Harald Spörl im Interview

»Meine Frau nennt mich Lumpi«

14 Jahre spielte Harald Spörl für den HSV, in 321 Partien schoss er 60 Tore – als Mittelfeldspieler. Für die Nationalelf reichte es dennoch nie. Hier spricht »Lumpi« Spörl über die Arbeit als Scout, seine aktive Zeit beim HSV und Huub Stevens. Harald Spörl im Interview

Herr Spörl, bei unserem letzten Telefonat waren Sie in Buenos Aires, und ich habe Sie morgens aus den Federn geklingelt. Was war der Grund für ihren Aufenthalt?

(lacht) Ich bin Scout des Hamburger SV. Da muss man sich auch mal in Argentinien umgucken.

Wie kann man sich die Arbeit als Scout genau vorstellen? Gehen Sie von Fußballverein zu Fußballverein und schauen sich Jugendspiele an?

Beim HSV ist das Scouting in mehrere Abteilungen aufgegliedert. Wir haben zwei Scouts für den Jugendbereich und vier für den Herrenbereich, der noch zwischen Bundesliga und Amateuren aufgeteilt ist. Ich scoute hauptsächlich Spieler, die direkt für die Bundesliga interessant sind.

Also schon fertige Spieler?

Na ja, was heißt fertige Spieler? Ein junger Spieler wie etwa Pitroipa ist ja noch nicht fertig. Der hat großes Potential, muss sich aber noch entwickeln.

Sie sind also viel auf Reisen. Welche Sprachen sprechen Sie?


Mit Englisch kommt man eigentlich meistens klar. Natürlich gibt es auch mal Berater, Trainer oder Betreuer, die kein Englisch sprechen, aber in der Regel kann man sich immer irgendwie verständigen. Man muss jedenfalls nicht unbedingt Französisch oder Portugiesisch können.

Wie lange sind Sie denn schon als Scout tätig?

Eigentlich seitdem es ein Scoutingsystem beim HSV gibt, seit 2002.

Hatten Sie nie Lust, als Trainer zu arbeiten?

Ich war ja Trainer, doch irgendwann musste ich die Entscheidung treffen, ob ich ins Trainergeschäft gehe oder ins Scouting. Das Scouting hat sich in den letzten Jahren stark vergrößert. Mittlerweile ist das ein Fulltime-Job, man ist teilweise sechs, sieben Monate im Jahr nicht zu Hause. Dabei kann man natürlich nicht nebenbei noch eine Mannschaft trainieren. Falls ein Verein aus der Regionalliga noch mal anfragen würde, dann werde ich mir schon noch mal Gedanken machen.

Es würde Sie also noch reizen, einen Profiverein zu trainieren?

Ja, aber die Möglichkeit ist sehr gering. Eigentlich steigt man ja direkt nach der Fußballkarriere ins Trainergeschäft mit ein. Nun bin ich seit einigen Jahren nicht mehr als Trainer tätig und kann mir auch nicht vorstellen, dass jemand kommt uns sagt: »Du bist ein netter Kerl, du kennst dich aus in der Fußballbranche, willst Du unseren Zweitligisten trainieren?« Sie kamen 1987 zum HSV und blieben dort 14 Jahre bis 2001. Was macht den HSV so besonders für Sie?

Erstens haben sie mir da die Möglichkeit gegeben, professionell Fußball zu spielen – dass war das Wichtigste. Zudem ist Hamburg eine schöne Stadt, der Familie hat es gefallen, und ich habe mich rundum wohl gefühlt. Es hat einfach Spaß gemacht, und nach ein paar Jahren hatte sich bei mir eine Art Vereinstreue entwickelt. Für mich kam eigentlich nie ein Wechsel in Frage.

Wollten Sie wirklich nie weg?

Nein. Ich habe meistens auch schon ein halbes Jahr vor Vertragsende verlängert. Ich war nie jemand, der gepokert hat. Ich wollte in Hamburg bleiben, und es hat gepasst. Solche Vereinstreue war damals schon selten, und heutzutage gibt es das ja so gut wie gar nicht mehr.

Bevor Sie kamen, holte der HSV 1987 den Pokal und wurde Zweiter in der Liga – eine so gute Saison ist den Hanseaten bis heute nicht mehr gelungen. Was verpasste der HSV, um den Erfolg fortzusetzen?

Im Jahr darauf sind wir Fünfter geworden. Wir hatten in der Zeit zwischen 1987 und 2001 immer wieder eine gute Mannschaft beisammen. Doch hatten wir das Problem, dass die Stützen, sei das ein Thomas Doll oder ein Jörg Albertz, am Ende der Saison verkauft wurden. Wohl aus finanziellen Gründen, da bin ich mir aber nicht so sicher. Diese Schlüsselspieler zu verlieren war schlecht für das Gefüge der Mannschaft, und danach hat es immer so ein, zwei Jahre gedauert, bis sich die Mannschaft wieder neu formiert hatte.

Bei den Fans waren sie immer sehr beliebt. Wer hat Ihnen den Spitzname »Lumpi« gegeben?

Ich habe den, seit ich zehn Jahre alt bin. Warum, weiß ich nicht mehr. Ich habe ihn bis heute behalten, selbst in meiner Heimat nennen sie mich noch so. War wahrscheinlich so ein Jugendstreich – da quatscht einer mal ein bisschen blöd herum, und dann hat man so einen Namen an der Backe. Aber mich stört das nicht. Meine Frau nennt mich übrigens auch so.

Sie spielten 1995/96 eine überragende Saison, in der Sie 14 Tore schossen und somit bester HSV-Schütze wurden. Damals stand die EM in England vor der Tür. Waren Sie damals kein Kandidat für die Nationalmannschaft?

Doch, klar. Ich war öfters ein Thema für die Nationalelf. Nur hat das leider nie geklappt. Damals hatten wir ja noch richtige Knallerspieler, es war unglaublich schwer an denen vorbei zu kommen. Heute hätte ein Mittelfeldspieler, der 14 Tore in einer Saison macht, vermutlich keine Probleme, nominiert zu werden.

Wer war denn die Konkurrenz auf Ihrer Position in der Nationalmannschaft?

Ich habe ja mehrere Positionen gespielt. Meistens im Mittelfeld, und das war damals sehr stark besetzt: Reuter, Häßler, Matthäus – das war einfach ein guter Jahrgang. Die Leistungsdichte war immens hoch. Mich hat es aber nicht großartig gestört, dass ich nicht nominiert wurde.

Sie hatten ja ihren HSV.

Den hatte ich – und den habe ich immer noch.

Der HSV steht momentan so gut wie schon lange nicht mehr da. Wie beurteilen Sie die derzeitige Situation?

Letztes Jahr um diese Zeit kämpften wir noch um die Klasse. Seitdem Huub Stevens da ist, läuft alles top. Er hat die Mannschaft wieder in die Spur bekommen. Dennoch: Es wird nicht einfach, den aktuellen Champions League-Platz zu verteidigen.

Die Meisterschaft ist kein Thema mehr?

Nein, das Thema ist durch. Wobei das ja eigentlich auch nie ein Thema war. Unser Saisonziel war es, unter die ersten Fünf zu kommen – und auch da muss man kämpfen um es noch zu erreichen. Im schlimmsten Fall kann sogar dieses Ziel noch mal in Gefahr geraten. Doch das glaube ich nicht: Die Mannschaft ist stabil, wir hatten zwar den einen oder anderen Rückschlag, etwa Mathijsens Rote Karte, aber ich denke, dass wir das kompensieren können. Der Kader ist in der Breite gut besetzt.

Wenn Huub Stevens im Sommer geht, wird sich einiges verändern müssen. Welchen Trainer würden Sie sich als Nachfolger wünschen?

Ich wünsche mir einen Trainer, der die Mannschaft im Griff hat. Wer das dann letztendlich sein wird (überlegt)... ist eigentlich egal. Der Trainer wird ja immer am Erfolg gemessen. Wenn du gewinnst, hast du alles richtig gemacht, dann ist es egal, ob ein Nobody oder ein ein alter Fuchs draußen sitzt. Umgekehrt genauso. Wenn ein Mourinho vier oder fünf Spiele hintereinander verliert, hilft ihm sein großer Name auch nicht weiter.

Wäre es Ihr Traum, mal den HSV zu trainieren?

Ich denke, das wäre nicht nur ein Traum von mir sondern von vielen Trainern. Der HSV ist einer der besten Vereine in Deutschland. Es handelt sich ja hier nicht um einen No-Name Verein, die Hamburger sind die Einzigen, die immer in der Bundesliga gespielt haben. Das ist schon etwas Besonderes. Das wäre für mich das Größte, ganz klar! Aber ich bin ja kein Trainer.

Aber träumen...

Ja, natürlich. Träumen ist erlaubt.

Gehen wir davon aus, dass Rafael van der Vaart den HSV im Sommer verlässt: Welche Spieler könnten die Lücke, die er hinterlässt, schließen?

Van der Vaart ist ein Spieler, der ungemein torgefährlich ist – so wie ich damals (lacht). Spaß beiseite. Man muss abwarten, was passiert. Vielleicht verlängert er ja doch. Einen Spieler wie van der Vaart oder auch einen Diego eins zu eins zu ersetzten, ist unmöglich. Wenn van der Vaart irgendwann den HSV verlässt, wird der neue Mann kein Abbild von ihm sein, er wird andere Qualitäten haben, die der Mannschaft auf eine andere Art und Weise zu Gute kommen.

Nachdem Thomas Doll mit dem HSV die Champions League erreichte, verließen viele Spieler – etwa Van Buyten und Boulahrouz – fluchtartig den Verein. Haben Sie keine Angst, dass sich ein solches Szenario wiederholt?


Natürlich war es schade, dass van Buyten und Boulahrouz gingen. Bei van Buyten wussten wir allerdings rechtzeitig Bescheid, wir konnten ohne ihn planen. Dass wir drei Wochen nach Saisonbeginn auch noch Boulahrouz abgeben mussten war natürlich nicht geplant. Er war – rückblickend betrachtet – ein zweifelhafter Charakter. Und wenn du so einen solch unzufriedenen Spieler hast, von dem man nicht weiß, wie er sich in bestimmten Situationen verhält, ist es auf jeden Fall besser für die Mannschaft, diesen Spieler zu verkaufen. In der darauf folgenden Saison brauchten wir recht lange, um wieder die Form der Vorsaison zu erreichen. Im Prinzip war ja die ganze Innenverteidigung weg, die bis dahin die Stütze der Mannschaft war. Nichtsdestotrotz haben wir uns wieder gefangen.

Hat man aus dieser Saison gelernt?

Ja. Wichtig ist – wie ich eben schon sagte –, planen zu können und Gewissheit zu haben, wer geht und wer kommt. Bei Boulahrouz hingen wir bis zuletzt in der Luft. Heute hingegen wissen wir seit einiger Zeit, dass Huub Stevens geht. Ich denke, die Situation ist einfacher als vor zwei Jahren.

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