Hans Meyer über Rente und Rückkehr

»Mich wollte keiner!«

Hans Meyer residiert an der Nürnberger Burg und blickt auf den Fußball. Steigt er noch einmal zu ihm hinab? Wir sprachen mit ihm über das Duell seiner Ex-Klubs Gladbach und FCN, seine Rente und das Amt des Bundestrainers.  Hans Meyer über Rente und Rückkehr

Herr Meyer, hat es Ihnen mal weh getan, eine andere Mannschaft zu schlagen? 

In 40 Jahren als Trainer bleibt es nicht aus, dass man mal einen Verein besiegt, für den man Sympathien hegt. Wenn ich mich jetzt hinsetzen und meine Aufzeichnungen wälzen würde, würde da bestimmt das eine oder andere Spiel ans Licht kommen, in dem ein Sieg mir weniger Freude bereitet hat als bei anderen Spielen. 

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Ihre beiden Ex-Klubs Borussia Mönchengladbach und der 1. FC Nürnberg treffen heute Abend aufeinander. Egal, wie es ausgeht: Sie als Fan können nur gewinnen. Oder verlieren? 

Zunächst einmal: Ich war noch nie Fan. Gleichwohl verfolge ich diese Partie natürlich mit Herzblut. Das hängt auch mit der Situation zusammen: Für die Nürnberger geht es um sehr viel, sie machen jetzt das Gleiche durch wie Gladbach vor einem Jahr. Dieter Hecking hat die Mannschaft gut auf die anstehenden Aufgaben vorbereitet, sie scheint mir jetzt besser gewappnet für den Abstiegskampf als noch im Herbst. 

Wie geht’s denn aus? 

Ein Remis wäre gut. Auch für mich und die zwei Herzen, die in meiner Brust schlagen. 

Die Gladbacher haben offenbar aus der letzten Saison gelernt und wirken nun gefestigter. 

Sie haben sich zielgerichtet und sinnvoll verstärkt. Sie spielen besser, als die Resultate es verraten. 

Wenn Ihr Nachfolger Michael Frontzeck die Saison auf einem einstelligen Tabellenplatz abschließt, könnte ihm das zum Verhängnis werden: Man würde im nächsten Jahr einen UEFA-Cup-Platz von ihm erwarten. 

Frontzeck und Max Eberl traue ich soviel Kontinuität zu, dass sie mit dem Abstieg nichts zu tun haben. In der nächsten Saison könnte – mit ein, zwei gezielten Verstärkungen – ein einstelliger Tabellenplatz drin sein. Ein UEFA-Cup-Platz aber wäre vermessen, auch wenn ein gewisser Teil des Umfeldes sicherlich damit liebäugeln wird. Der verantwortungsvolle Teil aber kann das durchaus realistisch einschätzen. 

Es gibt immer wieder Höhenflüge, siehe Bochum 2003/2004 unter Peter Neururer und auch Nürnberg 2006/2007 unter Ihnen. 

Stimmt. Zufallsprodukte – in Anführungszeichen – sind möglich. Im Positiven, aber auch im Negativen: Beide Vereine sind ein Jahr später abgestiegen. 

Also Pyrrhussiege. 

Das viele Schulterklopfen kann dazu führen, dass die Spieler nicht mehr die 105 Prozent geben wie im Jahr zuvor. Aber es wäre zu einfach zu sagen, dass nur Mannschaft und Trainer das Spinnen angefangen haben und sich weiter wähnen, als sie tatsächlich sind. Dazu gehört auch die gestiegene Erwartungshaltung des Umfelds – und eine Pechsträhne wie damals in Nürnberg, als wir unglaublich viele Verletzte hatten. 

Auch der amtierende Deutsche Meister Wolfsburg ist abgestürzt. Wie nah waren Sie eigentlich dem Traineramt beim VfL? 

Ach, darüber möchte ich gar nicht reden. Immer wenn irgendwo ein Trainer entlassen wird, geht die Spekulationsmaschinerie los. Alle Klubs, die in diesem Jahr einen Trainer suchten, sind von mir angeschrieben worden. Ich habe mich beworben! Aber keiner hat mich genommen. So, jetzt wissen Sie’s. 

Dann kann ich die nächste Frage gleich streichen, da wäre es um Hertha BSC gegangen. 

(lacht) Natürlich habe ich mich auch bei Hertha beworben! Im Ernst: Ich habe letzten Sommer einen sehr guten Kontrakt in Gladbach, der noch für ein weiteres Jahr gegolten hätte, aufgelöst und gesagt: Für einen Neuaufbau ist es besser, wenn Ihr einen jungen Trainer habt, einen Mann mit dem Profil von Michael Frontzeck. Und jetzt überlegen Sie mal: Ich verlasse doch nicht Gladbach und fange dann irgendwo anders wieder an – mit einer Mannschaft, die ich nicht selbst geformt habe und durch eventuelle Zukäufe auch gar nicht mehr verändern kann. Darf ich Ihnen mal eine Gegenfrage stellen? 

Nur zu. 

Was müsste passieren, damit Lorenz-Günther Köstner in Wolfsburg als erfolgreich angesehen würde? 

Als amtierender Deutscher Meister müsste er sich mindestens für den UEFA-Cup qualifizieren. Aber das ist unrealistisch. 

Sehen Sie! Das Scheitern ist vorprogrammiert! 

Sie haben keine Lust mehr, immer nur der Feuerwehrmann zu sein.

Nicht solange solche Erwartungen auf mir lasten würden. Dass ich irgendwo um fünf Minuten vor der Angst noch aushelfe – das ist doch keine Perspektive für einen 67-jährigen Mann. 

Sie könnten Bundestrainer werden! Sie sind der Helmut Schmidt des Fußballs: Ginge es nach den Fans, wären sie längst ernannt worden. 

Wir haben einen hervorragenden Bundestrainer. 

Schmeichelt Ihnen der Zuspruch denn gar nicht? 

Das müssen die 100 Meyer-Fans sein, die ich persönlich bezahle (lacht).

In Nürnberg wohnen sie am Fuße der Burg, mit Blick über die Stadt. »… und dann würde was uns groß und wichtig erscheint plötzlich nichtig und klein«, singt Reinhard Mey. Hat sich auch Ihre Perspektive auf die Bundesliga verschoben? 

Nein. Bei mir gibt es wenig Wertewandel. Was mir einmal wichtig war, bleibt mir wichtig. Meine Familie, meine Kinder und Enkelkinder. Und auch mein Beruf. Er hat mir immer Spaß gemacht. 

Die Scharmützel mit den Reportern vermissen Sie aber nicht. 

Natürlich nicht. Ich war zwar innerlich über vieles erhaben, dennoch habe ich mich über Lügen und Diffamierungen auch wahnsinnig ärgern können. Darum beneide ich meine Nachfolger keineswegs. 

Nach dem Tod von Robert Enke schien es so, als würden Fans und Meinungsmacher in sich gehen. Kaum ein viertel Jahr später ist alles wie zuvor: Die Bild am Sonntag etwa gab neulich allen 96-Spielern eine Sechs. Haben Sie je an einen Bewusstseinswandel geglaubt? 

Zunächst einmal bin ich der Meinung, dass Roberts Tod nichts mit der Berichterstattung zu tun hatte. Er hatte riesige psychische Probleme, lange bevor er im Licht der Öffentlichkeit stand. Natürlich hat diese Tragödie viele erschüttert. Aber unser gesamtes System birgt keine Alternative in sich – auch wenn sich der eine oder andere zu Hause hinsetzt und denkt: »Es wäre schön, wenn’s anders wäre.« 

Der Schriftsteller Peter Esterhazy sagt: »Ich mag Menschen nicht, die immer gewinnen wollen. Aber ich möchte mit niemandem in einer Mannschaft spielen, der nicht immer gewinnen will.« 

Er hat total Recht. Ich würde meine acht Enkelkinder gern zu toleranten Wesen heranwachsen sehen, die niemandem weh tun. Aber zugleich beschleicht mich der Zweifel daran, dass sich die sozialsten Menschen in unserer Gesellschaft auch am besten durchsetzen können.  

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