31.05.2009

Hansi Dorfner über Schmerzmittel

»Aspirin, dann lief es«

Hansi Dorfner galt als eines der größten deutschen Talente. Doch neun Operationen verhinderten den Durchbruch. Nur mit Schmerzmitteln hielt er überhaupt bis Ende 20 durch. Wir sprachen mit ihm über den Missbrauch und die Folgen.

Interview: Tim Jürgens Bild: imago

Hansi Dorfner, von Profis aus den Achtzigern wissen wir, dass sie oft wochenlang nicht trainieren konnten und am Spieltag trotzdem aufliefen. War das bei Ihnen auch der Fall?

In Nürnberg habe ich in der Saison 1990/91 praktisch gar nicht mehr trainiert und trotzdem an den Wochenenden gespielt. Der Trainer wusste, wenn ich die ganze Woche trainiere, falle ich am Wochenende aus.



Fehlte es Ihnen nicht an Fitness?

Ich habe höchstens am Donnerstag und Freitag ein bisschen was gemacht. Ich hatte schon so große Probleme, dass es gar nicht anders ging. Nach einem Spiel brauchte ich wieder vier, fünf Tage, um mich zu erholen. Solange die Leistung stimmte, war alles andere egal.

Wie präsent waren Schmerzen in Ihrem Profi-Leben?

In meiner Hochzeit war ich regelmäßig verletzt. Gegen Ende meiner Karriere war es dann auch so, dass ich mich für Spiele mit Medikamenten fit machen musste.

Toni Schumacher hatte bei jedem Spiel Voltaren dabei. Wie sah die Medikation bei Ihnen aus?

Ich habe mir vor jedem Spiel zwei, drei Aspirin reingehauen und dann lief es. Zum Schluss hat mein Körper gegen jedes Medikament rebelliert. Ich hatte richtige Allergieschocks, habe auf alle Lebensmittel und Medikamente allergisch reagiert. Mein Immunsystem war einfach fertig. Ich hatte meinem Körper zu viel zugemutet.

Aspirin gilt als verhältnismäßig schwaches Schmerzmittel.

Für die Einnahme von Aspirin gab es bei mir zwei Gründe: Einerseits war es Kopfsache, denn es war fast ein Ritual, dass ich mir vor jedem Spiel eine nahm. Andererseits fühlte ich mich nach der Einnahme frischer. Aspirin wirkte bei mir so, dass ich im Spiel nicht ganz so schmerzempfindlich war. In Nürnberg nach 1990 waren die Schmerzen dann aber so schlimm, dass Voltaren auch zum täglichen Ritual wurde. Deswegen habe ich heute eine Allergie gegen den Wirkstoff Diclofenac. Schließlich musste ich mich fit spritzen lassen.

Wie machte sich diese Allergie bemerkbar?


Ich hatte geschwollene Augen und war eigentlich immer krank: Schnupfen, Nebenhöhlen, da war alles zu. Dazu kam irgendwann auch das psychische Problem: Man will auf dem Platz etwas bewegen, aber der Körper macht einfach nicht mehr mit.

Was für Spritzen haben Sie bekommen?

Das hatte nichts mit Doping zu tun. Das waren schmerzlindernde Spritzen bei einem Muskelfaserriss oder Muskelverhärtung. Ich wurde phasenweise so oft gespritzt, dass mein Körper sich auch dagegen irgendwann wehrte.

Sie mussten mit 29 Jahren Ihre Karriere verletzungsbedingt beenden. Was war der Grund dafür?


Das Knie. Doch im Endeffekt lag es auch daran, dass ich meine Verletzungen nie vollständig ausheilen ließ. Ich hatte einen Bänderiss, den ich nicht richtig verheilen ließ, daraus resultierte eine Muskelverhärtung in der Wade, die zu einem Muskelbündelriss wurde. Je mehr ich an Verletzungen laborierte, desto schlimmer wurde es mit Folgeverletzungen.

Warum ließen Sie die Verletzungen nicht ausheilen?


Ich hatte leistungsbezogenene Verträge. Eine längere Verletzung wirkte sich also stets auch finanziell aus. Außerdem war ich ein Verrückter. Ich wollte spielen, Fußball war mein ein und alles. Wenn es sein musste auch auf Kosten meiner Gesundheit.

Können Sie uns einen kurzen Überblick über die Verletzungen geben, die Sie im Laufe Ihrer Profikarriere erlitten haben?

Meinen Sie körperliche oder seelische?

Fangen wir zunächst mit den körperlichen an.

Ich hatte im Laufe meiner Karriere insgesamt neun Operationen. Zwei Bänderisse, zwei Leistenbrüche, vier Knieoperationen und ein sogenanntes Kompartment-Syndrom in der Wade.

Ein was?

Das ist eine Art Bluterguss, der sich im Muskel bildet und nicht, wie gewöhnliche Hämatome, unter der Haut. In einer OP musste der Muskel aufgeschnitten werden, damit das Blut hinaus läuft. Wird das nicht gemacht, stirbt der Muskel von innen ab, was dazu führen kann, dass man seinen Fuß nicht mehr nach oben und unten bewegen kann.

Was überwog bei Ihnen: der Ehrgeiz oder die wirtschaftlichen Zwänge?

Wenn man einen leistungsbezogenen Vertrag hat, bei dem man eine gewisse Anzahl an Spielen machen muss, ist man auf Sieg- und Auflaufprämien angewiesen. Aber ich wollte immer dabei sein, um der Mannschaft zu helfen. Wenn ein Trainer kam und sagte, dass er mich brauchte, biss ich eben auf die Zähne.

Wer entschied zu Ihrer aktiven Zeit, ob Sie aufliefen – Arzt oder
Trainer?


Letztlich entscheidet man selbst, ob er mit einer Verletzung spielen will. Beim FC Bayern hatten wir mit Doc Müller-Wohlfarth einen hervorragenden Arzt. Wenn der sagte, dass man nicht spielen kann, rüttelte da keiner dran. Aber natürlich war es das Ziel jedes Vereins, einen Spieler so schnell wie möglich wieder fit zu kriegen. Jeder Tag, den man ausfällt, ist ein Verlust für den Verein.

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