19.06.2009

Hansi Müller über die Spiele seines Lebens

»Die fressen dich auf!«

Hansi Müller machte über 400 Spiele für den VfB Stuttgart, Inter Mailand, Como und den FC Tirol. Drei Partien sind ihm bis heute in Erinnerung. Ein Gespräch über Unbekümmertheit, Beckenbauer und Wunderkerzen.

Interview: Andreas Bock Bild: imago

Hansi Müller, zwischen 1975 und 1990 haben Sie für den VfB Stuttgart, Inter Mailand, Calcio Como, FC Swarovski Tirol und die deutsche Nationalmannschaft über 400 Spiele gemacht. Gibt es Spiele, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind? 

Da fallen mir drei Partien ein: Zunächst das Spiel VfB Stuttgart gegen Bayern München aus der Saison 1977/78, dann das Mailänder Derby von 1983 und das Uefa-Cup-Spiel mit Tirol gegen Spartak Moskau im Dezember 1986.



Was war an dem Bundesligaspiel VfB Stuttgart gegen Bayern München so speziell?

Wir waren gerade erst mit dem VfB in die Bundesliga aufgestiegen, zuvor spielten wir zwei Jahre lang gegen Vereine wie den KSV Baunatal oder BSV Schwenningen, ich erinnere mich an grausame Niederlagen – etwa gegen den SSV Reutlingen. Nun trafen wir gleich am 1. Spieltag auf den großen FC Bayern, der 1976 den Weltpokal gewonnen hatte. Es war der  vermeintliche Kampf David gegen Goliath – zumindest auf dem Papier.

Sie waren wenige Tage vor dem Spiel 20 Jahre alt geworden – und wurden zum Matchwinner.

Es wirkte fast surreal. Als ich ins Stadion einlief, sah ich die 72.000 euphorisierten Zuschauer auf den Rängen, wenige Meter von mir entfernt standen Gerd Müller, Uli Hoeneß, Katsche Schwarzenbeck oder Sepp Maier, Spieler, die ich bei der WM 1974 noch im Fernsehen bewundert hatte.

Wie groß war die Aufregung?

Ich glaube, ich bin damals, mit meinen 20 Jahren, sehr unbekümmert ins Spiel gegangen. Als junger Kerl kickst du einfach drauf los, da denkst du nicht viel nach. Das hilft deinem Spiel enorm, denn gerade Spontaneität ist eine sehr wichtige Komponente im Fußball. Daher war die Aufregung schnell verflogen.

Sie schossen sogar zwei Elfmeter – und verwandelten beide.

Besser kann ein Start auf der Bühne Bundesliga kaum sein. Ich hatte bereits einige Strafstöße in der 2. Liga geschossen, wenngleich eigentlich Hermann Ohlicher für die Elfmeter vorgesehen war. Doch plötzlich fand ich mich am Elfmeterpunkt wieder – vielleicht war Ohlicher in diesem Spiel sogar ganz dankbar. Ohlicher hoffte auf meine angesprochene Unbekümmertheit: Nicht nachdenken, einfach schießen.

Sie haben nicht darüber nachgedacht, dass Sepp Meier im Tor steht?

Natürlich registrierte ich es, doch eigentlich dachte ich nur: » Mensch, das ist dein erstes Bundesligaspiel, jetzt hau das Ding einfach rein!«

Der VfB lag bis kurz vor Schluss mit 3:2 in Führung. In der 89. Minute machte Gerd Müller das Tor zum 3:3. Ein enttäuschender Ausgang für Sie?

Im ersten Moment, zumal ich kurz zuvor einen wunderschönen Pass von links bekam und auf einmal alleine vor Maier stand. Ich wollte den Ball mit der Hüfte mitnehmen, doch er sprang über meinen Oberschenkel. Es wäre das 4:2 gewesen und vermutlich hätten wir das Spiel dann nach Hause geschaukelt. In der 89. Minute ließ Helmut Roleder dann einen Schuss von Karl-Heinz Rummenigge abprallen – und Gerd Müller war wieder Mal zur Stelle. Nach dem Schlusspfiff habe ich mich zunächst wahnsinnig über meine vergebene Chance geärgert, doch am Abend wurde mir bewusst: besser hätte die Rückkehr in der Bundesliga für den VfB Stuttgart kaum laufen können.

Für Sie war es zudem der Startschuss in eine große Saison. Sie schossen 14 Tore – als Mittelfeldspieler.

Das ist für einen Mittelfeldspieler natürlich viel. Und glücklicherweise sind die Schüsse, die in den dritten oder vierten Stock gingen, nicht gezählt worden (lacht). Ich habe natürlich auch von der Mannschaft profitiert, hinter mir spielten Erwin Hadewicz und Roland Hattenberger, die gut abgeschirmt haben. Vorne hatten wir mit Ottmar Hitzfeld, Dieter Hoeneß und Walter Kelsch drei Stürmer, die die gegnerischen Abwehrreihen permanent beschäftigten. So hatte ich als Mittelfeldspieler hinter den Spitzen enorme Freiräume.

Der VfB Stuttgart belegte am Ende der Saison Platz 4. In Anbetracht der Tatsache, dass der damalige VfB-Trainer Jürgen Sundermann fast der kompletten Aufstiegs-Mannschaft das Vertrauen schenkte: Wie bewerten Sie diese Platzierung?

Eine hervorragende Platzierung, zweifelsohne. Und sicherlich war es mutig, ohne große Investitionen in die 1. Bundesliga zurückzukehren. Heutzutage werden ja Mannschaften mitunter komplett ausgetauscht, wenn sie aufsteigen. Unser Vorteil war tatsächlich, dass wir eine eingespielte und eingeschworene Mannschaft waren. Zudem waren wir ein Team, das herzerfrischenden Hurra-Fußball spielte. Zu Hause ist das aufgegangen, auswärts haben wir allerdings oftmals zwei Tore gemacht, zugleich aber drei bekommen.

>> Seite 2: »Ich dachte noch: ›Die fressen dich auf!‹« – Hansi Müller über Inter-Heimspiele und das Mailänder Derby von 1983
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