Hans-Peter Briegel im Interview

»Einige hatten kein Rückgrat«

Hans-Peter Briegel hat versucht, dem FCK zu helfen. Doch er durfte nicht, er konnte nicht. Nun steht der Verein vor dem Nichts. Wir sprachen mit dem Urgestein über seine Abstiegsängste, den Tod einer Region und die Antomie des Niedergangs.
Heft #76 03 / 2008
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»Denk ich an Lautern in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.« Trifft das auf Sie zu, Herr Briegel?

Es ist ja ganz normal, dass ich als Kaiserslauterer Junge da mitfiebere. Aber das bin nicht nur ich, das ist die ganze Pfalz. Egal, wo ich hinkomme, werde ich darauf angesprochen. Jeder fragt sich, ob es reicht, ob der FCK die Klasse halten kann.

Suchen die Leute, die Sie ansprechen, Hilfe bei Ihnen? Sollen Sie das Steuer herumreißen?

Ab und zu passiert das. Aber ich muss dazu sagen: Der FCK hat noch einen Zivilprozess gegen mich laufen, von daher ist das schlecht möglich.

Stimmt es denn, dass eine ganze Region stirbt, wenn der Verein in der sportlichen Bedeutungslosigkeit verschwindet?


Kaiserslautern als Wirtschaftsstandort hat es schwer, hinkt anderen Regionen hinterher. Laut einer Studie hat die Stadt im Jahre 2030 noch ca. 70.000 Einwohner, knapp 30.000 weniger als heute. Abgesehen vom Wirtschaftlichen hat der Verein aber auch eine kulturelle Bedeutung. Außer Fußball gibt es hier nicht viel. Das betrifft nicht nur die Stadt selbst, sondern die ganze Region, bis hin nach Mannheim.

Ist diese hohe Bedeutung auch eine Last für den Verein?


Natürlich. Denn die Menschen hängen mit ihrem Herz voll und ganz am FCK. Ich nenne ihnen ein Beispiel, das ich in den 80er Jahren als Spieler erlebt habe: Ein sehr kranker Mann hatte einen letzten Wunsch: Er wollte mich, den Kapitän des FCK, kennen lernen. Er hat an nichts anderes gedacht als an den FCK – obwohl er dem Tode geweiht war! Wenn ich in dieser Lage wäre... ich weiß nicht, ob ich an Fußball denken würde... Aber dieser Mann hat sich riesig gefreut, mich noch zu sehen.

Sie sprachen an, dass Kaiserslautern relativ wenige Einwohner hat. Ist es nicht ein Wunder, dass ein Verein aus einer so kleinen Stadt sich so lange im Profifußball gehalten hat?


Das sehe ich nicht so. In den 70er, 80er und 90er Jahren hat der Verein von seinen Zuschauern gelebt. Die Eintrittserlöse machten 80 Prozent des Etats aus, Sponsorengelder nur 20. Und weil das Stadion immer voll war, konnte der FCK sich in der Bundesliga halten. Heute hat sich dieses Verhältnis jedoch umgedreht.

Ist der FCK also ein Opfer der modernen Vermarktung des Fußballs geworden?

Nicht unbedingt. Noch in den 90ern ist der FCK zweimal Meister geworden. Damals hätte man also die Möglichkeit gehabt, den Verein längerfristig zu etablieren. Doch man hat sie nicht genutzt.

Statt weiterhin solide zu planen, setzte bei den Verantwortlichen übersteigerte Risikobereitschaft ein. Auf welches Datum würden Sie diesen Bruch beziffern?

Der FCK wurde 1998 Deutscher Meister – danach musste man was machen, um weiter oben mitzuspielen. Drei, vier Jahre war die Mannschaft ja auch oben mit dabei. Erst danach ging es bergab.

Waren die Investitionen denn wirklich sinnvoll? Hat man wirklich geglaubt, dass Youri Djorkaeff nach Kaiserslautern passt?

Djorkaeff war schon ein Riesen-Transfer. Aber der FCK stand gut da, spielte in der Champions-League und wollte sich verstärken. Vorher hatte man stets preiswerte Spieler geholt. Dann hat man geschaut: Was gibt der Markt her? – und war dabei sicherlich risikofreudiger als in den Jahren zuvor. Djorkaeff war Weltmeister, ein Weltklasse-Spieler, und jeder hat sich gefreut, als er kam. Tja, der Erfolg blieb aus. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer!

Über lange Zeit war die Mannschaft von Spielern geprägt, die aus der Region stammten, Spielern wie Fritz Walter, Josef Pirrung, Stefan Kuntz und nicht zuletzt Ihnen. Wurde diese Linie durch solche Transfers fahrlässig unterbrochen?

Das kann ich nicht beurteilen. Im Fall von Djorkaeff spielte seine Herkunft jedenfalls keine Rolle.

Wer trug das Anspruchsdenken, das mit dem Djorkaeff-Transfer Gestalt annahm, in den Verein hinein?


Auch das vermag ich nicht zu sagen. Ich war nur noch kurze Zeit nach dem Wiederaufstieg sportlicher Leiter.

Sie sagten nach der Meisterschaft von 1998: »Der Erfolg überdeckt hier vieles, mit den guten Zeiten kann es ganz schnell vorbei sein.«


Was man so alles gesagt hat! (lacht) Kann schon möglich sein, dass ich damals gedacht habe: Vielleicht hat der Verein zuviel investiert.Es drängt sich der Verdacht auf, als wären die Verantwortlichen nach dem Durchmarsch von der zweiten Liga zum Meistertitel größenwahnsinnig geworden.

Von außen betrachtet, kann man das so sehen. Aber es waren ja nicht nur die Transfers, die den FCK in Schwierigkeiten gebracht haben. Was aber noch größere Auswirkungen hatte als solche Transfers war die Tatsache, dass Kaiserslautern sich als WM-Spielort beworben hatte und in Folge dessen das Stadion ausgebaut wurde. Die Investitionen, die nötig waren, um vier, fünf Spiele ausrichten zu können, waren meiner Ansicht nach zu hoch.

Kaiserslautern ist untrennbar mit dem Weltmeister-Mythos von 1954 verbunden. Von daher ist es nachvollziehbar, dass man die WM 2006 unbedingt nach Kaiserslautern holen wollte. Ist der FCK ein Opfer seiner eigenen Tradition?

Man hat gedacht, man könnte das stemmen. Das hat nicht geklappt, und sicherlich wird noch einiges aus dieser Zeit ans Tageslicht kommen. Aber ich war und bin kein Wirtschaftsmann. Ich kann eigentlich nur Fragen zum Sportlichen beantworten.

Kommen wir zum Sportlichen. Nachdem Otto Rehhagel den FCK 1998 zur Meisterschaft geführt hatte, mahnten Sie: »Der FCK könnte zum FC Rehhagel werden.« Hat man ihm damals zuviel Macht übertragen?


Man hat ihm die Wünsche erfüllt, die er hatte – zum Beispiel Djorkaeff. Er hatte Erfolg, und man hat sich auf ihn verlassen. Man wollte unbedingt oben mitspielen – und nicht zu vergessen: Man wollte unbedingt die WM. Letzteres war meiner Ansicht nach das größere Problem.

Sie waren noch unter Rehhagel sportlicher Leiter, viel Einfluss hatten Sie jedoch nicht.

Es kam in der Öffentlichkeit nicht so rüber, aber ich habe dennoch meinen Einfluss geltend gemacht. Michael Ballack habe ich geholt, den kannte Rehhagel gar nicht!

Warum sind Sie dann nicht länger im Amt geblieben?

Ich habe aufgehört, weil ich gesehen habe: So geht es nicht weiter. Das hatte aber rein persönliche Gründe.

Es war die Zeit, als der gemütliche Verein FCK zur Schlangengrube wurde. Waren ruhige, sachliche Gespräche überhaupt noch möglich?


Solange ich da war, hat man noch miteinander geredet. Wie es später war, weiß ich nicht (lacht).

Im September 2002 leistete Vorstandsmitglied Robert Wieschemann den Offenbarungseid. Vor laufenden Kameras verzettelte er sich und sagte: »Wir haben ein Defizit an Durchblick – alle!«

Das war sehr unglücklich. Aber man muss dazu sagen, dass Herr Wieschemann krank und nicht voll bei Kräften war. Normalerweise hätte er es rhetorisch mit jedem aufnehmen können

Ganz Unrecht hatte er dennoch nicht.


Das ist ein komplexes Thema, über das ich nicht reden möchte.

Um den Überblick wiederzuerlangen, wurde der Wirtschaftsmann René C. Jäggi als neuer Vorstandsvorsitzender und Nachfolger Atze Friedrichs geholt. War das eine gute Entscheidung?

Nein. Kein weiterer Kommentar.

Am 2. November 2002 wurden Sie in den Aufsichtsrat berufen – als einziger Fußballfachmann. Sie blieben nur kurz im Amt. Wollten die Wirtschaftsleute unter sich sein?

Herr Jäggi war der Alleinherrscher. Ich habe in diesem Gremium keine Mehrheit gehabt. Immer dagegen zu sein bzw. nur rumzusitzen – das hat mir nicht gefallen. Deswegen habe ich auch aufgehört.

Sie waren zeitgleich albanischer Nationaltrainer. Angeblich haben Ihre Kollegen wichtige Sitzungen stets so terminiert, dass Sie gar nicht teilnehmen konnten.

Das war zum Teil Schikane. Ich war immer zu erreichen und wurde – zumindest zum Schluss – überhaupt nicht mehr gefragt.

Hätten Sie sich einen Mitstreiter gewünscht, z. B. Kalli Feldkamp?

Ich hätte mir im Aufsichtsrat Leute gewünscht, die Rückgrat hatten. Aber es waren zumindest einige dabei, die keines hatten.

Wen meinen Sie?


Ich möchte keine Namen nennen. Aber diejenigen wissen schon, dass ich sie meine.

Nachdem Jäggi die Finanzvorgänge der vergangenen fünf Jahre hatte prüfen lassen, sah er sich zu einer Vielzahl von Anzeigen veranlasst.


Ich kann mich noch an diese Versammlung erinnern. Man wollte zunächst bis 1998 zurückgehen. Auf einmal wollte man doch bis 1996 zurückgehen, denn damals war der Hans-Peter Briegel ja auch dabei. Er war zwar nur fürs Sportliche verantwortlich... Aber er war ja dabei!

Sie mussten 25.000 Euro Strafe wegen Steuerhinterziehung zahlen. Wegen welchen Vorgangs hat Jäggi Sie genau verklagt?


Das ist nicht richtig. Ich wurde nicht verurteilt. Das Ermittlungsverfahren wurde nach §153a der Strafrozessordnung eingestellt. Darüberhinaus führt der 1.FC Kaiserslautern seit 2004 vor dem Landgericht Kaiserslautern einen Zivilprozess gegen mich und den ehemaligen Vizepräsidenten des Vereins, Herrn Axel Ulmer. Dabei geht es um die Verpflichtung des Spielers Sforza in der Saison 1997/98. Der FCK begehrt unberechtigterweise die Zahlung von ca. 545.000,- EURO Schadensersatz.

Mit Aussicht auf Erfolg?

Nein, da zu keinem Zeitpunkt Scheinverträge, um Zahlungen an Herrn Sforza zu verschleiern, abgeschlossen wurden. Unabhängig davon ist dem Verein kein Schaden entstanden. Die Verpflichtung des Spielers Sforza war für den 1.FCK ein finanzieller und sportlicher Glücksfall. Sforza hat mit seiner Spielkunst erheblich dazu beigetragen, dass der FCK Deutscher Meister wurde. Im Übrigen wurde Herr Sforza dann später für eine Ablösesumme von ca. 13,6 Mio. DM an Bayern München transferiert.

Atze Friedrich wurde im Zuge der Anzeigen in Kaiserslautern zu einer persona no grata.


Diese Ächtung hat er nicht verdient! Es ist einmalig in der Bundesligageschichte, dass Verantwortliche, die auch viel Positives für den Verein geleistet haben, in der Öffentlichkeit so platt gemacht wurden und immer noch werden. Das gibt es nur in Kaiserslautern.

War das eine machtpolitische Kampagne?

Ja. Und es ist eine Ironie des Schicksals, dass Friedrich und Wieschemann den Jäggi sogar noch geholt haben!

Jäggi hat mit seinem harten Sanierungskurs den Verein an den Rand der sportlichen Existenz geführt. Hätte er eine Alternative gehabt?

Meiner Meinung nach ja.

Können Sie formulieren, worin diese bestanden hätte?

Das geht jetzt auch wieder ins Wirtschaftliche und ist schwer zu erklären, Meiner persönlichen Ansicht nach hätte der FCK den Stadionausbau auch selbst stemmen können. Stattdessen wurde eine Objektgesellschaft gegründet und das Stadion verkauft. Heute bezahlt der Verein 3,5 Millionen Euro Miete im Jahr. Für weit weniger hätte er die Schulden abbauen können. Und das Stadion hätte ihm gehört.

Jäggi war ein reiner Wirtschaftsmann. War er zu unemotional im Umgang mit dem Kulturgut FCK?

Im Gegenteil. Er hat es sehr gut verstanden, die Lage noch schlechter zu reden, als sie in Wirklichkeit war.

In Folge seines Sparkurses setzte eine rasante Spielerfluktuation ein. Innerhalb von drei Jahren kamen und gingen 100 Spieler. Ist dem FCK in dieser Phase die Seele abhanden gekommen?

Ich bin der Meinung, dass es für Kaiserslautern sehr wichtig ist, dass vier, fünf Spieler in der Mannschaft aus der Region kommen. Sie haben recht: Da kamen und gingen so viele Spieler, dass auch der eingefleischteste Fan sich heute nicht mehr an die Namen erinnern kann. Also, ich weiß nicht mehr, wer vor drei Jahren da war (lacht).

In die aktuelle Saison ist der FCK mit einem der geringsten Spieleretats gegangen. Kann es da ein anderes Ziel als den Klassenerhalt geben?

Das Ziel eines Traditionsvereins muss es immer sein aufzusteigen. Egal, mit welchem Etat. Schließlich ist der FCK mit einem kleinen Etat auch schon mal Deutscher Meister geworden.

Ist so etwas denn zehn Jahre später immer noch möglich?


Sie sehen doch, dass es immer noch möglich ist! Der VfB Stuttgart ist Deutscher Meister geworden – trotz Bayern und Schalke.

Aber ist es nicht genau dieses Anspruchsdenken, dass den FCK in eine prekäre Lage gebracht hat?

Ich gehe doch nicht in eine Saison und sage: »Ich will Fünfter werden.« Was soll denn das? Das hätte doch niemand verstanden.

Aus ihnen spricht der Sportsgeist, den Jäggi vielleicht nicht teilen konnte.

Auch Jäggi wollte nicht absteigen! Er wollte sicher nicht als Absteiger in die Geschichte eingehen. Er hat den Trainer ausgewechselt, alles versucht – und es ist trotzdem passiert.

Aber war ein Abstieg nicht in den Sanierungsplan einkalkuliert – damit man sich gesund schrumpft?

Mit Sicherheit nicht. In der Mannschaft waren einige Ex-Nationalspieler, Nerlinger, Freund, Jancker. Von diesen Spielern hat man sich ja auch etwas erhofft.

Ausnahmslos Spieler, die über ihren Zenit hinaus waren.

Wie gesagt: Hinterher ist man immer schlauer.

Ende letzten Jahres gab Ihr ehemaliger Mannschaftskamerad Klaus Toppmöller ein 44-tägiges Intermezzo als sportlicher Leiter. Warum nur so kurz?

Wir haben guten Kontakt, aber darüber haben wir nie gesprochen. Ich weiß also nicht, warum er erstens angefangen und zweitens warum er so schnell wieder aufgehört hat.

Hätten Sie ihn vorm Hintergrund Ihrer eigenen Erfahrungen davor gewarnt, diese Aufgabe anzunehmen?

Nein. Denn ich weiß, dass heute sehr honorige Leute im Vorstand ehrenamtlich arbeiten, die versuchen zu retten, was noch zu retten ist.

Identifizieren diese Leute sich mehr mit dem FCK als ihre Vorgänger?

Mit Sicherheit!

Wird der FCK in dieser Saison den Klassenerhalt schaffen, Herr Briegel?

Am Anfang habe ich gedacht, dass sie absteigen. Zwischen durch habe ich gedacht, mit dieser Mannschaft können sie es schaffen, da sie im Abwehrverhalten recht stark sind. Jetzt sehe ich: Was ihnen fehlt, ist ein gestandener Spieler, ein Führungsspieler, so wie Silvio Meißner es letzte Saison war. Also, die Chancen stehen 50:50.

Wäre ein Abstieg das Aus für den Verein?

Mit Sicherheit nicht. Auch wenn der FCK in die fünfte Liga geht, was bei einem Lizenzentzug passieren würde, kommen die Zuschauer weiterhin zum FCK. Nürnberg ist abgestiegen, Karlsruhe auch – beides Traditionsvereine, die heute wieder oben dabei sind.

Wäre ein Abstieg also auch eine Chance zur Wiedergeburt?

Ja, sicherlich. Aber eine Wiedergeburt ist immer besser, wenn man vorher die Klasse gehalten hat.

Man hört, Sie sollen wieder Verantwortung beim FCK übernehmen.

Wenn ein FCK noch gegen mich klagt, habe ich ein Problem. Also erübrigt sich die Frage.

Ist das Tischtuch zerschnitten?

Es geht nicht um Personen. Es geht um den FCK, und der ist eine Institution.

Würden Sie dieser Institution, in der Sie selbst groß geworden sind, gern etwas zurückgeben?

Mein Herz wird immer für den FCK schlagen. Was die Wenigsten jedoch wissen: 1984 bin ich zu Hellas Verona gewechselt. Damals war der FCK auch schon mal finanziell am Abgrund – und hat für mich drei Millionen DM an Transfererlös bekommen.

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