Hansi Dorfner über Schmerzmittel

»Aspirin, dann lief es«

Hansi Dorfner galt als eines der größten deutschen Talente. Doch neun Operationen verhinderten den Durchbruch. Nur mit Schmerzmitteln hielt er überhaupt bis Ende 20 durch. Wir sprachen mit ihm über den Missbrauch und die Folgen. Hansi Dorfner über Schmerzmittelimago
Heft #91 06/2009
Heft: #
91

Hansi Dorfner, von Profis aus den Achtzigern wissen wir, dass sie oft wochenlang nicht trainieren konnten und am Spieltag trotzdem aufliefen. War das bei Ihnen auch der Fall?

In Nürnberg habe ich in der Saison 1990/91 praktisch gar nicht mehr trainiert und trotzdem an den Wochenenden gespielt. Der Trainer wusste, wenn ich die ganze Woche trainiere, falle ich am Wochenende aus.

[ad]

Fehlte es Ihnen nicht an Fitness?

Ich habe höchstens am Donnerstag und Freitag ein bisschen was gemacht. Ich hatte schon so große Probleme, dass es gar nicht anders ging. Nach einem Spiel brauchte ich wieder vier, fünf Tage, um mich zu erholen. Solange die Leistung stimmte, war alles andere egal.

Wie präsent waren Schmerzen in Ihrem Profi-Leben?

In meiner Hochzeit war ich regelmäßig verletzt. Gegen Ende meiner Karriere war es dann auch so, dass ich mich für Spiele mit Medikamenten fit machen musste.

Toni Schumacher hatte bei jedem Spiel Voltaren dabei. Wie sah die Medikation bei Ihnen aus?

Ich habe mir vor jedem Spiel zwei, drei Aspirin reingehauen und dann lief es. Zum Schluss hat mein Körper gegen jedes Medikament rebelliert. Ich hatte richtige Allergieschocks, habe auf alle Lebensmittel und Medikamente allergisch reagiert. Mein Immunsystem war einfach fertig. Ich hatte meinem Körper zu viel zugemutet.

Aspirin gilt als verhältnismäßig schwaches Schmerzmittel.

Für die Einnahme von Aspirin gab es bei mir zwei Gründe: Einerseits war es Kopfsache, denn es war fast ein Ritual, dass ich mir vor jedem Spiel eine nahm. Andererseits fühlte ich mich nach der Einnahme frischer. Aspirin wirkte bei mir so, dass ich im Spiel nicht ganz so schmerzempfindlich war. In Nürnberg nach 1990 waren die Schmerzen dann aber so schlimm, dass Voltaren auch zum täglichen Ritual wurde. Deswegen habe ich heute eine Allergie gegen den Wirkstoff Diclofenac. Schließlich musste ich mich fit spritzen lassen.

Wie machte sich diese Allergie bemerkbar?


Ich hatte geschwollene Augen und war eigentlich immer krank: Schnupfen, Nebenhöhlen, da war alles zu. Dazu kam irgendwann auch das psychische Problem: Man will auf dem Platz etwas bewegen, aber der Körper macht einfach nicht mehr mit.

Was für Spritzen haben Sie bekommen?

Das hatte nichts mit Doping zu tun. Das waren schmerzlindernde Spritzen bei einem Muskelfaserriss oder Muskelverhärtung. Ich wurde phasenweise so oft gespritzt, dass mein Körper sich auch dagegen irgendwann wehrte.

Sie mussten mit 29 Jahren Ihre Karriere verletzungsbedingt beenden. Was war der Grund dafür?


Das Knie. Doch im Endeffekt lag es auch daran, dass ich meine Verletzungen nie vollständig ausheilen ließ. Ich hatte einen Bänderiss, den ich nicht richtig verheilen ließ, daraus resultierte eine Muskelverhärtung in der Wade, die zu einem Muskelbündelriss wurde. Je mehr ich an Verletzungen laborierte, desto schlimmer wurde es mit Folgeverletzungen.

Warum ließen Sie die Verletzungen nicht ausheilen?


Ich hatte leistungsbezogenene Verträge. Eine längere Verletzung wirkte sich also stets auch finanziell aus. Außerdem war ich ein Verrückter. Ich wollte spielen, Fußball war mein ein und alles. Wenn es sein musste auch auf Kosten meiner Gesundheit.

Können Sie uns einen kurzen Überblick über die Verletzungen geben, die Sie im Laufe Ihrer Profikarriere erlitten haben?

Meinen Sie körperliche oder seelische?

Fangen wir zunächst mit den körperlichen an.

Ich hatte im Laufe meiner Karriere insgesamt neun Operationen. Zwei Bänderisse, zwei Leistenbrüche, vier Knieoperationen und ein sogenanntes Kompartment-Syndrom in der Wade.

Ein was?

Das ist eine Art Bluterguss, der sich im Muskel bildet und nicht, wie gewöhnliche Hämatome, unter der Haut. In einer OP musste der Muskel aufgeschnitten werden, damit das Blut hinaus läuft. Wird das nicht gemacht, stirbt der Muskel von innen ab, was dazu führen kann, dass man seinen Fuß nicht mehr nach oben und unten bewegen kann.

Was überwog bei Ihnen: der Ehrgeiz oder die wirtschaftlichen Zwänge?

Wenn man einen leistungsbezogenen Vertrag hat, bei dem man eine gewisse Anzahl an Spielen machen muss, ist man auf Sieg- und Auflaufprämien angewiesen. Aber ich wollte immer dabei sein, um der Mannschaft zu helfen. Wenn ein Trainer kam und sagte, dass er mich brauchte, biss ich eben auf die Zähne.

Wer entschied zu Ihrer aktiven Zeit, ob Sie aufliefen – Arzt oder
Trainer?


Letztlich entscheidet man selbst, ob er mit einer Verletzung spielen will. Beim FC Bayern hatten wir mit Doc Müller-Wohlfarth einen hervorragenden Arzt. Wenn der sagte, dass man nicht spielen kann, rüttelte da keiner dran. Aber natürlich war es das Ziel jedes Vereins, einen Spieler so schnell wie möglich wieder fit zu kriegen. Jeder Tag, den man ausfällt, ist ein Verlust für den Verein.

Wenn Sie spielen wollten, hat der Verein es Ihnen also auch nicht verboten?

Der Verein ist nicht daher gekommen und hat mir geraten noch zwei, drei Wochen zu pausieren. Ich war ja ein wichtiger Spieler, ein Leistungsträger. Aber er ist auch niemand gekommen und hat gesagt, dass man spielen muss. Was mir damals fehlte, war eine konkrete Anleitung durch den Trainer, wie man bei Verletzungen an sich arbeitet. Sei es mit individuellem Training, im Kraftraum, ein Reha-Zentrum. All die Dinge, die heute alltäglich sind, hat es damals nicht gegeben.

Mangelte es Ihnen in dieser Zeit an der richtigen Betreuung?

Wenn ich von Anfang an eine Betreuung gehabt hätte, wie sie ein Profi heute gewohnt ist, dann wäre ich auch nicht so lange verletzt gewesen. Wir hätten uns ganz anders auf Spiele vorbereitet. Essen, Trinken, Schlafen, Trainieren – das war früher alles ganz anders.

Ernährung war damals sowieso kein Thema.

Wir haben mittags vorm Spiel Steaks gegessen. Sogar beim FC Bayern gab es am Abend vor den Bundesliga-Matches immer ein bayrisches Buffet: das volle Programm mit Bratwürsten, Frikadellen, Wurstplatten. Und trotzdem bin ich drei Mal Deutscher Meister geworden. Aber mit den heutigen Ernährungsstandards hätte ich wahrscheinlich ein paar Jahre länger gespielt.

Erinnern Sie sich an einen Moment in Ihrer Karriere, in dem Sie bewusst über die Schmerzgrenze hinaus gegangen sind?

Es war ein Spiel in Karlsruhe am 30. Juli 1988. Ich hatte mir vorher bei einem Hallenturnier einen Bänderriss zugezogen und spielte das erste Mal wieder schmerzfrei. Nach zehn Minuten gerate ich in einen Zweikampf mit Milorad Pilipovi, komme einen Schritt zu spät, und es macht »Knack«. Ich habe sofort gemerkt, dass es ein dreifacher Bänderriss im Sprunggelenk ist. Ich dachte, mir fliegt der Fuß weg. Ich bin dann zur Seitenlinie und habe gesagt: »Trainer ich muss raus«, aber Bayern-Coach Jupp Heynckes hat nur geantwortet: »Hansi, beiß Dich durch.« Ich habe dann noch bis zur 42. Minute weitergespielt. Hatte eine richtige Wut auf mich und meinen Körper, war regelrecht aufgepumpt mit Adrenalin. Kurz vor der Halbzeit wollte ich dann einen Pass spielen, schaute an mir runter und sah, dass es bis zur Wade hoch geschwollen war. In der Halbzeit hat sich Jupp dann entschuldigt, dass er mich nicht früher raus genommen hat. Man konnte mich erst nach einer Woche operieren, weil die Schwellung so stark war.

Fällt Ihnen auch eine konkrete Situation ein, in der Sie wegen des Leistungsdrucks über Ihre Schmerzgrenze hinaus gingen?


In der Winterpause 1990/91 ging ich zurück nach Nürnberg. Der »Club« hatte zu dem Zeitpunkt zehn Punkte und stand auf dem letzten Platz der Bundesligatabelle. In meinem ersten  Spiel foult mich Hans-Werner Moser so schwer, dass es mir das Becken verschiebt. Die Ärzte sagten, ich müsse mindestens acht Wochen pausieren. Aber ich war gekommen, um mit der Mannschaft den Abstieg zu verhindern, da konnte ich mir nicht erlauben auszufallen. Also machte ich eine Woche Pause und wir nahmen fortan zu jedem Spiel einen Chiropraktiker mit, der mich vor und nach dem Spiel, mitunter sogar in der Pause immer wieder einrenkte. Ich wollte halt nicht absteigen.

Und, sind Sie abgestiegen?

Nein, wir haben es am Ende geschafft, in der Bundesliga zu bleiben.

Welche Konsequenzen hatte diese Entscheidung für Sie?

In der Folge hatte ich mehrere Leistenbrüche und mein Rücken leidet bis heute darunter.

Haben mit Sie sonstigen Spätfolgen Ihrer Profikarriere zu kämpfen?


Ich betreibe zwar eine Fußballschule, stehe aber selbst nicht mehr auf dem Platz. Ich organisiere alles drum herum, mache Trainingspläne, aber ich kann nicht mehr laufen. Ich bin froh, wenn ich schmerzfrei spazieren gehen kann, mehr geht nicht. Zum täglichen Gebrauch reicht das vollkommen, aber zum Sporttreiben nicht mehr. Das Knie ist zu stark lädiert, das wird auch nie wieder gehen.

Hansi Dorfner, war es das wert?

Ja, ich würde es wieder genau so machen, denn mein Leben als Fußballprofi war das schönste, das ich mir vorstellen konnte.

Gibt es nichts, was Sie im Rückblick ändern würden?


Nun ja, zum einen würde ich meine Verletzungen immer zu 100 Prozent auskurieren. Die Folgeverletzungen durch Fehlbelastungen habe ich unterschätzt. Zum anderen würde ich mehr an meiner Fitness arbeiten. Ich hätte die Spiele stärker vor- und nachbereiten müssen. Aber als junger Spieler saßen wir lieber zehn Minuten nach dem Training im Café. Meine Einstellung zum Beruf würde ich grundlegend überdenken.

Inwiefern gehören Schmerzen zum Leben als Fußballprofi dazu?

Eine Portion Schmerz gehört dazu. Ein Spieler muss schon ein Stück weit schmerzunempfindlich sein. Zu wieviel Prozent Schmerz heute dazu gehört, kann ich nicht sagen. Bei mir waren es zumindest ein paar Prozente zu viel. Am Schlimmsten aber waren nicht die körperlichen Schmerzen, sondern die seelischen.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!