Heiko Gerber im Interview

»Ich hatte eine superschöne Zeit«

Mittendrin und doch nicht dabei: Ohne die Ersatzbank zu verlassen, sah Heiko Gerber den VfB Stutgart Meister werden. Hier erklärt er uns, warum er sich als Teil der Mannschaft fühlt – und wie Armin Veh aus vielen Teilen ein Ganzes machte.

Glückwunsch zur Meisterschaft, Herr Gerber! Auf dem Papier der größte Erfolg Ihrer Karriere – doch zum Einsatz kamen Sie nicht.

Ich war zu dem Zeitpunkt schon 34, und auch wenn ich nicht gespielt habe, war es für mich ein sehr erfolgreiches und sehr schönes Jahr.

Fühlen Sie sich als deutscher Meister?

Auf jeden Fall. Natürlich hätte ich gern gespielt, aber indem die älteren Spieler wie z. B. Markus Babbel und ich die Jüngeren geführt haben, wenn es mal Probleme gab, habe ich am Ende meinen Teil zum großen Ganzen beigetragen. Wenn die Ersatzspieler nur Ärger machen, kann man keinen Erfolg haben. Wir waren wirklich eine tolle Truppe, in der alles gepasst hat, und da zähle ich mich ganz klar dazu.

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Sie sind aber doch sicherlich mit anderen Erwartungen in die Saison gegangen, was ihre Einsätze angeht. Wie ist es zu Ihnen durchgedrungen, dass Sie für die erste Mannschaft keine Rolle mehr spielen?

Das habe ich eigentlich schon in der Vorbereitung im letzten Sommer gemerkt. Der Trainer hat dann mit mir schon zu Beginn der Saison darüber gesprochen, dass, sollte es normal laufen und sich niemand verletzen, ich nicht mehr viel spielen werde. Natürlich hätte ich gerne noch mal die Chance bekommen, aber dazu kam es dann nicht mehr.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Für einen jungen Spieler ist so was natürlich mehr als ärgerlich. Wir hatten ja auch junge Spieler, die kaum zum Einsatz kamen, ob das jetzt Gentner oder Beck waren. Ich war acht Jahre beim VfB und habe eine superschöne Zeit erlebt. Ich habe es einfach so gesehen, dass es jetzt Zeit für eine neue Spielergeneration ist und bin dann trotzdem jeden Tag mit Freude zum Training gegangen, weil Fußballspielen das ist, was mir Spaß macht. Ich wusste zwar, dass ich am Wochenende nicht spielen würde, aber man ist im Endeffekt dann viel befreiter - man hat am Wochenende keinen Druck, kann viel lockerer trainieren. Das ist zwar nicht das eigentliche Ziel, aber so habe ich es mir eingeredet – und so ist es dann auch gewesen. Wie gesagt: Ich habe das Jahr genossen.

Armin Veh wurde anfangs argwöhnisch beäugt. Musste er sich den Respekt der Mannschaft erst erarbeiten, nachdem er zur Begrüßung von Dieter Hundt als Übergangslösung bezeichnet worden war?

Ich denke schon. Man muss einem Trainer ja auch eine gewisse Zeit geben. Als er zu uns kam, ging erst mal gar nichts. Aber neben Veh bekamen wir mit Alfons Higl noch einen super Co-Trainer und mit Horst Heldt im Management und den von ihm getätigten Einkäufen hat plötzlich alles gestimmt. Durch den Erfolg hat sich der Trainer den Respekt der Mannschaft erarbeitet.

Hat Ihnen Horst Heldt mitgeteilt, dass Ihr Vertrag nicht verlängert wird?

Ja, das hat er bereits im letzten Herbst getan, aber eigentlich habe ich schon vor ein, zwei Jahren gewusst, dass dann vermutlich Schluss sein würde. Er hat mir gleichzeitig angeboten, als Scout im Verein zu arbeiten, das habe ich mir auch mal angeschaut, habe mich dann aber entschieden, noch ein wenig länger zu spielen.

Ist das denn eine Option für die Zukunft?


Ja. Ich habe die Zusage vom Verein bekommen, dass ich jederzeit zurückkommen kann. Mir wurde gesagt, dass ich mich noch zwei Jahre austoben und Fußballspielen soll und dass dann der Weg für mich – in welchem Bereich genau wird man sehen – frei ist.

War es nicht seltsam, mit Horst Heldt,
mit dem sie ja noch zusammengespielt haben, ein Gespräch über den Vertrag zu führen?

Am Anfang schon, aber Horst Heldt ist sehr schnell reingewachsen in diesen Posten. Wir haben immer noch ein sehr, sehr gutes Verhältnis und sind richtig gute Freunde geblieben. Er ist sehr offen mit mir umgegangen. Und genauso sollte das auch sein.

Hängt Horst Heldts schnelle Akklimatisierung auch damit zusammen, dass er starke Signale setzte? Er verlängerte z. B. den Vertrag von Zvonimir Soldo nicht, der lange Zeit als unersetzlich und als VfB-Ikone galt.


Ja, er hat da einige Dinge gemacht – mit Zvonimir, auch mit Timo Hildebrand. Was aber vor allem zählt, sind die guten Einkäufe, die wir im letzten Jahr gemacht haben, mit den Mexikanern, die vor allem menschlich sofort sehr gut in die Truppe passten. Da war für ihn natürlich auch das Arbeiten leichter. Er muss natürlich noch sehr viel lernen als Manager, aber das weiß er selbst am besten. Es war für ihn ein glückliches und sehr erfolgreiches Jahr, aber auch für ihn werden noch andere Zeiten kommen.

Als sich im April immer deutlicher herauskristallisierte, dass die Mannschaft bis zum Schluss um die Meisterschaft mitspielen würde – ist sie wirklich so cool geblieben, wie das nach außen vermittelt wurde?

Etwa ab vier Spieltage vor Schluss haben wir daran geglaubt, dass wir Meister werden können, sind aber trotzdem bis zum Bochum-Spiel relativ ruhig geblieben. Das Nervenflattern kam erst vor dem Spiel gegen Cottbus, aber mit unserer Leidenschaft und dem Publikum im Rücken wurde es fast zum Selbstläufer. Unser Vorteil über die ganze Saison aber war, dass wir keinen Druck von außen hatten, wie etwa Schalke oder Bremen.

Nach dem überraschenden Gewinn der Meisterschaft brauchte der Autokorso die halbe Nacht um auf der Meisterfeier anzukommen, dann die vielen Offiziellen, das Sportstudio – war feiern überhaupt noch möglich oder wurde das auf den nächsten Tag verschoben?

Ja, dieser Umzug hat schon ewig gedauert. Mit den Cabrios durch die Stadt zu fahren, das war sensationell – so was Schönes habe ich eigentlich noch nie erlebt. Da sitzt du viereinhalb Stunden im Auto und wirst von 200 000 Menschen begeistert gefeiert. Das war einfach Wahnsinn. Eines der schönsten Erlebnisse, die ich je hatte. Wir sind dann erst sehr spät zu unserer eigenen privaten Feier gekommen und mussten uns auch bald schon wieder auf das Pokalspiel vorbereiten. Nach diesem Spiel haben wir unsere Feier dann ein bisschen nachgeholt.

Das denkwürdige Pokalfinale. Wie muss man sich die Stimmung nach der Niederlage in der Kabine vorstellen?

Die Mannschaft war total frustriert, weil wir uns wirklich vorgenommen hatten, das Double zu holen, um damit etwas Einmaliges für den Verein zu schaffen. Die Stimmung war anfangs also sehr schlecht. Wir haben uns dann irgendwann zusammengesetzt, Verein und Fans, und gegen 1 Uhr wurde die Stimmung lockerer. Schließlich konnten wir doch noch die Nacht in Berlin durchfeiern, denn immerhin waren wir Deutscher Meister.

Gab es Vorwürfe an Cacau?

Nein. Cacau war selbst der Unglücklichste überhaupt an diesem Abend, er wusste, dass er durch die rote Karte das Spiel mitentschieden hat. Mit elf Mann, da bin ich mir sicher, hätten wir gewonnen. Das sind Dinge, die eigentlich nicht passieren dürfen, aber im Fußball eben auch immer wieder passieren. Ihm wird das verziehen, und er wird es einfach dieses Jahr im Pokal wiedergutmachen.

Hat er der Mannschaft sein Verhalten erklärt?

Nein, nicht so richtig. Ich denke, er ist zehn Minuten vor der Aktion von Wolf im Mittelfeld durch einen Schlag niedergestreckt worden, den der Schiedsrichter nicht gesehen hat. Auch in der Situation, die zum Platzverweis führte, ist er von ihm provoziert worden, und dann ist es natürlich der Fehler vom Cacau, dass er sich hat provozieren lassen. Wenn man die Fernsehbilder sieht, ist es eine berechtigte rote Karte.

Was war neben dem Gewinn der Meisterschaft Ihr persönlich schönster Moment mit dem VfB?

Das Champions-League-Spiel gegen Manchester United, das wir 2:1 gewonnen haben, war ähnlich schön – das sind die zwei Momente, an die ich mich mein Leben lang erinnern werde. Wenn jetzt noch ein Aufstieg mit Ingolstadt dazukommt, hätte ich drei sehr schöne Momente im sportlichen Leben.

Ihr bitterster Moment?

Einen ganz bitteren Moment hatten wir eigentlich nicht, wir sind ja nie abgestiegen. Der bitterste Moment wäre dann das unglückliche Ausscheiden im Achtelfinale der Champions League gegen Chelsea. Wir haben praktisch ein Tor geschossen – ein Eigentor – Chelsea keins, und wir sind ausgeschieden.

Wohin führt der Weg des VfB in der nächsten Saison?

Die Truppe hat eine sehr gute Qualität. Wenn ich an die jungen Spieler denke wie Tasci, Hilbert oder Khedira – es ist sensationell, wie die sich entwickelt haben. Der VfB wird auch diese Saison wieder ganz oben mitspielen, vielleicht wird man nicht wieder Meister, aber um die Plätze drei bis fünf geht’s auf jeden Fall.

Im Interview mit Stuttgarter Zeitung während der Winterpause sagten Sie scherzhaft, Sie würden nach Russland wechseln.


Das ist daraus entstanden ist, dass ich zu DDR-Zeiten russisch gelernt habe, und als die Scouting-Geschichte akut wurde, habe ich aus Spaß gesagt, dass ich im osteuropäischen Raum arbeiten werde. Dabei kann ich gar kein Russisch mehr. Im Ernst: Ausland war für mich nie ein Thema.

Nun ist es Ingolstadt geworden. Wie kam es dazu?

Trainer und Vorstand wollten mich unbedingt haben, wir haben dann sehr gute Gespräche geführt. Ingolstadt ist ein Verein, in dem sich etwas bewegt – das hat mir imponiert. Dazu kommt, dass es nicht weit weg ist von Stuttgart, wo meine Familie wohnt. Und dann dachte ich, ich mache noch zwei Jahre weiter, weil Fußballspielen einfach das schönste ist, was es gibt.

Welche Perspektiven sehen Sie dort für die Mannschaft und für sich selbst?

Egal wie die zwei Jahre laufen, werde ich danach definitiv aufhören, selbst wenn wir dann in der ersten Liga spielen sollten. Für mich ist es wichtig, hier die Mannschaft zu führen und mit aufzubauen. Wir haben große Ziele, wir wollen aufsteigen, Minimalziel dritte Liga, wenn es geht, auch in die zweite, aber das ist eine ganz schwere Aufgabe.

Am 11. August geht es nach Stuttgart, zum Regionalligaspiel gegen den VfB II – wissen Sie schon, mit welchen Gefühlen Sie – nach 8 Jahren beim VfB – dorthin fahren werden?

Das wird schon etwas komisch werden, wenn ich dann im Amateurstadion spiele. Es kommen viele Freunde, von denen es mir keiner übel nehmen wird, wenn ich mit Ingolstadt vielleicht die drei Punkte mitnehme. Insofern wird es ein schönes Erlebnis, aber ich werde auf jeden Fall mit einem etwas komischen Bauchgefühl nach Stuttgart fahren.

Schon Verabredungen für das betreffende Wochenende getroffen?

Ja, also wenn alles gut läuft und der Trainer mir die Erlaubnis gibt, werde ich im Anschluss an das Spiel bleiben und zusammen mit den Amateuren vom VfB den Sieg von Ingolstadt feiern. Und dann werde ich mich um meine Familie kümmern.

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