Hans Pflügler im Interview

»Die Mannschaft ist hungrig«

Als Hansi Pflügler 1990 Weltmeister wird, hat er seine großen Erfolge im Verein schon gefeiert: In den 80ern wird er viermal Deutscher Meister und gewinnt drei Mal den DFB-Pokal. Hier erinnert er sich an die Endspiele der 80er. Hans Pflügler im Interviewimago

Herr Pflügler, am Samstag ist Pokalfinale, alle erwarten einen klaren Sieg des FC Bayern. Sie auch?

Ich hoffe es zumindest, aber ich habe ja durchaus schon die Erfahrung gemacht, dass ein Pokalfinale etwas ganz Besonderes ist. Wenn ich zum Beispiel an unser Finale gegen Uerdingen zurückdenke, da sind wir auch als Favorit hingefahren und dann als zweiter Sieger vom Platz gegangen. Nach der letzten Woche würde man das zwar jetzt nicht erwarten, aber es kann trotzdem sein.

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Sie standen insgesamt vier Mal im Finale und sind drei Mal Pokalsieger geworden. Gespielt haben Sie allerdings nur bei der 1:2-Niederlage 1985 gegen Uerdingen und 1986 beim 5:2 Sieg gegen Stuttgart.

So ist es.

Vielleicht können wir die einzelnen Stationen einmal durchgehen. 1982 waren Sie das erste Jahr bei den Bayern und erstmal nur Ergänzungsspieler. Beim 4:2 Sieg in Frankfurt gegen Nürnberg kamen Sie nicht zum Einsatz.

Ja, da war ich noch ganz jung und saß nur auf der Bank.

1984 waren Sie dafür beim legendären 6:6 auf Schalke im Halbfinale dabei. Ein Wahnsinnsspiel. Der FC Bayern konnte den Finaleinzug erst mit einem 3:2 im Wiederholungsspiel in München klarmachen.

Ja richtig, das war schon ein unglaubliches Spiel. Diese Stimmung und dann zwölf Tore, das kommt ja auch nicht alle Tage vor. Das Rückspiel war auch schwer umkämpft, aber dann hat Gott sei Dank Karl-Heinz Rummenigge in der 79. Minute das 3:2 gemacht. Im Finale saß ich dann leider nur auf der Bank.

Waren Sie verletzt?

Nein, wenn ich mich richtig erinnere, nicht. Udo Lattek hatte sich einfach dafür entschieden, dass Bernd Martin spielt. Und ich saß leider draußen.

Dabei waren Sie in dieser Saison ja eigentlich Stammspieler...

Ja, ich habe 30 Bundesligaspiele gemacht und war in allen Pokalspielen dabei, bloß in einem nicht, und das war ausgerechnet das Finale gegen Gladbach (lacht).

Im Finale 1984 gegen Gladbach verschoss Lothar Matthäus in seinem letzten Spiel für den alten Arbeitgeber einen Strafstoß im Elfmeterschießen und Bayern gewann 8:7. Seinen Wechsel zu den Bayern hatte er schon bekannt gegeben. Hat man das auch als Bayernspieler realisiert, was dem zukünftigen Teamkollegen da unterlaufen war?

Nein, gar nicht. Es war vielmehr so, dass man ihn als Spieler für seine Fähigkeiten bewundert hat. Und dass der Verein damals die Gelegenheit ergriffen hat, ihn als Bayern aus Herzogenaurach dann auch nach München zu holen war im Nachhinein ein guter Schachzug.

Die Finals 1985 und 86 waren auch die ersten beiden Spiele im Berliner Olympiastadion. War das etwas Besonderes, der neue Endspielort?

Ja, auf alle Fälle. Wir haben die Male davor immer in Frankfurt gespielt, das war so unser Zentrum des Pokalfinales. Aber dass es mit Berlin dann einen festen Ort gab, das war einfach wichtig. Und Berlin hat schon ein besonderes Flair, das war schon in Ordnung.

Damals war Berlin auch noch geteilt. Hatte das auch eine Bedeutung?

Für uns Spieler ehrlich gesagt nicht. Als Spieler fliegst du hin, fährst ins Hotel, gehst dann auf den Platz und wenn du zurückkommst hast du entweder was zu feiern oder nicht (lacht).

1985 hatte Uerdingen eine ordentliche Saison gespielt, trotzdem galt der FC Bayern als Meister auch in diesem Spiel als Favorit. Woran lag es, dass Sie gegen den Underdog verloren haben?

Das sind halt Pokalspiele. Das kann dir in der ersten Runde gegen eine Amateurmannschaft passieren oder im Finale gegen eine »graue Maus«. Es gibt so Tage, wo es in der Mannschaft nicht passt. Das hat man ja jetzt auch am Sonntag gegen Dortmund gesehen. Im Bundesliga-Hinspiel in Dortmund waren sie noch richtig stark, da haben wir nur mit viel Glück ein 0:0 erreicht. Und letzten Sonntag hatten sie noch Glück, dass es bei fünf Toren geblieben ist, so überlegen waren wir da. Uerdingen hat damals nach unserer Führung innerhalb von einer Minute ausgeglichen, das stärkt einen natürlich. Und je länger es dann unentschieden steht, umso stärker wird der vermeintliche Underdog.

Welche Rolle hat das Publikum dabei gespielt? Die Bayern waren damals nicht gerade sonderlich beliebt...

Was? Das gibt’s ja gar nicht, wir waren immer beliebt (lacht).

Gut, sagen wir: die Bayern haben schon damals polarisiert...

Ja klar. In Berlin war vielleicht ein Drittel Bayernfans, ein Drittel Uerdinger und der Rest war neutral – oder eben auch nicht.

Wie groß war die Enttäuschung?

Natürlich war sie groß, weil jeder die Erwartung gehabt hat, zu gewinnen. Wenn man als Favorit in so ein Spiel reingeht und sein Ziel dann nicht erreicht, ist das schon bitter.

1986 schließlich ließ der FCB, schon wieder als Meister, dem VfB Stuttgart beim 5:2 keine Chance und holte das zweite Double seit 1969. Ein besonderer Moment in Ihrer Karriere?

Ja, das war richtig geil. Eine Woche vorher hatte Stuttgart zuhause Bremen geschlagen und uns so zum Meister gemacht. Und als Dank haben sie von uns richtig eine drauf gekriegt. Wir hatten vor dem Finale die Ansage bekommen, dass wir mit Udo Lattek bis Mittwoch die Meisterschaft feiern können. Ab Mittwoch haben wir uns dann auf das Pokalfinale konzentriert. Das ist dann super gelaufen, wir haben sie mit 5:2 weggeschossen, ich habe ein paar Flanken reingebracht und der Micha (Michael Rummenigge, schoss zwei Tore, Anm. d. Red) hat sie verwertet. Recht heiß war es, aber es war ein geiler Nachmittag.

War dieses Double der Höhepunkt Ihrer Karriere? Oder doch eher der Gewinn der Weltmeisterschaft 1990, wo sie allerdings »nur« beim 1:1 gegen Kolumbien gespielt haben?

Letztlich muss jeder Fußballer selbst entscheiden, wie er das annimmt. Manchen reicht es, nur ein Spiel zu machen und ansonsten auf der Bank zu sitzen. Für mich war es wichtiger, eine gute Saison und alle Pokalspiele zu bestreiten und dann ein ordentliches Finale zu spielen. Der Weltmeistertitel wiegt sicherlich noch mehr, aber für mein eigenes Empfinden war dieses Double die größere Leistung.

War die Vorjahresniederlage die entscheidende Motivationshilfe?

Nein, eigentlich nicht. Der größte Ansporn war es, endlich wieder einmal das Double zu holen, zum ersten Mal seit 1969. Das war damals schon etwas Besonderes, mittlerweile hat sich das ja ein bisschen normalisiert.

Welchen Stellenwert hat der Pokal beim FC Bayern denn heute noch?

Die Meisterschaft zählt sicherlich mehr, weil sie belegt, dass man 34 Spiele lang der Beste war. Da gleichen sich auch Glück und Pech wieder aus. In der Pokalrunde gibt es sechs Spiele, da kann es schon mal knapp werden. Generell ist es bei Bayern wichtig, dass man das Jahr mit einem Titel krönt. Und wenn ich schon nicht Meister werde, dann will ich den Pokal, da hat man wenigstens etwas in der Hand.

Trotzdem, die Bayern haben unter Felix Magath zwei Mal in Folge das Double geholt. Trotzdem schien eine Euphorie wie beispielsweise 1986 nicht mehr da zu sein...

Wenn man es zwei Mal in Folge holt, dann ist eine gewisse Sättigung erreicht. Man hat das ja auch im letzten Jahr gesehen. Der Drang, der Biss und der Wille, unbedingt etwas zu holen, haben gefehlt. Fast jeder Spieler hatte schon einen Titel gewonnen, neue Spieler, die noch nichts geholt hatten, gab es gar nicht. Die haben wir jetzt aber auf alle Fälle wieder.

Beim aktuellen Kader machen Sie sich da keine Sorgen?

Nein, überhaupt nicht, die neue Mannschaft ist richtig hungrig.

Die Pokaleuphorie in Dortmund ist riesig, und falls die Borussia gut ins Spiel findet könnten sich die neutralen Zuschauer schnell auf die Seite des Underdogs schlagen. Könnte das Publikum den Ausschlag geben?

Normalerweise nicht. Wir haben ja super Fans. Dass bei uns die Leute auf der Haupttribüne aufstehen und zu singen anfangen, das werden wir nicht erleben, das ist einfach so. Klar freuen die sich auch und jubeln, aber dass ein Bankdirektor plötzlich aufspringt und ein Lied anstimmt, kann ich mir jetzt auch nicht vorstellen. Das ist auch gar nicht negativ gemeint. Es gibt es ja noch genug Fans aus der Süd- und der Nordkurve, die auch in Berlin Stimmung machen werden, da mache ich mir keine Sorgen.

Nochmal zurück zum 5:0 gegen Dortmund vom letzten Sonntag. Ottmar Hitzfeld meinte, ihm wäre ein 3:2 lieber gewesen. Was glauben Sie, ist dieses Ergebnis eher Fluch oder Segen?


Das weiß ich selber nicht so richtig (lacht). Aber letztlich habe ich doch lieber ein supertolles Fußballspiel, sichere mir die Meisterschaft und begeistere das Publikum, als am Ende noch zittern zu müssen bis zur letzten Sekunde. Jetzt liegt es an jedem einzelnen Spieler, sich wieder zu konzentrieren und den Erfolgswillen zu zeigen.

Wie das funktioniert haben Sie ja nach Ihrer Profikarriere den Nachwuchstalenten des FC Bayern vermittelt. Sie haben noch eine Weile bei Hermann Gerlands Amateuren gespielt und diese geführt...

Ja, mit Unterstützung. Das sind alles talentierte Burschen, aber sie sind nicht so stabil, deswegen braucht man da auch ein paar Leute mit Erfahrung, vor allem heute, wo die ganzen abgezockten Ex-Profis bei den anderen Vereinen spielen dürfen, bei den zweiten Mannschaften von Profivereinen aber nur drei.

Sie hätten nach Ihrer Karriere aber auch etwas anderes machen können, immerhin haben Sie einen Abschluss als Stahlbauingenieur. Wann haben Sie denn studiert?

Schon während meiner Profizeit. 1981 habe ich angefangen. Statt vier habe ich sieben Jahre gebraucht. Aber ich habe mein Studium abgeschlossen.

Aber gearbeitet haben Sie nie als Stahlbauingenieur?

Nein, das war nur eine Sicherheit, falls im Fußball etwas passiert. Zu meiner Zeit war es ja noch nicht so, dass man nach einem Profijahr ausgesorgt hatte, deswegen wollte ich noch ein zweites Standbein haben. Im Nachhinein betrachtet, ging es vielleicht auch darum, mir zu beweisen, dass ich das ebenfalls erlernen kann.

Wollten Sie auch mal Abstand vom Fußballbetrieb?

Eigentlich nicht. Inzwischen bin ich für Bayern im Merchandising tätig und fühle mich immer noch als Fußballer. Es gibt Schlimmeres als ein Leben beim FC Bayern.


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