Heiko Scholz über Mauerfall und Wende

»Eine Frage des Herzens«

Als in Leipzig 1989 die friedliche Revolution begann, war Heiko Scholz mittendrin. Der ehemalige Lok-Leipzig-Spieler über Demos vor dem Laden seiner Frau, seinen Wartburg und 30 neue Audis in Dresden.

Heft#96 11/2009
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Heiko Scholz, am 15. November 1989 fand dann das letzte Pflichtspiel der DDR gegen Österreich statt. Sechs Tage vorher war in Berlin die Mauer gefallen. Wo waren Sie da?
Ich war im Wiener Praterstadion und habe Wolfgang Karnath, den Späher von Bayer Leverkusen, auf der Aschebahn herumlaufen sehen, in einem Fotografenleibchen. Der hat unsere Spieler beobachtet. Vor allem Ulf Kirsten und Andreas Thom.  

Wurde das Thema Transfers zu diesem Zeitpunkt innerhalb der Mannschaft thematisiert?

Nein, das hat jeder mit sich ausgemacht. Ich hatte mir am 9. November sogar noch einen neuen Wartburg gekauft. Ich wusste ja, dass wir für zwei Wochen ins Trainingslager düsen, da wollte ich den Wagen schon vorher gekauft haben. Ich war stolz wie Oskar, als ich von der SED-Parteileitung den Zettel bekommen habe.

Wissen Sie noch, wie viel der Wagen gekostet hat?
Circa 35. 000 Mark. Der hatte einen Viertaktmotor, das war das neueste Modell. Am Morgen vor dem ersten Tag im Trainingslager stand ich also stolz vor dem Auslieferungslager und habe gewartet, dass die endlich öffnen.  

Kurz nach dem Mauerfall: Wurde da nicht in der Mannschaft diskutiert, wie es weitergeht?

Nein, da nicht. Aber meine Frau hat im Schuhladen gegenüber der Nikolaikirche gearbeitet, dort wo sich die Leute zu den Montagsdemonstrationen getroffen hatten. Erst fünf, dann zehn, später fünfzig, bis am Ende 100.000 Menschen über den Leipziger Ring demonstrierten. Wahnsinn. Uns Lok-Spielern hatte man verboten an den Demos teilzunehmen. Aber wir sind trotzdem gucken gegangen. Ist doch klar, wenn da 100.000 Leute in deiner Stadt demonstrieren, da gehst du auch hin!  

Sie haben bei Lok in Leipzig gespielt, in einer Stadt, wo viel passierte und die immer etwas freier war, als andere Städte, wie haben Sie die Wendezeit da erlebt?
Ein Grund dafür, dass es etwas lockerer war, war die Messe. Die Stadt hatte immer viel Westkontakt. Aber wenn einer aus meiner Familie geflohen wäre, dann wäre ich als Fußballer kaputt gegangen. Ich kannte einen Trainer aus der zweiten Liga, der ist über Ungarn weg und hat mich dann aus dem Westen angerufen. Ich sollte ihm ein paar persönliche Sachen aus seiner Wohnung holen. Also bin ich nachts um vier Uhr bei ihm eingestiegen. Die Stasi hat das mitbekommen, am nächsten Morgen wurde ich noch auf dem Trainingsplatz verhört. Nur weil unser Klubvorsitzender Peter Gießner seine Hand für mich ins Feuer gelegt hat, war die Sache bald vergessen.  

Während Andreas Thom für 3,6 Millionen Mark nach Leverkusen wechselte, sind Sie nach Dresden gegangen. Auch eine Frage der Ehre?
Nein, bei mir war es eine Frage des Herzens. Ich war in Dresden vier Jahre auf der Sportschule und mich haben sie mit 16 weggeschickt. Ich war nicht gut genug und bin über den Umweg Chemie Leipzig, Lok Leipzig überhaupt erst groß geworden. Ich war der erste Millionen-Transfer innerhalb der DDR, in Dresden hatte ich vor allem größere Chancen in der Bundesliga zu spielen.

In Dresden sind zur Wendezeit Millionen geflossen, bis heute weiß keiner, wo dieses Geld versandet ist..
Für uns Spieler war es dort auf jeden Fall Luxus pur. Irgendwann standen 30 nagelneue Audi 80 vor dem Haupteingang, mussten dafür weder Steuern noch Versicherungen zahlen. Es war die finanzielle Unkenntnis, die Dynamo letztendlich kaputt gemacht hat.

Am 12. September 1990 fand dann das letzte Länderspiel der DDR statt. Trainer Ede Geyer hatte im Vorfeld arge Probleme die Mannschaft überhaupt voll zu bekommen. Haben Sie davon etwas mitbekommen?
Allerdings, ich hatte einen engen Kontakt zu den Nationalmannschaftskollegen im Westen, vor allem zu Kirsten. Die wollten alle nicht kommen und haben von ihren Mannschaften auch keine Freigabe bekommen. Man muss dazu auch sagen, dass einige auf den Einsatz verzichteten, weil sie durch die ständigen Querelen der vergangenen Jahre schlichtweg die Schnauze voll hatten, was das Thema Nationalmannschaft betraf. Ich muss ehrlicherweise sagen, dass ich so zu einigen meiner Auswahleinsätze gekommen bin – weil die Stars nicht wollten.  

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