Harez Habib, Nationalspieler Afghanistans

»Fußball ist unsere Medizin«

Harez Habib war drei Jahre alt, als seine Eltern mit ihm vor den Taliban aus Kabul nach Deutschland flohen. Heute schreibt er in Göttingen an seiner Diplomarbeit – und spielt nebenbei für die afghanische Fußball-Nationalmannschaft. Harez Habib, Nationalspieler Afghanistans

Harez Habib, wie wird ein Student aus Göttingen Fußball-Nationalspieler Afghanistans?

Harez Habib: Erstens: Indem er einen afghanischen Pass besitzt. Zweitens: Indem er gut Fußball spielt. (lacht) Und ich kann nun einmal beides vorweisen. Seit meinem dritten Lebensjahr lebe ich in Deutschland und aktuell schreibe ich an meiner Diplomarbeit am Seminar für Sozialwissenschaft an der Uni Göttingen.

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In Deutschland spielst Du seit 2008 beim Regionalligisten Hessen Kassel. Wie ist der afghanische Verband überhaupt auf Dich gekommen?

Harez Habib: 2003 schickte der DFB gemeinsam mit dem Deutschen Olympischen Sportbund den deutschen Trainer Klaus Stärk als Nationaltrainer nach Afghanistan, der wiederum verstärkt auf uns Deutsch-Afghanen setzte. Ich bin ja nicht der einzige »Legionär«. Mansur Faqiryar vom VfB Oldenburg oder Milad Salem von Wehen Wiesbaden sind nur zwei weitere Nationalspieler, die in Deutschland aufwuchsen, aber für Afghanistan Fußball spielen.

Mit der Nationalmannschaft hast Du bereits in Ländern wie Sri Lanka, Kirgisien oder Tadschikistan gespielt. Inwiefern sind solche Auswärtsspiele ein Kulturschock für einen Studenten aus Göttingen?

Harez Habib: Plötzlich erkennt man, in welch unterschiedlichen Welten Menschen leben. Der deutsche Lebenstandart ist mit dem Dasein in diesen Ländern nicht annähernd zu vergleichen. Häufig sind solche Reisen echte Abenteuer.  Während der Südasienmeisterschaften spielten wir 2008 auf Sri Lanka, ein Land, das sich zu diesem Zeitpunkt mitten im Bürgerkrieg befand. Selbst bei harmlosen Strandspaziergängen begleitete uns eine fünfköpfige schwerbewaffnete Patrouille. Man stelle sich das in Deutschland vor.

Auch Afghanistan und Deutschland trennen Welten. Wie sehr spürst Du das bei den Reisen mit der Nationalmannschaft?

Harez Habib: Extrem. Was die Mitspieler, die in Afghanistan leben, mir erzählen, kann ich manchmal einfach nicht glauben. Es übersteigt meine Vorstellungskraft, wenn ich höre, dass Menschen tagelang ihr Haus nicht verlassen dürfen, weil sie befürchten müssen, auf der Straße getötet zu werden.

Wie groß sind die kulturellen Unterschiede zwischen Dir und den Mitspielern aus Afghanistan?

Harez Habib: Spannungen und Missverständnisse sind nicht selten. Schließlich prallen mit den Deutsch-Afghanen und den Einheimischen zwei vollkommen unterschiedliche Mentalitäten und Erfahrungswelten aufeinander. Ich empfinde den Umgang untereinander dennoch als sehr respektvoll. Wir können schließlich nichts dafür, nicht in Afghanistan aufgewachsen zu sein. Man bleibt aber, allein aufgrund der unterschiedlichen Erfahrungen, oft der »Ausländer« innerhalb der eigenen Mannschaft. Das ist natürlich vertrackt: Ich bin beiden Ländern Ausländer, für die Deutschen bin ich der Afghane, für die Afghanen, der Deutsche. Kassler Jung oder Kabuler Jung. Ich bin alles und wiederum auch nichts davon. Das ist schade.

Wie ein Student aus Göttingen afghanischer Nationalspieler wurde



Wie groß sind die spielerischen Unterschiede auf dem Fußballplatz?

Harez Habib: Du merkst sehr schnell, dass es für in Afghanistan lebende Spieler um viel mehr geht, als ein gewöhnliches Fußballspiel. Für sie stehen die Spiele im totalen Kontrast zu den schrecklichen Erlebnissen im Krieg oder der Gegenwart. Sie gehen ganz anders in die Partien. Während ich daran denke, mit welcher Taktik wir die gegnerische Mannschaft schlagen können, überwiegt bei den einheimischen Afghanen ein unglaublicher Stolz, diesen schönen Moment für ihr Land erleben zu dürfen. Dementsprechend viel Einsatz und Leidenschaft zeigen sie im Spiel. Das kann dann auch mal auf die Knochen gehen.

Das heißt, Dein nationaler Stolz hält sich in Grenzen?

Harez Habib: Auf keinen Fall! Natürlich bin ich unglaublich stolz für meine Heimat auflaufen zu können. Das ist meine Chance, etwas zurückzugeben. Ich hatte viel Glück im Leben, vielen meiner Landsleute war das nicht vergönnt. Ich lebe in Deutschland, studiere, spiele Fußball, bin ein freier Mensch – ich habe ein schönes Leben. Fußballspielen für Afghanistan ist meine Möglichkeit, etwas für meine Heimat zu tun. Ich bin schließlich kein Millionär, der einfach einen großen Scheck auszufüllen braucht, um sich besser zu fühlen.

Welchen Stellenwert besitzt der Fußball in Afghanistan?

Harez Habib: Die kollektive Liebe zum Spiel ist durchaus vergleichbar mit der in Deutschland. Man bekommt das hier in Deutschland bloß nicht mit, Schlagzeilen aus Afghanistan sind meistens blutig. Was man nicht weiß, ist, dass unsere Spieler nach gewonnenen Spielen am Flughafen wie Helden empfangen werden. Als wir im März 2003 das erste Länderspiel seit Beendigung der Taliban-Herrschaft gewannen (Afghanistan schlug Kirgisistan in einem Qualifikationsspiel zur Asienmeisterschaft mit 2:1, d. Red.) warteten Zehntausende auf der Rollbahn und trugen die Mitspieler auf den Schultern nach Hause. Leider kenne ich die Begeisterung in Afghanistan auch nur vom Hörensagen.

Warum?

Harez Habib: Weil ich nach jeder Partie direkt nach Deutschland zurückfliege.

Die Sicherheitslage lässt also Spiele in Afghanistan immer noch nicht zu?

Harez Habib: Nein. Ein Spiel in Kabul würde wahrscheinlich 100.000 Menschen begeistern,  eine solche Menschenansammlung ist in Afghanistan leider immer ein potentielles Ziel für Attentäter. Meistens äußern auch die Gastmannschaften den Wunsch, die Spiele ins benachbarte Ausland zu verlegen. Eben weil sie Angst um ihre Sicherheit haben. Ich kann diese Angst aber auch gut verstehen. Wir sind noch nicht so weit, ein friedliches Fußballfest auf afghanischen Boden zu garantieren. Ein Heimspiel in Afghanistan wird vorerst wohl ein Traum bleiben.

Hat sich der afghanische Fußball denn seit der Befreiung 2001 denn weiter entwickelt?

Harez Habib: Auf jeden Fall. Seit der Afghanische Fußballverband 2003 neu gegründet wurde, ist einiges passiert. Die Entwicklung ist ja allein schon an den sportlichen Erfolgen abzulesen. Und durch den Erfolg kommt es zu weiteren Investitionen in Strukturen und Umfeld. Allerdings ist es das momentan eine Entwicklung der kleinen Schritte.



Woran mangelt es noch konkret?

Harez Habib: Es gibt noch viele offene Baustellen. Insbesondere die Infrastruktur ist ein Problem. Es gibt vielleicht zwei, maximal drei Wettkampfstätten und selbst die sind in einem fragwürdigen Zustand. Gerade wenn man die Afghanische Liga auf eine landesweite Basis stellen will (aktuell gibt es nur eine Art Kabuler Stadtmeisterschaft, d. Red.) muss es weitere Plätze und Stadien geben. Darüber hinaus  muss die Jugend gefördert, Vereine gegründet und Strukturen ausgebaut werden.

Seit sich am 14. Januar 2002 erstmals deutsche Soldaten an Patrouillen in Afghanistan beteiligten, ist die Bundeswehr in Afghanistan präsent. Gab es von deutscher Seite Unterstützung im Aufbau des afghanischen Fußballs?

Harez Habib: Ja, vor allem bei der Gründung des neuen afghanischen Verbandes hatten die Deutschen einen entscheidenden Anteil. Da kam viel Aufbauhilfe von Seiten des DFB und des Deutschen Olympischen Sportbundes. Unsere ersten beiden Teamchefs, Holger Obermann und Klaus Stärk, waren Deutsche und mit dem ehemaligen Nationalspieler Ali Askar Lali haben wir sogar eine Art afghanischen Franz Beckenbauer! Er lebte seit 1981 in Deutschland und arbeitet derzeit für das Auswärtige Amt am Aufbau des afghanischen Fußballs mit. Außerdem hat Deutschland den afghanischen Fußball auch materiell unterstützt.

Die ehemalige Vorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, hat Anfang 2010 für Aufsehen gesorgt, als sie meinte, es sei »nichts gut in Afghanistan«. Wie beurteilst du diese Aussagen?

Harez Habib: Man sollte der deutschen Bevölkerung nicht den Eindruck vermitteln, dass ihre Hilfe in Afghanistan nicht erwünscht wäre. Die Bundeswehr leistet sehr wichtige Arbeit für den Neuaufbau von Afghanistan, gerade in den Bereichen der humanitären Hilfe und des strukturellen Wiederaufbaus. Leider gibt es allerdings Kräfte im Land, die Soldaten der ISAF (Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe, d. Red.) und damit auch die Bundeswehr, als Besatzer brandmarken. Das sind fatale Fehleinschätzungen, weil solche Aussagen die Bevölkerung Afghanistan an einem wunden Punkt treffen. Wenn es eine Konstante in der afghanischen Geschichte gibt, dann die, dass sich Afghanen gegen Besatzer immer vereint haben, um diese zu bekämpfen. Nicht nur deshalb ist der Fußball als Einheitsstiftender Faktor sehr wichtig.

Der Fußball besitzt in Afghanistan also auch eine politische Komponente?

Harez Habib: Ich glaube, Fußball besitzt immer etwas Verbindendes. Das erfahre ich ja grade hautnah in der Nationalmannschaft und an der Begeisterung, die wir im ganzen Land auslösen. Der Fußball in Afghanistan ist praktisch wie eine Schmerz lindernde Salbe auf einer noch offenen Wunde, unsere Medizin.

Was würdest Du dem afghanischen Fußball wünschen?

Harez Habib: Ein Fußballspiel zwischen Afghanen und Deutschen, vielleicht sogar deutschen Soldaten, wäre sensationell. Allein die Symbolik, die ein Händedruck oder eine Umarmung zwischen afghanischen und deutschen Spielern besitzt, wäre enorm.

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