15.04.2011

Harez Habib, Nationalspieler Afghanistans

»Fußball ist unsere Medizin«

Harez Habib war drei Jahre alt, als seine Eltern mit ihm vor den Taliban aus Kabul nach Deutschland flohen. Heute schreibt er in Göttingen an seiner Diplomarbeit – und spielt nebenbei für die afghanische Fußball-Nationalmannschaft.

Interview: Martin Thaler Bild: Imago
Harez Habib, wie wird ein Student aus Göttingen Fußball-Nationalspieler Afghanistans?

Harez Habib: Erstens: Indem er einen afghanischen Pass besitzt. Zweitens: Indem er gut Fußball spielt. (lacht) Und ich kann nun einmal beides vorweisen. Seit meinem dritten Lebensjahr lebe ich in Deutschland und aktuell schreibe ich an meiner Diplomarbeit am Seminar für Sozialwissenschaft an der Uni Göttingen.



In Deutschland spielst Du seit 2008 beim Regionalligisten Hessen Kassel. Wie ist der afghanische Verband überhaupt auf Dich gekommen?

Harez Habib: 2003 schickte der DFB gemeinsam mit dem Deutschen Olympischen Sportbund den deutschen Trainer Klaus Stärk als Nationaltrainer nach Afghanistan, der wiederum verstärkt auf uns Deutsch-Afghanen setzte. Ich bin ja nicht der einzige »Legionär«. Mansur Faqiryar vom VfB Oldenburg oder Milad Salem von Wehen Wiesbaden sind nur zwei weitere Nationalspieler, die in Deutschland aufwuchsen, aber für Afghanistan Fußball spielen.

Mit der Nationalmannschaft hast Du bereits in Ländern wie Sri Lanka, Kirgisien oder Tadschikistan gespielt. Inwiefern sind solche Auswärtsspiele ein Kulturschock für einen Studenten aus Göttingen?

Harez Habib: Plötzlich erkennt man, in welch unterschiedlichen Welten Menschen leben. Der deutsche Lebenstandart ist mit dem Dasein in diesen Ländern nicht annähernd zu vergleichen. Häufig sind solche Reisen echte Abenteuer.  Während der Südasienmeisterschaften spielten wir 2008 auf Sri Lanka, ein Land, das sich zu diesem Zeitpunkt mitten im Bürgerkrieg befand. Selbst bei harmlosen Strandspaziergängen begleitete uns eine fünfköpfige schwerbewaffnete Patrouille. Man stelle sich das in Deutschland vor.

Auch Afghanistan und Deutschland trennen Welten. Wie sehr spürst Du das bei den Reisen mit der Nationalmannschaft?

Harez Habib: Extrem. Was die Mitspieler, die in Afghanistan leben, mir erzählen, kann ich manchmal einfach nicht glauben. Es übersteigt meine Vorstellungskraft, wenn ich höre, dass Menschen tagelang ihr Haus nicht verlassen dürfen, weil sie befürchten müssen, auf der Straße getötet zu werden.

Wie groß sind die kulturellen Unterschiede zwischen Dir und den Mitspielern aus Afghanistan?

Harez Habib: Spannungen und Missverständnisse sind nicht selten. Schließlich prallen mit den Deutsch-Afghanen und den Einheimischen zwei vollkommen unterschiedliche Mentalitäten und Erfahrungswelten aufeinander. Ich empfinde den Umgang untereinander dennoch als sehr respektvoll. Wir können schließlich nichts dafür, nicht in Afghanistan aufgewachsen zu sein. Man bleibt aber, allein aufgrund der unterschiedlichen Erfahrungen, oft der »Ausländer« innerhalb der eigenen Mannschaft. Das ist natürlich vertrackt: Ich bin beiden Ländern Ausländer, für die Deutschen bin ich der Afghane, für die Afghanen, der Deutsche. Kassler Jung oder Kabuler Jung. Ich bin alles und wiederum auch nichts davon. Das ist schade.

Wie ein Student aus Göttingen afghanischer Nationalspieler wurde

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