25.06.2011

Hans Krankl über den Tempel des Fußballs

»Camp Nou ist atemberaubend«

Der FC Bayern stellt sich dem FC Barcelona im Camp Nou. Über diesen Tempel des europäischen Fußballs sprachen wir mit Hans Krankl, dem die Ehre zuteil wurde, dort von 1978 bis 1980 spielen zu dürfen.

Interview: Jürn Kruse Bild: imago

Herr Krankl, wann waren Sie zuletzt im Camp Nou?

Voriges Jahr. Joan Laporta (Präsident des FC Barcelona, Anm. d. Red.) hat mich auf den VIP-Balkon im Stadion eingeladen. Ich muss sagen, was Benehmen und Auftreten anbetrifft, sind die Leute aus der jetzigen Führungsriege sensationell.

Was ist das Besondere daran, beim FC Barcelona zu spielen?


In Wien heißt es, dass Rapid eine Religion sei. In Barcelona sagt man, Barça sei mehr als ein Club bzw.  »més que un club«, wie es auf Katalanisch heißt. Wenn man als Spieler vorgestellt wird, dieses Stadion und die Anhänger sieht, erkennt man, was es bedeutet: Der FC Barcelona ist der größte und beste Fußballverein der Welt.

Spürt man auf dem Platz diese besondere Bindung des Publikums zu Barça?

Man spürt diese Wucht, diese 100 000 Menschen, die hinter einem stehen. Es ist nicht so wie in England, wo die Fans das ganze Spiel über singen. Es ist eine ganz eigene Stimmung in Barcelona. Wenn die Mannschaft die Fans braucht, sind sie immer da.

Die Barca-Fans nannten Sie zu Ihrer Zeit als Spieler zwischen 1978 bis 80 den »Goleador«. Werden Sie heute noch in Barcelona erkannt?

Der Taxifahrer, der mich vom Flughafen in die Stadt chauffierte, hat mich gleich erkannt. Im Stadion arbeiten nur noch wenige aus meiner aktiven Zeit. Die jungen Zuschauer kennen mich nicht mehr. Aber es spricht sich rum, der eine sagt’s dem anderen weiter. So läuft das auch beim Team. Den jüngeren Spielern, die ich traf, wurde gesagt, wer ich bin.

Waren Sie vor ihrem ersten Spiel im Camp Nou nervöser als bei anderen Premieren?

A bisserl. Mein erstes Pflichtspiel war eines der wenigen Spiele, das nachmittags angepfiffen wurde. Wir traten am 3. September 1978 gegen Santander vor 95000 Zuschauern an – das war schon etwas Bewegendes. Es kochte im Stadion bei über 40 Grad. Wir haben durch einen Weitschuss von Carles Rexach 1:0 gewonnen.

Hatten Sie nie Angst vor fast 100.000 Zuschauern einen Fehler zu begehen oder einfach schlecht zu spielen? Schließlich wurden die Zuschauer nach schlechten Spielen auch mal handgreiflich...

Im Gegenteil, ich habe mich immer schon darauf gefreut, alle 14 Tage auf dieses Feld laufen zu dürfen. Wir waren zu meiner Zeit äußerst heimstark. Ich habe zu Hause viele Tore geschossen und wurde am Ende sogar Torschützenkönig. Du wirst von der Begeisterung der Menschen getragen, das war für mich nie eine Belastung, sondern eine große Motivation.

Nach einem Spiel verunglückten Sie mit dem Auto. Barça-Vizepräsident Joan Gaspart hat damals ihre schwer verletzte Frau ins Krankenhaus gefahren.

Die Menschen haben mich in dieser vor allem für meine Frau schwierigen Phase sehr unterstützt. Der Unfall war ein sehr schlimmer Moment, der Gott sei Dank glücklich ausgegangen ist. Durch die Anteilnahme, die die Bevölkerung damals uns gegenüber offenbarte, bin ich ihnen weit über den Fußball hinaus verbunden. Sie zeigten mehr Sympathien dem Menschen Hans Krankl gegenüber als dem Torjäger, Mittelstürmer und Torschützenkönig.

Hunderte Anhänger folgten den Aufrufen, für ihre Frau Blut zu spenden. »Inge ist eine Katalanin. In ihr fließt nur noch katalanisches Blut«, sagten Sie später.

Die Blutspenden, die Briefe, die wir bekommen haben, die Madonnenstatuen- und Bildnisse, die Kreuze – es war einfach unglaublich. Es kamen Tausende Sendungen, nicht nur aus Katalonien, sondern aus ganz Spanien. Etwas Vergleichbares kann ich mir in Deutschland oder Österreich nicht vorstellen.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden