Hans Meyer rechnet ab

»Fans werden verdummt«

Ist Hans Meyer denn nun Rentner oder nicht? Nach unserem Interview sagen wir: Der Mann kommt wieder. Er hat noch jede Menge Hühnchen zu rupfen. Hier spricht er über die dunkle Macht des Boulevards, Modefans und Marko Marin. Hans Meyer rechnet abimago
Heft #92 07/2009
Heft: #
92

Hans Meyer, ziehen wir heute einen Schlussstrich unter Ihre Trainerkarriere, oder gibt es noch mal ein Comeback?

Ach, Freunde, eigentlich bin ich doch schon seit Jahren auf dem Abmarsch.

Wir wetten, dass Sie noch mal zurückkommen.

Um was wollen wir wetten? Ich muss ja wissen, ob es sich rentiert.

Sie sagten neulich, wenn ein 70-jähriger Tscheche Österreich trainiert, müssten bei Ihnen die Angebote nur so reinhageln.

Der österreichische Verband hat mich über Umwege vor der EM gefragt, sich dann aber für Karel Brückner entschieden – wegen der größeren Erfahrung. Im Ernst: In einer Beraterfunktion – nach dem Motto: »Herr Lehrer, ich weiß was, im Scheißhaus brennt noch Licht!« – sehe ich mich nicht. Doch wenn mir irgendwo eine interessante Aufgabe angeboten wird, bei der kein langfristiger Aufbau nötig ist: Warum nicht?

Für einen Abmarsch, wie Sie es nennen, waren Sie eh zu präsent.

Ich möchte mal eine Gegenfrage stellen: Wer will schon wissen, ob ich tatsächlich aufhöre oder wieder anfange? Das interessiert doch niemanden außer euch.

Sie kokettieren.

Im Ernst: Die breite Masse interessiert etwas anderes. Sie interessiert sich für das, was die Fußballpolemiker den Leuten erzählen.

Hegen Sie noch immer Ihren Groll gegen die Boulevardpresse?


Auf der einen Seite steigen die Besucherzahlen in den Bundesligastadien von Jahr zu Jahr, auf der anderen Seite hatten wir prozentual noch nie so viel Fußballunwissende im Stadion. Die Leute werden vom Boulevard mit Unkenntnis und Unwahrheiten beschossen.

Jetzt, im Ruhestand, könnten Sie das Thema mit etwas mehr Gelassenheit betrachten.

Sind Sie etwa auch von der »Bild«?

Nein.

Es geht um mehr als den Fußball, es geht um weite Teile unseres Lebens, die von der systematischen Verdummung der Leute betroffen sind. Arrigo Sacchi, der große italienische Trainer, hat neulich in einem Interview gesagt, er wünsche sich, »dass das Gift aus dem System vertrieben wird und der Fußball sich weiterentwickelt in einem besonnenen Ambiente, das den Fußball liebt und nicht die Polemik«. Diesen Wunsch teile ich voll und ganz.

Die »Bild«-Zeitung gilt vielen Spielern als Leitmedium.

Ja, und das bedrückt mich sehr. Ich nenne ein Beispiel: Als ich im vergangenen Herbst nach Gladbach kam, fand ich eine Mannschaft vor, die nicht bundesligatauglich war. Einige waren – trotz all ihrer Verdienste als Aufstiegshelden – für dieses Niveau einfach zu alt oder zu jung. Von 28 Spielern sortiere ich also sechs oder sieben aus, was vielleicht auch mein Vorgänger gerne getan hätte.

Damit waren Sie der böse Meyer.

Ohne diese Maßnahme und die Verpflichtung von vier Neuen hätten wir den Klassenerhalt nicht geschafft. Und jetzt kommt es: Was tun in dieser Situation einige aus der Mannschaft? Sie schreiben, aufgehetzt durch die Massenmedien, einen Brief an den Vorstand. Man dürfe so verdienstvolle Spieler nicht einfach rausschmeißen. Unglaublich! Das zeigt, was im Fußball alles möglich geworden ist.

Ein anderer Vorwurf war, Sie hätten Marko Marin zu selten spielen lassen.

Marko hätte, wenn er bei Werder Bremen unter Vertrag gewesen wäre, vielleicht 20 Spiele gemacht. Bei mir war er in 33 Partien dabei, nur einmal hat er gefehlt – wegen der fünften Gelben Karte. Trotzdem hieß es immer wieder: »Marin spielt fast nie, der Meyer hat ein Problem mit Marin!« Mit Marko kannst du doch gar kein Problem haben – der ist so ein netter, talentierter Junge. Viele halten ihn trotzdem schon jetzt für einen ganz Großen, der er bei harter Arbeit an sich selbst werden kann.

Zuspitzung gehört zur Berichterstattung. Wo wollen Sie die Grenze ziehen?

Es geht mir darum, dass nicht gelogen werden darf. Lügen heißt auch: Mehr zu behaupten als das, was tatsächlich ist. Wir brauchen niemanden, der uns den Fußball bunt macht. Was auf dem Platz passiert, ist interessant genug.

Wann haben Sie zuletzt mit dem Kopf geschüttelt und gesagt: »Das ist nicht mehr mein Fußball«?

Nie. Wenn ich Barcelona im Champions League-Finale gegen Manchester sehe, bin ich ein glücklicher Mensch. Ich habe den Fußball geliebt und werde ihn immer lieben.


***Weiterlesen im aktuellen Heft: Hans Meyer über Einsamkeit im Misserfolg, Armin Veh und Felix Magath.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!