Hans Sarpei über Facebook, Magath und Effenberg

»Die Witze sind richtig lustig«

Hans Sarpei wird bei Facebook gerade zur Kultfigur. Dabei gerät in Vergessenheit, dass der Schalker im Alter von 34 Jahren einer der international erfolgreichsten Spieler war. Wir sprachen mit ihm über Inter Mailand, Suspendierungen und Militäreskorten. Hans Sarpei über Facebook, Magath und EffenbergImago

Hans Sarpei, in den letzten Wochen ist im Internet ein großer Hype um Ihre Person entstanden. Bei Facebook gibt es über 700 Gruppen die an Chuck-Norris-Witzen angelehnt sind. Haben Sie schon die Gründe erforscht, warum man ausgerechnet Sie als Protagonist ausgewählt hat?

Hans Sarpei: Der Ursprung lag wohl in meinem Twitter-Scherz über Alexander Baumjohann. Ihm war anscheinend langweilig in seinem Urlaub in Brasilien, also fragte er via Twitter, was es Neues auf Schalke gibt. Ich antwortete: »Du sollst nach Wolfsburg.« Das fanden die Leute ziemlich witzig und in einem Schalke-Forum entstanden dann die ersten Gruppen. Anschließend gab es wohl den berühmten Schneeballeffekt, anders lassen sich die Ausmaße nicht erklären.   

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Baumjohann ist es vermutlich kalt den Rücken runter gelaufen.

Hans Sarpei: Ich selbst war in Ghana im Urlaub. Er rief mich hektisch an, dass ich ins Internet schauen sollte. Ein großes Boulevardblatt titelte nur kurz später: »Sarpei verarscht Baumjohann.« 

Treffen Facebook-Gruppen wie »Hans Sarpei kann mit zwei Fingern drei Bier bestellen« wenigstens Ihren Humor?

Hans Sarpei: Die Witze sind ja nicht unter der Gürtellinie und ich muss sagen, dass ich einige davon richtig lustig finde. 

Lassen Sie uns über Fußball reden. Sie debütierten erst mit 25 Jahren, für heutige Verhältnisse relativ spät, in der Bundesliga. Wann war Ihnen klar, dass Sie Profi werden?

Hans Sarpei: Ich zog mit meinen Eltern mit drei Jahren von Ghana nach Köln, spielte dort für verschiedenste Vereine. Mein Bruder Edward war Anfang der Neunziger schon Profi beim 1.FC Köln und ich wollte ihm nacheifern. Bei Fortuna Köln in der Zweiten Liga bekam ich dann schließlich meinen ersten Profivertrag. Das waren aber noch andere Zeiten. Als Verteidiger hattest du die Aufgabe, deinen Gegenspieler bis auf die Toilette zu verfolgen. Viererkette mit Verschieben lernte ich dann erst später in Duisburg und Wolfsburg.  

Bei Fortuna Köln erlebten Sie 1999, wie Toni Schumacher als Trainer noch während der Halbzeitpause gefeuert wurde.

Hans Sarpei: Schumacher war gerade bei der Halbzeitansprache, als Präsident Jean Löring in die Kabine kam, der glaube ich, ein bisschen getrunken hatte. Er hat ihn dann gefeuert, was Schumacher zunächst gar nicht registrierte. Kurz darauf flogen zwischen beiden die Fetzen. Wir saßen nur da und wussten gar nicht, wie wir weiterspielen sollten. Löring sagte zu einem Auswechselspieler: »Du kommst jetzt rein.« Wer dafür aber ausgewechselt werden sollte, wusste keiner. Dementsprechend verloren wir das Spiel. 

Was war Löring für ein Typ?

Hans Sarpei: Er lebte für den Verein, war sehr emotional und hatte seine eigenen Methoden. Da wurden schon mal Verträge auf Bierdeckeln unterzeichnet. Er hat mich mal zur Seite geholt und gefragt, ob ich nächste Saison noch für Fortuna spielen werde. Als junger Spieler wusste ich nicht, ob das jetzt gleichbedeutend mit einer Vertragsunterzeichnung war.  

Sie sind sehr verwurzelt in Köln, leben auch heute noch in der Domstadt. Warum hat Ihnen der 1.FC Köln nie ein Angebot unterbreitet?

Hans Sarpei: Der FC war immer zu stark für mich. Die haben ja immer um die Champions League gespielt. Meine Mannschaften waren dagegen nicht so gut. (lacht).

Sie spielten in den vergangenen zehn Jahren für Wolfsburg, Leverkusen und Schalke in der Bundesliga. Warum hat es nie zur Meisterschaft gereicht?

Hans Sarpei: Das Problem in Leverkusen ist, dass sie nicht nur gewinnen wollen, sie wollen dazu auch noch berauschenden Fußball spielen. Das funktioniert aber nicht über eine komplette Saison. Man muss auch mal Spiele dreckig gewinnen, wie der FC Bayern, die in der Vergangenheit nicht immer geglänzt haben, am Ende aber die Titel holten. Dazu braucht man unbequeme Spieler, einen Mark van Bommel zum Beispiel.

 

Stirbt diese Spezies nicht gerade aus?

Hans Sarpei: Heute soll die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt werden. Wenn aber zu viele Spieler die Richtung vorgeben wollen, ist das auch nicht gut. Auf lange Sicht hat sich meiner Meinung nach ein so genannter »Drecksack« in der Mannschaft immer bewährt. 

Wer war der beste »Drecksack«, mit dem Sie zusammen gespielt haben?

Hans Sarpei: Ich habe in Wolfsburg mit Stefan Effenberg gespielt. Er hatte eine unglaubliche Ausstrahlung, gewann die entscheidenden Zweikämpfe, ist vorneweg gegangen und die Mannschaft ist ihm blind gefolgt. Das war sehr beeindruckend.

Felix Magath holte sie nach Schalke. Warum wollte er Sie unbedingt haben?

Hans Sarpei: Ich hätte nach der WM 2010 auch nach England oder in die Schweiz wechseln können. Der Kontakt zu Schalke kam durch Seppo Eichkorn zustande, den ich noch als Cheftrainer aus Duisburg kannte. Magath vertraute auf meine Erfahrung. Ich konnte außerdem in Köln wohnen bleiben, also musste ich nicht lange überlegen.

Klären Sie uns auf! Wie war die Vorbereitung unter Magath?

Hans Sarpei: Ich hatte das Glück, erst dazu zu kommen, als die Vorbereitung vorbei war, hatte durch die WM eine längere Pause und absolvierte die ersten Einheiten noch in Leverkusen.  

Da waren die Medizinbälle dann schon wieder im Schrank verstaut?

Hans Sarpei: Die wurden während der Saison auch ab und an rausgeholt. Das Training war auch während der Saison härter als bei anderen Trainern: Zirkeltraining mit Medizinbällen, 400-Meter-Läufe, 800-Meter-Läufe. Es spielte auch keine Rolle, ob es Montag oder Donnerstag war, er hat das knallhart durchgezogen, niemand wurde geschont. Wir waren konditionell nicht ein bisschen besser als der Gegner, wir waren viel besser.  

Dabei lief es am Anfang gar nicht so gut für Sie auf Schalke. Mit Alexander Baumjohann und Jermaine Jones wurden sie in die Zweite Mannschaft strafversetzt. Was waren die Gründe?

Hans Sarpei: Das weiß ich bis heute nicht. Bernd Hollerbach kam und sagte, wir sind ab sofort bei den Amateuren. Keiner sagte uns warum. In der Zeitung stand, wegen schlechter Trainingsleistungen. Wir verloren 0:5 gegen Kaiserslautern und Magath wollte irgendwie reagieren. Dabei waren wir drei gegen Lautern gar nicht im Kader gewesen und hatten somit auch nichts zu dieser Niederlage beigetragen. Am schlimmsten war, dass wir nicht wussten, ob wir eine Woche suspendiert waren – oder für immer.  

Warum haben Sie das Gespräch nicht gesucht?

Hans Sarpei: Magath wollte nie eine Bindung aufbauen, ein Lob gab es selbst bei guten Leistungen nicht. Er hat trainiert, war aber im Prinzip weit weg von der Mannschaft. Bei ihm gab es auch nie einen Trainingsplan. Es hieß dann: Morgen um zehn ist Training. Man wusste nicht, ob es nachmittags noch eine Einheit gibt. Du kannst also nichts planen. Keinen Zahnarzttermin, keine Unternehmungen mit der Frau.

 

Was dachten Sie zu dieser Zeit?

Hans Sarpei:  Wir hatten viele Interviewanfragen, aber du kannst dir ja nur selbst schaden, wenn du dich beschwerst. Das hat man ja bei Albert Streit gesehen. Also haben wir in der Zweiten trainiert, uns fit gehalten und auf unsere Chance gewartet. Irgendwann hat mich Seppo Eichkorn angerufen, dass ich beim Champions-League-Spiel gegen Valencia wieder im Kader stehe. Es gab dann im Trainingslager sogar ein Gespräch mit Felix Magath. Er dachte offensichtlich, ich würde etwas zu viel feiern, dabei trinke ich gar keinen Alkohol. Ab dem Zeitpunkt haben wir uns dann ganz gut verstanden.  

Kurz darauf waren sie wieder Stammspieler, gewannen mit Schalke den DFB-Pokal und zogen ins Halbfinale der Champions League ein. Können Sie den Bayern-Fans erklären, wie man Inter Mailand schlägt?

Hans Sarpei:  Jeder war sich sicher, dass wir gegen Inter verlieren würden, zumal wir im Hinspiel ein frühes Tor bekamen. Aber die Mannschaft hat perfekt zusammengearbeitet. Ralf Rangnicks Taktik war viel offensiver ausgerichtet als bei Magath. Ich hatte die Aufgabe, aus der eigenen Viererkette auszubrechen, und Maicon, der die Außenverteidigerposition sehr offensiv interpretiert, früh zu attackieren. Wenn du dann gegen einen solchen Weltklassespieler die Zweikämpfe gewinnst, gibt das unheimlich viel Selbstbewusstsein. Dann hatten wir das Glück, in den richtigen Momenten die Tore zu erzielen. Dass wir am Ende 5:2 in San Siro gewinnen würden, konnte keiner ahnen. 

Im betagten Fußballeralter schienen Sie auf dem Höhepunkt Ihrer Karriere. Sie standen bei der WM 2010 mit Ghana bereits mit einem Ball im Halbfinale. Nachdem der Uruguayer Luis Suarez das sichere Tor mit der Hand verhinderte, setzte Asamoah Gyan den entscheidenden Elfmeter an die Latte.

Hans Sarpei: Zuerst dachte ich: Jetzt sind wir im Halbfinale. Als er dann verschoss, fand ich das Regelwerk nur noch ungerecht, der Ball war doch eigentlich schon im Tor. Es war klar, dass wir auch das Elfmeterschießen verlieren würden. Ich habe viel darüber nachgedacht, kam aber zu keiner Lösung. Es war aber sensationell, mit 34 Jahren so etwas noch erleben zu dürfen. Zumal wir in der Vorrunde ja Deutschland aus dem Turnier schießen konnten. Meine Freunde haben mich davor angerufen, dass wir doch bitte verlieren sollen. 

Sie spielen seit 2000 für die Nationalmannschaft Ghanas. Warum haben Sie es nur auf 36 Einsätze gebracht?

Hans Sarpei: Früher gab es noch viele gestandene Spieler in Ghana, ich musste mich lange hinten anstellen. Obwohl die Stimmung innerhalb der Mannschaft immer super war, ist es manchmal nicht ganz einfach, in Afrika Qualifikationsspiele zu bestreiten. In manchen Ländern spielst du bei 45 Grad oder die Zuschauer brennen Papiere ab und du bekommst vor lauter Rauch keine Luft mehr. Wir haben mal in Sudan gespielt, wo wir am Flughafen vom Militär mit Maschinengewehren abgeholt wurden und im Bus eskortiert wurden. Das würden die ja nicht machen, wenn es keine potenziellen Gefahren gäbe. Einmal saß unsere Nationalmannschaft drei Tage am Flughafen fest, ich hatte Glück, dass ich für das Land kein Visum bekommen hatte. So gesehen war es manchmal ganz gut, nicht dabei gewesen zu sein. 

Ihr Vertrag läuft nach dieser Saison aus. Was macht Hans Sarpei nach seiner Karriere?

Hans Sarpei: Schalke ist mir ans Herz gewachsen. Vielleicht bleibe ich dem Verein, in welcher Form auch immer, erhalten. Grundsätzlich macht mir der Fußball noch Spaß. Es gibt ein paar Anfragen aus unteren Ligen. Auch das sind mögliche Überlegungen. Falls ich meine Karriere beende, könnte ich mir auch gut eine Weltreise vorstellen, dann wäre der richtige Zeitpunkt dafür. In den nächsten Monaten wird sich alles entscheiden.

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