gehört also doch dazu.

Was heißt Stichelei? Es ist ja kein Geheimnis, dass wir generell über die individuell besseren Spieler verfügen. Dabei wird es am Sonntag gar nicht so sehr auf die individuelle Klasse ankommen – es wird ein kampfbetontes Spiel und auf Laufbereitschaft ankommen.

Gibt es zwischen den Spielern eigentlich eine Rivalität?

Im Spiel, klar. Generell würde ich mir aber wünschen, dass der FC St. Pauli lange in der Bundesliga bleibt. Mit dem HSV als Nummer eins.

Kannten Sie denn früher Fanrivalität? Sie wuchsen ja im fränkischen Alzenau auf: Es hieß also entweder Bayern- oder Nürnberg-Fan.


Bei mir war es ganz anders. Als ich mit Fußball in Berührung kam, schwärmte ich für Eintracht Frankfurt, für dieses Wunderteam um Jay-Jay Ockocha, Anthony Yeboah und Uwe Bein. Damals bin ich auch sehr häufig ins Waldstadion gegangen. Meine Helden sah ich zum ersten Mal an der Hand meines Vaters – bei einem Spiel gegen 1860 München. Es eröffnete sich eine neue Welt.

Inwiefern?

Jeder Fan kennt das, die ersten Stadionbesuche sind magisch: Die Stimmung, die leidenden Fans, die jubelnden Fans, die alten Männer, die das Spiel auf den Tribünen leben. Da bekam der Fußball für mich erstmals ein konkretes Gesicht. Vorher kannte ich das ja nur aus dem Fernsehen – das wirkte abstrakt, weit weg. Nach diesen ersten Stadionbesuchen wusste ich: Fußball wird mich lange begleiten.

Hätten Sie damals gedacht, dass der Fußball Sie nicht nur als Fan begleitet, sondern dass Sie Bundesligaprofi und Nationalspieler werden?


Diese Gedanken kamen erst, als ich 15 oder 16 Jahre alt war. In jener Zeit erhielt ich die ersten Anfragen von Bundesligavereinen. Ich entschloss mich also, die Schule mit der mittleren Reife zu beenden, wenngleich ich sogar noch ein Dreivierteljahr das Gymnasium besuchte. Ich habe dann aber mit meinem Direktor entschieden, dass ich abgehe und mein Glück im Fußball versuche.

Gab es nie Zweifel?

Natürlich spielt in einer Fußballkarriere Glück eine Rolle, und es hätte alles auch anders kommen können, doch am Anfang denkt man über so etwas nicht nach. Zumal es für mich – auch wenn ich im ersten Jahr manches Mal Lehrgeld zahlen musste – stetig bergauf ging.

Sie haben mal gesagt, dass Sie ein Arbeiter sind. Wie viel Talent hatten Sie denn?

Ein bisschen Talent braucht ja jeder. Es gibt jedenfalls keinen Fußballprofi, der talentfrei durch die Bundesliga stolpert. Doch ich habe sehr viel an meinem Talent gearbeitet, ich habe vielleicht mehr Energie aufwenden müssen, um dieses Talent zu formen.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden