02.02.2009

Hans Tilkowski im Interview

»Es gab keine Effekthascherei«

Hans Tilkowski, WM-Torhüter von 1966, war dem Wembley-Tor am nächsten. Wir sprachen mit ihm über die Veränderungen im Torwartspiel und die Inszenierung heutiger Keeper. Und abschließend natürlich, ob der Ball nun drin war oder nicht.

Interview: Johannes Lindenlaub Bild: imago
Hans Tilkowski im Interview

Hans Tilkowski, was macht Ihrer Meinung nach einen guten Torwart aus?

Das kommt darauf an, wann man diese Frage stellt. Heute wird viel mehr Wert auf Selbstdarstellung gelegt. Meine Zeit dagegen war geprägt von Keepern wie Hans Jakob, Heiner Stuhlfauth oder Toni Turek, gegen den ich selbst noch gespielt habe. Es war eine Generation der Sachlichkeit, die sich vielleicht am besten mit einem Satz von Sepp Herberger zusammenfassen lässt: »Ich brauche einen Torhüter für die Mannschaft, nicht für das Publikum.«

Das ist heute anders?

Heute sehe ich häufig einen gewissen Populismus im Torwartspiel. Herberger dagegen lag jede Effekthascherei, jede Show fern. Das ist die Grundlage, auf der wir damals gespielt haben.

Sie meinen, der Zeitgeist bestimmt, wer als guter Torhüter gilt?

Beziehungsweise die jeweilige mediale Betrachtungsweise. Ich habe zum Beispiel vor kurzem einen Reporter gehört, der über einen Torwart sagte, er leiste sich »den Luxus, die Torlinie zu verlassen.« Ich frage mich dann manchmal, ob die Journalisten das Torwartspiel überhaupt kennen und richtig bewerten können. Schauen Sie nur mal, wie viele Gegentore im Fünfmeterraum fallen, selbst nach Eckbällen oder Freistößen. Solche Dinge standen zu meiner Zeit viel stärker in der Kritik, als das heute der Fall ist.

Das klingt, als würde es heute an den Grundlagen fehlen.

Uns wurden bereits von unseren Verbandssportlehrern die technischen Grundlagen beigebracht. Ich beobachte das aktuelle Torhüterspiel sehr genau und bin fast jede Woche im Stadion. Ich sehe tatsächlich, dass technisch-taktische Grundlagen häufig fehlen. Sepp Herberger hat damals schon den Torhüter als ersten Aufbauspieler charakterisiert. Haben Sie mal darauf geachtet, wie viele Torhüter heute Dropkicks machen?

Wenige.

Sehen Sie. Ziel des Abstoßes ist es aber doch, dass der eigene Mann den Ball behält. Herberger hat immer zu mir gesagt: »Die Kameraden haben fünf Minuten um den Ball gekämpft und Sie nehmen ihn in die Hand und schlagen ihn einfach hoch in die Luft.« Genau das beobachte ich heute bei vielen Torhütern – man hat das Gefühl, es liegt Schnee auf dem Ball, wenn er wieder runterkommt. Nichts ist für einen Abwehrspieler leichter abzuwehren und für den eigenen Stürmer schwerer anzunehmen, als ein hoher Abschlag.

Was ist der Vorteil bei einem Dropkick?

Dropkicks kommen flacher und fliegen knapp über die Köpfe des Gegners. Der eigene Stürmer kann sie leicht annehmen, oder besser noch, mitnehmen. In England sieht man auch viel häufiger schnelle, präzise Abwürfe in den Lauf des Mitspielers, als das hier in Deutschland der Fall ist.

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