Hat der italienische Fußball ein Rassismus-Problem?

»Das sind keine Einzeltäter!«

Zuletzt kam es in italienischen Fußballstadien wiederholt zu rassistischen Schmähungen gegen dunkelhäutige Spieler. Carlo Balestri, Gründer von »Progetto Ultra« und Organisator des Festivals »Mondiali antirazzisti«, kennt das Problem.

Carlo Balestri, vergangene Woche verließ die Mannschaft des AC Mailand bei einem Freundschaftsspiel gegen Pro Patria geschlossen das Feld, nachdem Kevin-Prince Boateng und andere dunkelhäutige Spieler rassistisch beschimpft wurden. Am Samstag gab es beim Spiel zwischen Cagliari Calcio und Lazio Rom Schmährufe gegen den Kolumbianer Victor Ibarbo. Hat der italienische Fußball ein Rassismus-Problem?
Es gab in den vergangenen Jahren zahlreiche Zwischenfälle, die in der europäischen Öffentlichkeit bekannt wurden. Etwa Paolo di Canios Gruß 2005, die Schmähungen gegen Mario Balotelli im Pokal-Halbfinale bei Juventus Turin 2009 oder die Rufe gegen dunkelhäutige Spieler von Tottenham Hotspur im Sommer 2012. Doch es gibt da noch etliche Fälle, die Italien medial nie verlassen haben. Daher muss ich leider sagen: Ja, der italienische Fußball hat ein Rassismus-Problem. Und zwar nicht nur bei Lazio Rom, auf die gerne verwiesen wird. Die rechten Szenen bei anderen Klubs – etwa bei Juventus Turin – sind ebenfalls erschreckend groß.
 
Wie sichtbar sind diese Szenen in den Stadien?
Sie sind da, doch es ist nicht so, dass man diese Leute wie in den neunziger oder frühen nuller Jahren sofort erkennt. Dunkle Zeiten! Ich erinnere an ein Spiel bei Hellas Verona, bei dem Fans mit Ku-Klux-Klan-Kostümen beim Spiel auftauchten und eine schwarze Puppe an einen Strick aufhängten, weil der Verein erwogen hatte, einen afrikanischen Spieler zu verpflichten.
 
Was tun die Verbände, Vereine und Politiker gegen den Rassismus in den Stadien?
Die Vereine und der Verband haben sich viele Jahre kaum positioniert – und wenn, dann zeigten ihre Reaktionen eine gewisse Ohnmacht. Ich hoffe gerade bei den Vereinen auf Besserung, immerhin hat es kürzlich eine vereinsübergreifende Rassismus-Schulung gegeben, bei der alle Profivereine und etliche Experten geladen waren. Die Politik reagiert seit jeher mit Repressionen und hat das Problem nicht gelöst. Im Gegenteil. Die aggressive Grundstimmung ist mitunter stärker geworden. Schaut man heute auf die Tribünen, sieht man dort eine sterbende und wütende Fankultur. Es gibt in jedem Stadion zahlreiche kleine Splittergruppen, doch keine konstruktive, bunte und lebhafte Kurve.
 
Kann es daher keine Selbstregulierung in der Kurve geben?
Ich bin Fan von Bologna, und dort ist es häufig so, dass die Mehrheit der Fans rassistische Gesänge übertönt. Das funktioniert allerdings nicht überall – auch weil so etwas in handgreiflichen Konflikten münden kann. Ein weiteres Problem ist auch das grundlegende Verständnis von Rassismus. Viele Leute behaupten, dass die Beschimpfung von einem Spieler wie – sagen wir – Mario Balotelli nicht rassistisch motiviert sei. Die Affengeräusche, so die These, sind schlichtweg ein Mittel, um den Spieler zu verunsichern. Was natürlich totaler Quatsch ist.
 
Gibt es keine Stadionordnungen?
Es gibt welche, die ist aber nicht vergleichbar mit denen in Deutschland. In unseren Stadionordnungen ist etwa festgelegt, dass keine Waffen oder Flaschen mitgebracht werden dürfen. Dass Fans vor dem Stadion in Wahlkampfzeiten Werbematerial für rechtsextreme Bewegungen verteilen, wird da ignoriert.
 
Wie sieht es mit Fanprojekten aus?
Ich war viele Jahre Mitglied von »Progetto Ultra« (gegründet 1995 in Bologna, d. Red.). Ein Ziel dieser Organisation war es, gemeinsam mit den Fans die Gewalt zu reduzieren und gegen Rassismus zu kämpfen. Wir haben uns über ein Jahrzehnt für die Einführung von Fanprojekten eingesetzt und eine nachhaltige Sozialarbeit mit Fußballfans gefordert – bis zuletzt erfolglos.
 
Nach Vorfällen wie bei Pro Patria oder Lazio Rom ist häufig zu hören, dass es sich um Einzeltäter oder Mitläufer handelt. Lazio-Präsident Claudio Lotito hielt sich jedenfalls mit Kritik an den eigenen Anhängern zurück. Von Pro Patria hieß es, die beschuldigten Zuschauer seien keine Fans. Wie bewerten Sie solche Aussagen?
Ich denke, es ist gefährlich die Probleme über die Mitläufer- oder Einzeltäter-These wegzuwischen, denn häufig greift diese zu kurz. Bei Pro Patria und auch andernorts sprechen wir jedenfalls nicht von Einzeltätern. In vielen Kurven stehen Leute gibt, die seit 20 oder 30 Jahren stramm rechts sind – und die auch seit 20 oder 30 Jahren schon ins Stadion marschieren.
 
Hat Kevin-Prince Boateng richtig gehandelt?
Man mag sagen, dass es nur ein Freundschaftsspiel war und deswegen das ganze Gewese darum ein bisschen zu groß war. Doch ich finde, es war ein wichtiges Zeichen – auch für diejenigen, die sich bislang nicht getraut haben, den Platz in solchen Fällen zu verlassen. Man wird hoffentlich auch erkennen, dass das kein Problem von einzelnen Spielern ist, sondern den gesamten Fußball betreffen. Absolut falsch ist es daher, als Fußballfunktionär, dessen Worte Gewicht hat, aus der Ferne die Lage zu beurteilen – so wie es Sepp Blatter mal wieder getan hat (Blatter sagte: »Es ist keine Lösung, wenn ein Spieler einfach vom Platz geht.«, d. Red.).
 
Liegt es nicht auch an den Schiedsrichtern härter durchzugreifen?
Absolut. Ich kann mich nur an wenige Fälle erinnern, in denen Spiele unterbrochen wurden. In seiner letzten Saison, unterbrach Pierluigi Collina mal eine Partie, weil Fans einen Spieler rassistisch beschimpften. Das müsste viel häufiger passieren.

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