Hansa Rostock gegen St. Pauli: Das gefährlichste Spiel des Jahres

»Nazis, die uns provozieren«

Wenn am Samstagmittag um 13 Uhr der F.C. Hansa Rostock den FC St. Pauli empfängt, ist das kein normales Zweitligaspiel. Wir sprachen mit den Fanbetreuern beider Vereine über das gefährlichste Spiel des Jahres. Hansa Rostock gegen St. Pauli: Das gefährlichste Spiel des Jahres

Die Rivalität zwischen Hansa Rostock und dem FC St. Pauli gilt als eine der Explosivsten im deutschen Fußball. 16 Mal trafen beide Vereine bislang aufeinander, bei kaum einem Spiel stand anschließend der Sport im Mittelpunkt. Stattdessen gab es Schlagzeilen über versuchte Blockstürme, Straßenschlachten und eine politische Feindschaft zwischen rechts und links. In der Saison 2009/10 standen sich beide Klubs zum bislang letzten Mal gegenüber. Nach Krawallen beim Spiel in Rostock, sollten zum Rückspiel nur 500 Rostocker Gästefans mit personalisierten Karten anreisen dürfen. Der Verein verzichtete und protestierte mit Spruchbändern im leeren Gästeblock gegen diese Maßnahme. Die Ultras des FC St. Pauli schlossen sich an und sperrten zu Beginn des Spiels ihre Fantribüne. Am Samstag treffen beide Teams erneut im Rostocker Ostseestadion aufeinander, diesmal vor ausverkauftem Haus und mehr als 2.000 Gästefans aus Hamburg.

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Die Geschichte der Rivalität reicht bis in das Jahr 1993 zurück. Etwa 400 Hooligans und Neonazis aus Rostock versuchten damals den Gästeblock der als politisch links bekannten St. Paulianer zu stürmen. Auch in den Folgejahren und teilweise bis heute fühlten sich auf beiden Seiten stets Personengruppen von dem Spiel angezogen, denen es vor allem um eine politische Rivalität ging. In der Rostocker Fanszene hat sich in den vergangenen Jahren der Konsens durchgesetzt, politische Inhalte, gleich welcher Couleur, aus dem Stadion zu verbannen. Doch die Feindschaft zum FC St. Pauli ist geblieben und auch in Hamburg wird die Rivalität mit Rostock von vielen Fans weiterhin gepflegt. Die Polizei steht am morgigen Samstag erneut vor einem Hochsicherheitsspiel, das sie mit einem drastischen Sicherheitsaufgebot und einer breiten Palette an Einschränkungen und Verboten für die Fans kontrollieren will.

Auch den Verantwortlichen beider Vereine ist viel daran gelegen, dass das Spiel friedlich bleibt. Wir sprachen mit den beiden Fanbetreuern Stefan Schatz vom FC St. Pauli und Joachim »Schuppe« Fischer vom F.C. Hansa, wie sie und ihre Vereine zur Deeskalation in ihren Fanszenen beitragen wollen.

Auf den nächsten Seiten: Interviews mit den Fanbetreuern Stefan Schatz (FC St. Pauli) und Joachim Fischer (F.C. Hansa Rostock).

Stefan Schatz, freuen Sie sich auf das Auswärtsspiel bei Hansa Rostock oder haben Sie Bauchschmerzen?

Stefan Schatz: Auf das Spiel freue ich mich, aber die ganzen Begleitumstände sind schon sehr nervig. Auch noch mehr als in den vergangenen Jahren.

Wieso?

Stefan Schatz: Das ganze Sicherheitsgebaren um das das Siel ist noch einmal viel krasser geworden. Es gibt eine Allgemeinverfügung der Polizei über ein Glasflaschenverbot auf allen Anreisewegen nach Rostock, intensive Personenkontrolle für alle St. Pauli-Fans bereits in Hamburg und die Anweisung, dass alle Gästefans vom Hauptbahnhof mit einem Bus-Shuttle zum Stadion fahren müssen. Partiell sind diese Maßnahmen nachvollziehbar, aber grundsätzlich völlig übertrieben und nicht notwendig.

2009, beim vorerst letzten Spiel in Rostock, haben auch St. Pauli-Fans randaliert, Polizeibeamte mit Flaschen beworfen und eine Passantin durch einen Böllerwurf verletzt. Wie wollen Sie das diesmal verhindern?

Stefan Schatz: Über diese Sachen, die man nicht schön reden darf, haben wir sowohl in der Nachbereitung des angesprochenen Spiels als auch in der Vorbereitung auf dieses Spiel sehr intensive Gespräche mit allen relevanten Gruppen der aktiven Fanszene geführt. Wir haben alles versucht, damit so etwas diesmal unterbleibt. Für den vom Fanladen organisierten Sonderzug haben wir unsere Fans aufgerufen, von sich aus auf Glasflaschen und auch auf Pyros zu verzichten. Aber diese Verbotsverfügungen der Polizei, die unserer Selbstregulierung offenbar nicht traut, sind kontraproduktiv.

Welche Rolle spielt die politische Brisanz des Spiels für die St. Pauli-Anhänger?

Stefan Schatz: Es ist schon ein besonderes Spiel, auch weil wir noch vor drei Jahren Nazis im Ostseestadion angetroffen haben, die unsere Leute provozierten. Von Rostocker Seite wird zwar behauptet, diese Leute kämen nur dann, wenn der FC St. Pauli spielt, aber für uns heißt das, dass wir immer mit diesen Typen konfrontiert werden. Die Annahme, dass auf der anderen Seite Nazis warten, zieht auch bei uns Leute an, die vermutlich zu anderen Auswärtsspielen nicht mitfahren würden.  

Hat sich denn nichts geändert im Vergleich zu den neunziger Jahren?


Stefan Schatz: Viele erkennen an, dass es vor ein paar Jahren mal eine deutlich positive Entwicklung in Rostock gab, aber inzwischen hat sich bei unseren Fans das Gefühl durchgesetzt, dass es wieder in eine andere Richtung geht. Auf professioneller Ebene muss ich sagen, dass sich die Fanarbeit in Rostock deutlich entwickelt hat. Das Fanprojekt und auch die Fanbetreuung machen sehr gute Arbeit. Ich gehe davon aus, dass das mittelfristig auch positive Effekte zeigen wird.

Interview mit Rostocks Fanbetreuer Joachim Fischer.

Joachim »Schuppe« Fischer, was überwiegt vor dem Spiel gegen den FC St. Pauli, Vorfreude oder Sorge?

Joachim Fischer: Ganz klar die Vorfreude. Das war in den vergangenen Jahren nicht immer so, aber ich denke, dass beide Seiten dazu gelernt haben. Ich hoffe und denke, dass diejenigen, die nicht wegen des Fußballs, sondern ihrer Ideologie kommen, nicht mehr so viel Gehör finden. Die Fans, die ihrem Verein immer treu sind, die wollen Fußball, Stimmung, Emotionen. Sie dürfen sich nicht von denjenigen ausnutzen lassen, von denen, die nur dieses eine Mal kommen, um Randale zu machen. Im Gegenteil, sie müssen diesen Menschen klar machen, dass sie bei uns nicht erwünscht sind.

Ist dieser Lernprozess von außen angestoßen oder kommt er aus der Rostocker Fanszene selbst?

Joachim Fischer: Sehr viel kommt direkt aus der Fanszene. Gerade erfahrene Fans versuchen den jüngeren zu vermitteln, dass sich darauf konzentrieren sollen, die phantastische Stimmung zu erzeugen, für die wir bekannt sind. Dem Klischee, das Hansafans eine bestimmte politischen Ausrichtung zugeschrieben wird, möchte auch niemand entsprechen. Vor drei Jahren, als das bislang letzte Mal unsere Anhänger zu einem Auswärtsspiel zum FC St. Pauli gefahren sind, haben Fans im Sonderzug Flugblätter verteilt, in denen dazu aufgerufen wurde, auf politische Statements zu verzichten.

Was wird von Vereinsseite unternommen, damit das Spiel in ruhigeren Bahnen verläuft?

Joachim Fischer: Es wird mit allen Seiten zusammen gearbeitet. Selbstverständlich reden wir mit den Fans, denen man auch in so einem Hochsicherheitsspiel gestatten sollte, eine Choreographie durchzuführen, so lange diese Pro-Hansa ist. Auch die Vorstände beider Vereine arbeiten zusammen. Es wurde eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht, in der die Fans dazu aufgerufen werden, sich gegen jene Minderheit zu stellen, die auf Randale aus ist. Natürlich nehmen wir an den Sicherheitsgesprächen mit der Polizei teil und versuchen dabei die Beamten für das Spiel zu sensibilisieren.

Stoßen Sie in Gesprächen mit den Fans auf offene Ohren?

Joachim Fischer: Ja, das tue ich, dennoch ist es schwer. Gerade die jungen Fans, die 16 bis 17-Jährigen haben nie etwas anderes erlebt, als Polizeibegleitung und Shuttle-Busse bei Auswärtsfahrten, ständige Kontrollen und die unerbittliche Rivalität. Wir versuchen zu vermitteln, dass es nicht um Hass geht, sondern um unseren Verein. Heute lernen viele Fans nicht mehr zuerst den Verein kennen, sondern zunächst die Ultra-Kultur. Ultras sind ja auch keine schlechten Fans, aber es gibt Leute, die nutzen die Unbedarftheit der Jungen aus. Denn die wissen nicht, was wir uns über Jahre beim Verein erarbeitet haben.

Wie hat sich die Rivalität mit St. Pauli seit Mitte der neunziger Jahre bis heute entwickelt?

Joachim Fischer: Die Rivalität ist nicht mehr so intensiv wie früher. Damals waren sich auch die normalen Fans spinnefeind. Das hat sich schon etwas gelegt. Auch ist es längst nicht mehr das Spiel rechts gegen links. Es spielt ganz einfach der F.C. Hansa Rostock gegen den FC St. Pauli. Wer immer wieder versucht, die Hansafans in die rechte Ecke zu stellen, macht auch unsere Arbeit kaputt.

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