Hans Krankl über Cruyff und Catalan

»Barca ist wie Hollywood«

Beim FC Barcelona tobt ein kruder Machtkampf um die Nachfolge des Präsidentenamtes. Mittendrin: Der neue Ehrenpräsident Johan Cruyff. Wir sprachen mit Hans Krankl, der den Holländer 1978 als Barca-Star beerbte. Hans Krankl über Cruyff und Catalan

Vor dem Viertelfinal-Hinspiel in der Champions League gegen den FC Arsenal, hatte sich in Barcelona eine merkwürdige Vereinsposse entwickelt: Weil der scheidende Klub-Präsident Joan Laporta seinen alten Freund und Weggefährten Johan Cruyff zum Ehrenpräsidenten ernannte, kochte die stolze katalanische Volksseele der über 100.000 Vereinsmitglieder. Laporta wurde vorgeworfen mit seiner Entscheidung in den anstehenden Wahlkampf um seine Nachfolge einzugreifen. Bis dato hatte Vize-Präsident Sandro Rossell als aussichtsreicher Kandidat gegolten.. Die Barca-Fans monierten derweil den Bruch mit der herrschenden Tradition sich dem Personenkult zu widersetzen. Selbst bei Barca-Ikone Johan Cruyff schienen die Anhänger da keine Ausnahme zu machen. Die Süddeutsche Zeitung zitiert in ihrem Bericht »Wer schwitzt mehr?« den ehemaligen Barca-Präsident Joan Gaspart: »Es gibt Lieben, die töten können und jene, die Laporta für Cruyff empfindet, gehört dazu.«

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Wir sprachen vor einigen Wochen mit Hans Krankl, der mit kurzer Unterbrechung von 1978 bis 1981 als legitimer Cruyff-Nachfolger seine Schuhe für den FC Barcelona schnürte. Krankl gilt nicht nur als intensiver Beobachter der katalanischen Vereinspolitik, sondern auch als persönlicher Freund von Ex-Präsident und Cruyff-Kritiker Joan Gaspart.    

Hans Krankl, welche Rolle spielt Johan Cruyff für den FC Barcelona?

Eine enorme: Cruyff war als Spieler unglaublich und als Trainer fast genauso gut. Wenn die aktuelle Barca-Mannschaft noch nicht Weltklasse sein sollte – das Barcelona unter Johan Cruyff Anfang der neunziger Jahre war es.

Barcelonas Generaldirektor Joan Oliver wird mit den Worten zitiert: »Cruyff hat ins Erbgut von Barcelona eingegriffen.« Würden Sie dem zustimmen?

Absolut! Cruyff hat Barcelona erst das Offensivspektakel eingeimpft, weshalb der Verein heute in der ganzen Welt verehrt wird. Er hat sich als erster Trainer getraut, ganz neue Wege zu gehen.

Die da wären?

Er hat sich nicht am nackten Ergebnis orientiert, sondern an diesem totalen Offensivcharakter, der die Menschen Fußball genießen lässt.

Sie sind nach der WM 1978 von Rapid Wien zum FC Barcelona gewechselt, Cruyff war da schon weg. Hatten Sie überhaupt Kontakt zu ihm?

Ich war sein Nachfolger, zusammen gespielt haben wir also leider nicht mehr. Ich habe mich allerdings häufig mit Carlos Rochax unterhalten, der hatte lange Zeit mit Cruyff gemeinsam auf dem Rasen gestanden und war noch im Verein, als ich dort aufkreuzte. Zweimal hatte ich auch die Möglichkeit, mich mit Johan selbst über Fußball auszutauschen.

Worüber haben Sie gesprochen?

Wie gesagt: über Fußball. Darüber, wie er dieses Spiel begreift und versteht. Der Inhalt dieser Gespräche prägt mich bis heute, Cruyffs Aussagen über Offensivfußball waren teilweise sensationell. Ich habe später als Trainer versucht den Fußball spielen zu lassen, von dem Johan Cruyff mir erzählt hat.

Ist es Ihnen gelungen?

Nicht immer. Aber meine Vereine hießen Rapid Wien, Tirol Innsbruck oder LASK Linz. Und als Trainer musst du dich an dem Spielermaterial orientieren, dass du zur Verfügung hast. Cruyff, Rijkaard und auch Guardiola hatten und haben so eine sensationelle Auswahl an Fußballern, dass sich beispielsweise ein 4-3-3 auch so berauschend spielen lässt, wie es Barca in der Gegenwart tut.

Also haben Sie resigniert?

Das nicht. Ich habe dann einfach versucht auf ganz kleine und bescheidene Art und Weise diese Vorstellungen von Fußball in die Philosophie der jeweiligen Vereine zu impfen. Das ist mal gelungen, mal nicht.

Barcelonas Vereinsphilosophie ist bekanntermaßen eine ganz besondere. Nach eigenem Selbstverständnis ist Barca »mehr als ein Klub«...

(in fehlerfreiem Catalan) Més que un club.

Haben Sie dieses Selbstvertrauen der Stadt und des Vereins sofort gespürt, als Sie im Sommer 1978 in Barcelona ankamen?

Selbstverständlich. Ich war ein kleiner Österreicher, der seine Tore für Rapid Wien geschossen hatte. Und dann dieser monströse Verein! Für mich war das ein positiver Kulturschock auf allen Ebenen. Allein die Vorstellung für Barcelona zu spielen und in einer Kabine mit diesen Mitspielern zu stehen, hat für mich damals alle Superlativen gesprengt, die im Bereich des Möglichen lagen. Es gibt einen Satz über den FC Barcelona, den habe ich mir mal von einem anderen berühmten Fußball geklaut...

Ich bin gespannt.

Was für Schauspieler Hollywood ist, ist für Fußballer der FC Barcelona. Das trifft den Nagel auf den Kopf.

In der aktuellen Debatte um den Ehrenpräsidenten Cruyff berufen sich die über 100.000 Mitglieder darauf, dem Personenkult nicht verfallen zu sein. Sie waren 1978/79 in der Form Ihres Lebens, hat man da nicht eine gewisse Ehrerbietung gespürt?

Tatsächlich war es eher andersherum.

Wie meinen Sie das?

Barcelona ist und war für mich immer der größte und beste Verein der Welt. Da kommt nur noch Real Madrid ran. Jeder Fußballer würde gerne einmal in seinem Leben für Barca spielen und wenn es nur ein paar Minuten sind. Wer einmal im Camp Nou war, der vergisst das nie wieder. Ein gewisser Personenkult lässt sich allerdings nicht vermeiden, wenn man Jahr für Jahr die besten Fußballer der Welt verpflichtet. Doch der Klub an sich ist schon so gewaltig, dass kein Spieler dagegen anstinken kann.

Barcelona gilt zudem als ein Wahrzeichen des katalanischen Widerstandes. Bekommt man das als Spieler eigentlich mit?

Natürlich. Der Stolz auf die Region und auf diesen Verein platzt aus jeder Straßenritze und findet sich auf jeder Sitzschale im Camp Nou. Der FC Barcelona ist für die Menschen eine Lebensanschauung.

Auch für den scheidenden Präsidenten Joan Laporta, der durch die Wahl Cruyffs in die Kritik geraten ist?

Vor allem Laporta. Die Präsidenten halten ihre Ansprachen innerhalb des Vereins und vor der Mannschaft übrigens immer zweisprachig: Erst auf Catalan, dann in Castellano. Das hat Tradition. Und Joan Laporta, das weiß ich aus eigener Erfahrung, ist ein ganz besonders stolzer Katalane!

Dennoch hat er sich mit seiner eigenwilligen Aktion über die Barca-Mitglieder hinweg gesetzt. In der Presse wird die Wahl Cruyffs als Einmischung in den anstehenden Wahlkampf um das Präsidentenamt gewertet. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Laporta versucht sogar ganz sicher in den Wahlkampf einzugreifen. Johan Cruyff ist ein enger Vertrauter und Freund von Laporta, er hat ihn häufig in Transferfragen und vereinspolitischen Entscheidungen um Rat gefragt. Jetzt darf Laporta nicht mehr kandidieren, als hat er ganz bewusst seinen guten Freund zum Ehrenpräsidenten ernannt. Das ist eine Entscheidung mit Kalkül.

Ihr ehemaliger Mitspieler Migueli wird in der Süddeutschen Zeitung mit den Worten zitiert: »Die Entscheidung ist eine Schande. Haben die anderen das Trikot etwa weniger durchgeschwitzt als er?« Nachvollziehbar?

Überhaupt nicht. Migueli kenne ich, der war mein Vorstopper. Migueli war ein Verteidiger, Cruyff ein Genie und einer der besten Fußballer aller Zeiten. Für mich stellt sich die Frage gar nicht, ob Johan es verdient hat oder nicht. Er war lange im Verein, hat viel für diesen Klub und als Eminenz im Hintergrund ohnehin einige Fäden gezogen. Jetzt kann er auch Ehrenpräsident werden.

Und warum regt sich so ein großer Widerstand im Verein?

Ganz einfach: Weil bei solchen Themen alte Rivalitäten aufbrechen. Das ist überall so, ob bei Bayern München, Real Madrid oder bei Rapid Wien. Das ist ganz normal.

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