25.06.2011

Hans Krankl über den Tempel des Fußballs

»Camp Nou ist atemberaubend«

Der FC Bayern stellt sich dem FC Barcelona im Camp Nou. Über diesen Tempel des europäischen Fußballs sprachen wir mit Hans Krankl, dem die Ehre zuteil wurde, dort von 1978 bis 1980 spielen zu dürfen.

Interview: Jürn Kruse Bild: imago

In der Saison 78/79 gelang Ihnen nur ein Auswärtssieg. Ist das Publikum so wichtig für einen Klub?

Johan Neeskens sagte mir, dass man in Spanien Meister wird, wenn man zuhause alle Spiele gewinnt und auswärts unentschieden spielt. Wir haben nur in Alicante gewonnen: 2:1, durch zwei Tore von mir. Wir haben dann noch ein paar Mal Remis gespielt, aber zur Meisterschaft hat es nicht gereicht.

Welches Spiel im Camp Nou ist Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben?

Da gibt es zwei Spiele: Das 3:0 gegen den amtierenden Europokalsieger RSC Anderlecht am 1. November 1978. Wir hatten das Hinspiel in Brüssel 0:3 verloren und mussten eine Reihe von Platzverweisen hinnehmen. Im Rückspiel ging es dann ins Elfmeterschießen, in dem wir die Partie für uns entscheiden konnten. Anschließend sind die Zuschauer noch zwei Stunden im Stadion geblieben. Die Ausgangssituation war aussichtslos, doch die Fans und wir haben die Situation gedreht. Das zweite Spiel, an das ich mich gerne erinnere, war gegen Rayo Vallecano: Wir haben 9:0 gewonnen und ich habe sechs Tore geschossen.

Sie waren der unmittelbare Nachfolger von Johan Cruyff als Stürmer beim FC Barcelona. Haben Sie sich mit ihm über die Situation bei Barca vorab ausgetauscht?

Ich hab ihn erst während eines Trainings getroffen. Es war nicht einfach für mich, dass alle sagten, ich käme als Nachfolger von Cruyff. Das konnte ich nicht sein, denn für mich war und ist er der größte Spieler aller Zeiten. Außerdem spielte er auf einer anderen Position als ich und war ein komplett anderer Spielertyp. Ich war ein Torjäger und habe dementsprechend mehr Tore geschossen als er, aber dem Spieler Johan Cruyff konnte ich nicht das Wasser reichen.

Im Januar 1980 verließen sie den FC Barcelona, um mit First Vienna wieder in kleinen österreichischen Stadien aufzulaufen. Sehnten Sie sich schon bald nach dem großen Camp Nou?

In Barcelona hatte ich Probleme mit dem neuen Cheftrainer Carlos Rifé, der vorher Co-Trainer war. Ich ging zu dem späteren Absteiger First Vienna, was ein Kulturschock war: Gerade spielte ich noch in Barcelona vor 100 000 Zuschauern und plötzlich lief ich vor vier- bis fünftausend in Österreich auf. Ich bin dann nach einem halben Jahr wieder nach Barcelona zurück, blieb aber nur ein paar Monate, dann war die Trennung endgültig.

Bei diesem zweiten Intermezzo in Barcelona, das im Sommer 1980 begann, trainierten Sie unter László Kubala, für den, der Sage nach, Camp Nou errichtet wurde. Umgab ihn noch die Aura des großen Fußballers, der er einst gewesen sein soll?


Absolut. Kubala war ein großartiger Mensch, Trainer und Vorbild. Genau wie der Straßburger Lucien Muller, mein erster Trainer in Barcelona. Sie waren Respektspersonen. Nach dem Training hab ich noch häufig Freistöße und Flanken trainiert. Kubala, der damals schon deutlich über 50 war, hatte uns gezeigt, wie es funktioniert. Der war topfit.

Hatten Sie die Probleme mit Rifé, weil dieser Ihnen unter anderem das Privileg entzog, nach Länderspielen einen Tag Sonderurlaub zu bekommen, was Ihnen Muller und Kubala zugestanden hatten?

Nicht nur. Rifé war ein Co-Trainer. Als Cheftrainer versuchte er dann, den großen Macker zu mimen. Es hatten neben mir auch noch vier, fünf weitere Spieler Probleme mit ihm. Für seine Art wurde Rifé nach wenigen Monaten auch die Rechnung präsentiert. Er hatte nicht die Persönlichkeit, die man braucht, um einen Verein wie Barcelona zu trainieren. Die Spieler hatten keinen Respekt vor ihm – woran er allerdings selbst schuld war.

Sie gingen dem Konflikt mit dem Verein aber auch nicht aus dem Weg und fuhren trotzdem zu jedem Länderspiel.

Diese Konflikte hatte ich des Öfteren. Ich bin ein großer Patriot und stolzer Österreicher. Ich bin in Wien geboren, in Wien aufgewachsen, und auch der größte Verein der Welt, der FC Barcelona, konnte mich nicht davon abhalten, für mein Heimatland aufzulaufen.

Was fehlte Rifé, das man braucht, um einen Verein wie den FC Barcelona zu trainieren?

Die Persönlichkeit, das Auftreten und das technische Know-How, wie es Muller und Kubala beispielsweise hatten. Rifé hatte nichts außer seiner Erfahrung als Co-Trainer. Er ist ein guter zweiter Trainer gewesen, aber Barcelona braucht einen Trainer mit großem Namen, mit einem Fachwissen par Excellenze, er muss eine Respektsperson, eine Autorität und eine Persönlichkeit sein. Wer das nicht mitbringt, kann Barça nicht trainieren. Ausgeschlossen.

Bei Real Madrid gelten sicherlich ähnliche Maßstäbe. Erfüllt Bernd Schuster diese?

Absolut. Er ist der richtige Trainer für Real Madrid. Ich hab ihn in Barcelona kennen gelernt, als er als 20-Jähriger sechs Wochen mit uns trainierte. Bernd Schuster ist als Trainer einen schweren Weg gegangen und hat sich bei Donezk und kleineren Vereinen in Spanien durchgesetzt. Das habe ich nicht gemacht. Er hat es aufgrund der großartigen Erfolge mit Getafe verdient, Trainer bei einem Klub zu werden. Und ich freu mich riesig für ihn.

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