Hans Meyer im Interview

„Meyer, du wirst sterben!“

Interviews mit Hans Meyer sind seltene Lichtblicke im Phrasenmeer der Bundesliga-Promis. Auch beim Schlagabtausch mit dem Ex-Profi Guido Schäfer sitzt jede Pointe. „Sie müssen weniger trinken“, rät der Alte dem Jungen.
Heft #70 09 / 2007
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Klopps Geburtstagsgäste hängen noch wie ans Brett genagelt in Ihren Betten, Sie sind offenbar einem Jungbrunnen entstiegen. Wo steht das Teil?

Sie müssen weniger trinken, junger Mann. Ich war das letzte Mal 1958 betrunken, da hatte ich ein paar Rhöntropfen zu viel genommen.

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Rhöntropfen?

Kräuterschnaps aus Thüringen, schmeckt wie Jägermeister.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Journalisten beschreiben?


Fast normal. Es gibt wie in jedem Beruf Gute und Schlechte. Was ich nicht mag, sind Leute, die sich schlecht vorbereiten, die ihren Job nicht lieben, die keine Ahnung von sporthistorischen Dingen haben.

Kennen Sie Täve Schur?


Klar doch, Radfahr-Idol der DDR.

So klar ist das gar nicht.

Ich hatte mal ein Interview mit einem MDR-Mann, der hatte keinen blassen Schimmer von Täve. Unglaublich. Und dann gibt es auch noch Kollegen, die dämliche Fragen stellen.

Die Sie dann in legendärer Meyer-Manier nackt im Wind stehen lassen.


Stellen Sie sich vor, Sie sind Trainer, haben ein Spiel gewonnen und werden gefragt: Herr Schäfer, was geht jetzt in Ihnen vor? Ehrlicherweise müssten Sie dem doch sagen, dass Sie mit dem Gedanken spielen, ihn zu erwürgen.

Könnte es sein, dass Sie nach dem Pokalfinale übers Ziel hinaus geschossen sind?

Sie meinen das mit Frau Lierhaus? Ja. (Die ARD-Moderatorin war der irrigen Annahme, dass elf Nürnberger zehn Stuttgarter an die Wand hätten spielen müssen, weswegen Meyer auf 180 war, Anm. d. Red.) Das hat mir hinterher auch ein bisschen leid getan. Ich werde die liebe Monica demnächst in den Arm nehmen und drücken.

Die Kollegen vom Boulevard werden von Hans Meyer in diesem Leben wohl nicht mehr gedrückt.

Könnte so sein, ja. Ich habe da ein paar Mal ganz schlechte Erfahrungen gemacht und dann für mich entschieden: das war’s.

So weit geht keiner Ihrer Kollegen.

Wenn ich jeden Tag mit diesen Journalisten essen gehe, darf ich in schwierigen Zeiten vielleicht eine Woche länger im Amt bleiben. So wie es jetzt ist, müsste ich wahrscheinlich zwei Wochen früher gehen. Kein großer Unterschied, diese drei Wochen, oder? Die letzten drei Wochen vor einer Entlassung braucht kein Mensch. Da wechseln Leute, die dich vorher geküsst und gefeiert haben, die Straßenseite, wenn sie dich sehen.

Der Legende nach wurden Sie noch nie entlassen.

Ich bin fünfmal geflogen, unter anderem in Jena und bei Union Berlin. In 36 Trainerjahren ist das immer noch eine gute Quote.

Kennen Sie eigentlich Alfred Kunze?


Chemie-Trainer, Meister 1964. Dem hat man alle guten Kicker weggeholt, dann ist der mit den vermeintlich Blinden Meister geworden. Ein ganz Großer, von dem zu wenig gesprochen wird.

Wie schätzen Sie die Lage im Fußball-Osten ein?


Cottbus und Jena sind drin geblieben, Rostock ist aufgestiegen, Magdeburg hätte es fast geschafft. Das sah alles schon schlechter aus. Leipzig drückt mich. Die brauchen endlich einen Verein, die Kräfte müssen gebündelt werden, mein alter Freund Bernd Bauchspieß (Chemie-Legende, Anm. d. Red.) sieht das genauso. Aber bei dieser Feindschaft zwischen Lok und Chemie sehe ich schwarz.

Eine singuläre Abneigung?

Zwischen Jena und Erfurt ist’s ähnlich.

Sie sind 1984 von Jena nach Erfurt gewechselt.


Eine scheinbar unverzeihliche Nummer. Mein Wartburg wurde demoliert und vollgepinselt. Mit »Meyer, du wirst sterben« und so Sachen.

Woher wussten die bösen Jenaer, welcher Wartburg der Ihre war?


Ich hatte damals draufgeschrieben: »Ich bin dem Hans sein Auto.«

23 Jahre später sind Sie der Alfred Kunze des 1. FC Nürnberg, haben den Club salonfähig gemacht, sind Pokalsieger, werden gottgleich verehrt.

Mehr davon, junger Mann!

Nürnberg-Chef Michael A. Roth soll bei den Verhandlungen um Ihre Vertragsverlängerung bis 2009 Kreislaufprobleme bekommen haben. Sind Sie gierig?


Ich habe drei Kinder, acht Enkel, habe erst 1996 in Enschede angefangen,
Geld zu verdienen. Herr Roth bezahlt mich von Herzen gerne, hat sich ja auch eine richtige Perle dafür geangelt.

Die anfangs nur Nummer zwei der Besetzungsliste hinter Neururer war.


Nummer zwei wäre schön gewesen, ich schätze mal, ich war die 15.

Können Sie sich vorstellen, dass der als Trainer-Killer bekannte Roth eines Tages auch Ihnen ans Fell geht?


Nein, ich entlasse mich künftig nur noch selber.

Würden Sie sich als Spielerversteher bezeichnen? Anders gefragt: Darf ein gramgebeugter Profi jederzeit zu Ihnen kommen?

Gehen Sie davon aus, dass es Momente gibt, in denen sich auch ein Hans Meyer nur ungern stören lässt. Sonst helfe ich, wo ich kann. Ich habe versucht, sechs Ehen von Spielern zu retten. Eine gibt es noch, die anderen fünf wollten mich töten, weil ich das Elend verlängert habe.

Ihr heißblütiger Argentinier Javier Pinola hat Ihnen beim Bayern-Spiel das Trikot vor die Füße geworfen. Was hätten Sie mit dem Sportkameraden in Ihren jungen Trainerjahren gemacht?


Erschossen, mindestens. Ich war ja schon mit 27 Jahren Trainer, habe als junger Spund abgezockte Nationalspieler trainiert, hatte Angst vor Autoritätsverlust. Da gab es dann schon die eine oder andere Maßnahme, die ich heute als schwachsinnig bezeichnen würde. Um zu demonstrieren, wie toll ich bin, habe ich damals den Vereinschef von Carl Zeiss aus dem Mannschaftsbus komplimentiert. Das hat der mir nie verziehen. Ich mir übrigens auch nicht.

Zurück zu Pinola. Sie holten ihn nach 17 Minuten vom Platz ... 


Und einer Ihrer Kollegen fragte, ob das nicht zu früh gewesen sei. Fast zu spät war das! Pino hat so eine Robin-Hood-Mentalität, einen übertriebenen Gerechtigkeitssinn. So was kann man auf dem Fußballplatz nicht gebrauchen. Er hat permanent mit dem Schiri debattiert, stand vorm Platzverweis, hat unsinnige Freistöße provoziert, unseren Erfolg gegen Bayern gefährdet.

Im nächsten Spiel hat Ihr Robin Hood wieder gespielt, gut gespielt. War er beim Psychologen?


Nein, bei mir. Ich hatte mal ein paar Jungs, die sind zum Psychologen, um konstanter und besser zu kicken.

Und hat’s was gebracht?


Die kamen zurück und haben genau wie vorher gespielt, konnten damit aber besser umgehen. Na klasse, dachte ich, funktioniert ja wunderbar. Das ist wie der Typ, der zum Arzt kommt und sagt: Ich mache mir immer in die Hosen. Er kriegt Tabletten und ist ein paar Tage später wieder da. Doktor, tolle Sache das mit den Tabletten. Ich mach’ mir zwar immer noch in die Hosen, es macht mir aber nix mehr aus.

Sie haben 30 Mal in der DDR-Oberliga gespielt, ein Tor geschossen. Warum ist aus dem talentierten Abwehrspieler Meyer kein Ass geworden?

Ich konnte weder besonders schnell noch lange laufen. Als das Angebot kam, Assistent von Georg Buschner zu werden, musste ich nicht lange überlegen.

Träumen Sie noch von Ihren Zeiten als aktiver Fußballer?

Sie?

Ja, der Traum sieht folgendermaßen aus: Ottmar Hitzfeld holt mich trotz Hüftprothese zu den Bayern und sagt: »Da wo der Lucio hinlaufen muss, stehst du schon.«


Schöner Traum. Ich habe einen Albtraum. Ich sitze in der Kabine, komme nicht in die Schuhe. Draußen wird schon gespielt, wir liegen 0:3 zurück, ein Horror.
Wer war Ihr bester Fußballspieler?

Peter Ducke, der war zwar nicht brav, aber weltklasse. Dem konnte man den Ball geben – und musste gar nicht mit aufrücken. Peter hat dann irgendetwas Verrücktes gemacht und hatte in zwei von vier Fällen Erfolg. Ein einmaliger Typ.

Wie stehen Sie zum Kaufrausch von Bayern München? Stimmt es, dass die Bayern vor Hitzfelds Rückkehr ernsthaft über Sie nachgedacht haben?

Über Meyer denken alle nach, ernsthaft, weltweit. Die Bayern hatten den Weggang von Ballack und Zé Roberto unterschätzt, mussten etwas machen. Ribéry und Luca Toni sind Spieler, auf die sich die ganze Bundesliga freut. Die hätte ich auch genommen.

Die Gala-Saison mit Nürnberg weckt Begehrlichkeiten.


Sie haben total Recht. Für uns zählt nur die Meisterschaft. Und den UEFA-Cup nehmen wir auch gleich mit.

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Die Pfade des Dinosauriers - Die Karriere des Hans Meyer www.11freunde.de/bundesligen/104243 .

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