19.06.2009

Hansi Müller über die Spiele seines Lebens

»Die fressen dich auf!«

Hansi Müller machte über 400 Spiele für den VfB Stuttgart, Inter Mailand, Como und den FC Tirol. Drei Partien sind ihm bis heute in Erinnerung. Ein Gespräch über Unbekümmertheit, Beckenbauer und Wunderkerzen.

Interview: Andreas Bock Bild: imago
Sprechen wir über das Mailänder Derby. Nach 186 Spielen für den VfB Stuttgart wechselten Sie im Sommer 1982 zu Inter Mailand. Das erste »Derby della Madonnina« spielten Sie aber erst im November 1983.

Das lag daran, dass der AC Mailand in der Saison 1982/83 in der Serie B spielte. Die hatten eine Durststrecke Anfang der 80er Jahre. Daher waren sie keine ebenbürtiger Gegner wie in den Jahren davor oder Mitte und Ende 80er Jahre wieder.

Gingen Sie aufgrund dessen überheblich in dieses Spiel?

Überhaupt nicht. Natürlich wussten wir, dass wir einen Vorteil daraus ziehen konnten, doch die Schadenfreude hat nicht überwogen, denn jeder wusste: Der AC Milan gehört eigentlich dauerhaft unter die ersten vier Plätze der Serie A. Ein großer Verein gehört nicht in diesen Fahrstuhl, der zwischen Serie A und Serie B hin- und herfährt.

Inwiefern war die Stimmung bei diesem ersten Derby ähnlich wie beim Spiel des VfB Stuttgart gegen Bayern München 1977?

Das kann man überhaupt nicht vergleichen. Das Mailänder Derby löst seit jeher in der ganzen Stadt eine Euphorie aus, die ich nirgendwo anders so intensiv erlebt habe. Schon Wochen vorher sind die Fernsehkanäle und Zeitungen mit Vorberichten überflutet und die Fans bekennen sich auf den Straßen offen zu ihrem Verein, hängen Fahnen an die Balkone oder Fenster.

Und nach dem Derby rollen die Fans des Verlierers diese schnell wieder ein?

So ungefähr. Jedenfalls hätte ich nach dem 82er-Hinspiel-Derby, das Inter mit 2:0 gewann, kein Milanisti sein wollen. Die Fans mussten wochenlang – in Büros oder auf der Straße – den Spott der Interisti ertragen.

Wie ist die Atmosphäre während der Inter-Heimspiele?

Ich erklärte das mal an einem Beispiel: In der Saison 1982/83 spielten wir im ersten Heimspiel gegen Sampdoria Genua. Wir lagen schnell 0:1 hinten, bekamen kurze Zeit später aber einen Freistoß, den ich an der Mauer vorbei in die Maschen zirkelte. Das Stadion ist explodiert, 85.000 Zuschauer! Das kannte ich in dem Ausmaße nicht. Plötzlich realisierte ich, dass ich nur wenige Meter von den Tifosi der ersten Reihe entfernt bin. Ich dachte noch: »Die fressen dich auf!«

Sind Sie in die Curva Nord zu den Interesti, den Inter-Fans, gerannt?

Nein, ich bin zur Seitenlinie gelaufen. Damals saß Walter Zenga auf der Bank, Ivano Bordon stand im Tor. Walter war mein Zimmerkollege, mein Kumpel. Ich bin volle Kanne auf ihn, er hat mich hochgehoben, in zweieinhalb Meter Höhe. Und dann hat er sich pirouettenartig mit mir gedreht. Ein wunderschönes Bild. Wir verloren dennoch 1:2.

Wie war die Stimmung nach solchen Spielen in der Kabine?

Sehr ruhig. Inter-Manager Alessandro Mazzola kam rein, seinen kurzen Zigarrenstumpen im Mundwinkel und strafte die Spieler nur mit bösen Blicken.

In dem angesprochenen Derby von 1983 schossen Sie auch ein Tor.

Das war noch mal eine Steigerung. Da waren nicht nur 70.000 Zuschauer im San Siro, sondern knapp 100.000. Und noch 20.000 vor dem Stadion, damit sie die Atmosphäre mitbekommen. Wenn du in einem solchen Spiel triffst, machst du dich unsterblich. Der Pass kam von Aldo Serena, ich nahm den Ball dann mit in den Strafraum, bin am Franco Baresi vorbei und hab das Ding mit meinem schwachen rechten Fuß ins Eck geschossen. Wenn ich heute nach Italien komme oder in Deutschland einen Milan-Fan treffe, werde ich immer noch drauf angesprochen (lacht).

Schlug Ihnen zugleich der Hass der Milanisti entgegen?

Nein. Ich glaube auch, dass es immer an einem selbst liegt, wie dir die gegnerischen Fans begegnen. Wenn man sich in der neuen Umgebung integriert, die Sprache lernt, wenn man zeigt, dass man das Land liebt, auf die Leute zugeht und mit ihnen spricht, dann wird man auch von den Gegnern akzeptiert. Wenn man allerdings den Leuten von oben herab begegnet, wird man seine Sympathien schnell verspielen – und dann kann einem mitunter auch Hass entgegenschlagen.

Sie hatten zu der Zeit auch oft mit Verletzungen zu kämpfen. Wie wichtig war dieses Tor gegen den AC Mailand?

Sehr wichtig. Ich hatte in drei Jahren in Italien vier schwere Verletzungen, ich fiel oftmals mehrere Wochen aus. Dieses Tor war immens wichtig, um bei den Fans ein Stück von dem Bonus, den ich anfangs genoss, zurück zu gewinnen.

Das Tor war wie eine zweite Ankunft?

Auf jeden Fall. Ich merkte danach, dass mich die Leute nun nicht mehr so schnell vergessen würden.

Waren Sie nach Ihrer Zeit bei Inter Mailand enttäuscht, dass Sie keine Titel gewonnen haben?

Anfangs. Es ist ja so: Als Spieler gehst du nach Italien, zu Inter Mailand, Titel und Schalen zu gewinnen. Insofern war ich einige Zeit etwas enttäuscht, weil daraus nichts wurde. Doch schon bald merkte ich, dass der Mensch letztendlich viel wichtiger ist. Was nützen dir Titel, wenn du menschlich enttäuscht hast? Denn auch wenn ich in Italien nichts gewonnen habe, werde ich heute immer noch sehr herzlich empfangen. Die Leute freuen sich, dass ich immer noch Mailänder Dialekt spreche. Und dann erinnern sie sich auch an die guten Spiele, die ich für Inter gemacht habe.

>> Seite 3: »Ich hätte jeden Menschen umarmen können!« – Hansi Müller über Swarovski Tirol gegen Spartak Moskau

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