05.03.2008

Hans-Peter Briegel im Interview

»Einige hatten kein Rückgrat«

Hans-Peter Briegel hat versucht, dem FCK zu helfen. Doch er durfte nicht, er konnte nicht. Nun steht der Verein vor dem Nichts. Wir sprachen mit dem Urgestein über seine Abstiegsängste, den Tod einer Region und die Antomie des Niedergangs.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: imago

»Denk ich an Lautern in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.« Trifft das auf Sie zu, Herr Briegel?

Es ist ja ganz normal, dass ich als Kaiserslauterer Junge da mitfiebere. Aber das bin nicht nur ich, das ist die ganze Pfalz. Egal, wo ich hinkomme, werde ich darauf angesprochen. Jeder fragt sich, ob es reicht, ob der FCK die Klasse halten kann.

Suchen die Leute, die Sie ansprechen, Hilfe bei Ihnen? Sollen Sie das Steuer herumreißen?

Ab und zu passiert das. Aber ich muss dazu sagen: Der FCK hat noch einen Zivilprozess gegen mich laufen, von daher ist das schlecht möglich.

Stimmt es denn, dass eine ganze Region stirbt, wenn der Verein in der sportlichen Bedeutungslosigkeit verschwindet?


Kaiserslautern als Wirtschaftsstandort hat es schwer, hinkt anderen Regionen hinterher. Laut einer Studie hat die Stadt im Jahre 2030 noch ca. 70.000 Einwohner, knapp 30.000 weniger als heute. Abgesehen vom Wirtschaftlichen hat der Verein aber auch eine kulturelle Bedeutung. Außer Fußball gibt es hier nicht viel. Das betrifft nicht nur die Stadt selbst, sondern die ganze Region, bis hin nach Mannheim.

Ist diese hohe Bedeutung auch eine Last für den Verein?


Natürlich. Denn die Menschen hängen mit ihrem Herz voll und ganz am FCK. Ich nenne ihnen ein Beispiel, das ich in den 80er Jahren als Spieler erlebt habe: Ein sehr kranker Mann hatte einen letzten Wunsch: Er wollte mich, den Kapitän des FCK, kennen lernen. Er hat an nichts anderes gedacht als an den FCK – obwohl er dem Tode geweiht war! Wenn ich in dieser Lage wäre... ich weiß nicht, ob ich an Fußball denken würde... Aber dieser Mann hat sich riesig gefreut, mich noch zu sehen.

Sie sprachen an, dass Kaiserslautern relativ wenige Einwohner hat. Ist es nicht ein Wunder, dass ein Verein aus einer so kleinen Stadt sich so lange im Profifußball gehalten hat?


Das sehe ich nicht so. In den 70er, 80er und 90er Jahren hat der Verein von seinen Zuschauern gelebt. Die Eintrittserlöse machten 80 Prozent des Etats aus, Sponsorengelder nur 20. Und weil das Stadion immer voll war, konnte der FCK sich in der Bundesliga halten. Heute hat sich dieses Verhältnis jedoch umgedreht.

Ist der FCK also ein Opfer der modernen Vermarktung des Fußballs geworden?

Nicht unbedingt. Noch in den 90ern ist der FCK zweimal Meister geworden. Damals hätte man also die Möglichkeit gehabt, den Verein längerfristig zu etablieren. Doch man hat sie nicht genutzt.

Statt weiterhin solide zu planen, setzte bei den Verantwortlichen übersteigerte Risikobereitschaft ein. Auf welches Datum würden Sie diesen Bruch beziffern?

Der FCK wurde 1998 Deutscher Meister – danach musste man was machen, um weiter oben mitzuspielen. Drei, vier Jahre war die Mannschaft ja auch oben mit dabei. Erst danach ging es bergab.

Waren die Investitionen denn wirklich sinnvoll? Hat man wirklich geglaubt, dass Youri Djorkaeff nach Kaiserslautern passt?

Djorkaeff war schon ein Riesen-Transfer. Aber der FCK stand gut da, spielte in der Champions-League und wollte sich verstärken. Vorher hatte man stets preiswerte Spieler geholt. Dann hat man geschaut: Was gibt der Markt her? – und war dabei sicherlich risikofreudiger als in den Jahren zuvor. Djorkaeff war Weltmeister, ein Weltklasse-Spieler, und jeder hat sich gefreut, als er kam. Tja, der Erfolg blieb aus. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer!

Über lange Zeit war die Mannschaft von Spielern geprägt, die aus der Region stammten, Spielern wie Fritz Walter, Josef Pirrung, Stefan Kuntz und nicht zuletzt Ihnen. Wurde diese Linie durch solche Transfers fahrlässig unterbrochen?

Das kann ich nicht beurteilen. Im Fall von Djorkaeff spielte seine Herkunft jedenfalls keine Rolle.

Wer trug das Anspruchsdenken, das mit dem Djorkaeff-Transfer Gestalt annahm, in den Verein hinein?


Auch das vermag ich nicht zu sagen. Ich war nur noch kurze Zeit nach dem Wiederaufstieg sportlicher Leiter.

Sie sagten nach der Meisterschaft von 1998: »Der Erfolg überdeckt hier vieles, mit den guten Zeiten kann es ganz schnell vorbei sein.«


Was man so alles gesagt hat! (lacht) Kann schon möglich sein, dass ich damals gedacht habe: Vielleicht hat der Verein zuviel investiert.

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