28.05.2012

Hansi Müller über die EM 1980

»Kann das noch gesund sein?«

In der neuen Ausgabe von 11FREUNDE berichtet Tim Jürgens über den Sieg der deutschen Nationalmannschaft bei der EM 1980. Hansi Müller war mit dabei. Hier erinnert er sich an knüppelharte Trainingseinheiten mit Toni Schumacher und eine 2500-DM-Damenuhr.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago

Hansi Müller, am 22. Juni 1980 wurden Sie in Rom Europameister. Ihre Erinnerung an diesen Tag?
Das ist lange her. Konkrete Erinnerungen an die Zeit vor dem Spiel habe ich fast gar nicht mehr. Aber ich weiß noch gut, dass wir nach dem Siegerbankett ausgebüchst sind.

Wohin ging’s denn?
In unserem Hotel herrschte nach dem Sieg über Belgien ein Riesenandrang. Es gab ein Abendessen und anschließend bin ich mit sechs Kollegen durch den Hinterausgang des »Holiday Inn« abgehauen. Wir mussten da einen Abhang runter und über eine Mauer. Dabei hat sich Manni Kaltz den Fuß verstaucht. Aber den Schmerz hat er nach dem Sieg wohl wegdrücken können – jedenfalls waren wir die ganze Nacht unterwegs.

Was haben Sie gemacht?
Weiß ich gar nicht mehr. Die Festplatte ist gelöscht nach 32 Jahren.

Wirklich?
Sagen wir so, die Festplatte liegt sicher irgendwo unten im Trophäenkeller, und da bleibt sie auch liegen… (lacht)

Was war das Erfolgsgeheimnis des damaligen Europameister-Teams? 

Wir waren 1980 mittendrin, die legendäre Derwall-Serie von 23 Spielen ohne Niederlage aufzustellen. Wenn eine Mannschaft so erfolgreich spielt, ist auch die Stimmung gut. Derwall hielt die Truppe an der langen Leine, bei ihm ging stets locker zur Sache. Ich erinnere mich an viele Autogrammstunden, wo ständig Witze erzählt wurden. Ich habe mich zu dieser Zeit auf jeden Termin mit der Nationalmannschaft gefreut. Die Mischung aus Jung und Älter, aus Nord und Süd, die stimmte einfach.

Es gab 1980 also keine Grüppchen im Team?
Die Einzigen, die ab und an mal zusammenhingen, waren die Förster-Brüder mit Uli Stielike und Pit Briegel, was daran lag, dass sie alle aus derselben Region stammten. Aber das war keine Gruppe in dem Sinne, dass sie Politik gegen den Rest der Mannschaft machten. Auch die sind hin und wieder in unterschiedlichen Konstellationen losgezogen.

Sie konnten sich in Italien vergleichsweise frei in der Öffentlichkeit bewegen. 

Klar waren wir unterwegs, aber das hat sich nicht auf den Ehrgeiz ausgewirkt. Morgens beim Training ging immer die Post ab. Ich weiß noch, dass abends vorm Aufbruch öfter Toni Schumacher auf mich zukam – Toni war so ehrgeizig, dass er nie mitging – und sagte: »Hansi, ich wünsch euch viel Spaß, aber denk dran, morgen früh geht wieder zur Sache.« Und wenn Toni sowas sagte, konnte man sicher sein, dass es auch passiert.

Toni Schumacher spielte im Finale gegen Belgien mit einem gebrochenen Mittelhandknochen, weil ihm im Abschlusstraining ein Mitspieler auf die Hand getreten war.
Typisch Toni, bei ihm war es schon fast ungewöhnlich, wenn er mal nichts hatte. Ein Vollprofi, ein positiv Verrückter. Ich habe kaum einen Spieler kennengelernt, der so an seine Grenzen ging, manchmal vielleicht sogar soweit darüber hinaus, dass ich mich fragte, ob das noch gesund sein kann.

Wie müssen wir uns die Arbeit mit Jupp Derwall vorstellen?
Er war wie ein Dompteur, er wusste relativ gut, wen er härter und wen er zarter anpacken musste. Seine Ansprache passte zu dieser jungen Truppe, in Italien haben fast alle eine Ebene mit ihm gefunden.

Gab es Spieler, denen er ab und an in den Hintern treten musste?
Im damaligen Kader fuhr Eike Immel als dritter Torhüter mit. Der machte ständig seine Gags, selbst beim Essen gab es was zu lachen. Da ist der Jupp manchmal auch dazwischen gefahren, weil er wusste, dass es Zeit wird, sich wieder zu konzentrieren. Aber die 80er-Mannschaft war schon sehr erfolgsorientiert, da musste er nicht viel machen. 



Bei der WM 1982 gabs nächtelange Pokerturniere im Quartier. Waren Kartenspiele auch während der EM 1980 an der Tagesordnung?
Das müsste ich wissen. (lacht) Natürlich haben wir ab und an ein Spielchen am Pool gemacht, aber diese regelmäßigen Runden wie in Spanien waren nicht üblich.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden