Hans-Dieter Flick über High-Tech

»Fußball ist nicht planbar«

Vergangene Woche präsentierte der DFB eine Datenbank, in der die kompletten Daten aller Nationalspieler gespeichert werden. Wir fragten Trainer Hans-Dieter Flick: Ist das ein weiterer Schritt hin zum perfekten Spiel? Hans-Dieter Flick über High-TechImago
Heft #87 02/2009
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Hans-Dieter Flick, wie beobachtet ein DFB-Trainer Bundesligaspiele?

Wir achten zunächst auf allgemeine Dinge: Wie ist die Grundordnung der beiden Mannschaften? Wie ist die Spielanlage? Wie ist der Spielverlauf? Und dann das wichtigste: Welche Leistung haben die Nationalspieler gebracht?

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Was heißt das konkret?

Wir achten darauf, wie sie agieren, wie ihre Präsenz auf dem Platz ist und wie Sie ihr Leistungspotenzial ausschöpfen. Das Ergebnis unserer Beobachtungen halten wir dann immer in einem Dreizeiler fest.

Am 19.Spieltag haben Sie in Düsseldorf das Spiel Leverkusen gegen Stuttgart gesehen. Was haben Sie sich dort festgehalten?

Die Stuttgarter waren in den Zweikämpfen sehr aggressiv und haben gut von der Defensive auf die Offensive umgeschaltet. Außerdem haben sie die Flügel gut besetzt. Die Tore zum 1:0, 3:1 und 4:1 haben das gezeigt. Bei den Leverkusenern hat mir gefallen, dass sie bis zum gegnerischen Strafraum sehr gut kombiniert haben. Sie konnten das aber nicht so konsequent abschließen, wie das bei ihnen üblich ist.

In der Vergangenheit wurde das Amt des Co-Trainers oftmals auf das Aufstellen von Hütchen reduziert. Inzwischen hat sich die öffentliche Wahrnehmung gewandelt. Worin bestehen die Unterschiede zwischen der Rolle des Co-Trainers zu Ihrer aktiven Zeit und Ihrer Rolle heute?

Die Unterschiede sind nicht so gravierend. In meiner Zeit als Spieler beim FC Bayern München oder dem 1.FC Köln, habe ich es nie so empfunden, dass der Co-Trainer nur der »Hütchenaufsteller« ist. Die Assistenten haben die Trainingsabläufe immer aktiv mitgestaltet. Aber die öffentliche Wahrnehmung ist da anders. Umso wichtiger ist es, dass sich unser Trainerstab als Team definiert. Gerade weil ich auch jahrelang als Cheftrainer tätig war, stellt sich die Frage, ob ich mich mit der gesamten Philosophie identifizieren kann und ob ich die Freiheit habe, die Dinge umzusetzen, die ich umsetzen möchte. Ich habe nun bei der Nationalmannschaft als Co-Trainer sehr viele Kompetenzen und Möglichkeiten, die ich wahrnehme. Natürlich ist das der Öffentlichkeit nicht immer so ersichtlich. Es ist aber auch nicht mein Ziel, dies der Öffentlichkeit ersichtlich zu machen. 

Sie selbst gelten als Computerfreak und maßgeblich haben Sie die Datenbank erstellt, die kürzlich vom DFB präsentiert wurde. Welche Daten und Parameter werden in dieser erfasst?

Es heißt immer Computerfreak, aber das Leben und Arbeiten mit der modernen Technik gehört doch einfach zu unserem Zeitalter und ist somit eine logische Entwicklung. In unserer neuen Datenbank werden alle Parameter erfasst, die früher auch schon gesammelt wurden. Nur dass sie jetzt an einem Ort gesammelt werden und zentral von überall auf der Welt abrufbar sind. Bisher gab es unsere Spielbeobachtungsdaten, die administrativen Daten vom DFB, die Spielanalyse- und Videodaten, sowie die Datenbanken unserer Spezialisten, zum Beispiel der Mediziner. Es ist natürlich ein enormer Fortschritt, dass nun alles zusammengeführt wurde.

Wer füttert die Datenbank mit Informationen?

Es gibt für jeden Bereich eigene Mitarbeiter und je nach Aufgabenbereich werden Schlüssel vergeben. Jemand von der Administration, der Dinge wie Schuhgrößen der Spieler in die Datenbank einpflegt, hat natürlich nur Zugriff auf diesen Bereich.

Über die Schuhgrößen der Spieler hinaus werden auch Informationen über Spielzüge oder Verhaltensweisen in bestimmten Spielsituationen erfasst.


Zu jedem Spiel wird ein standardisierter Bericht mit den statistischen Daten angefertigt. Darüber hinaus gibt es Mannschaftsdaten, z.B. Informationen  über die Laufleistung der Spieler. Mit unserer speziellen Software haben wir außerdem die Möglichkeit, alles was auf dem Platz passiert, auszuwerten und zu analysieren, z.B. die Abstände zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen. Wir können im Nachhinein ganz genau auch das kleinste Detail erkennen, wo die Mannschaft besser stehen hätte müssen, um dann daraus zu lernen.

Was bedeutet das für die Auswertung des einzelnen Spielers?


Es geht grundsätzlich darum und das muss auch der Anspruch jedes Spielers sein, sich ständig zu verbessern. Dazu unternehmen wir alle diese Anstrengungen. Im heutigen Spitzenfußball bekommt die Laufqualität des einzelnen Spielers immer mehr Bedeutung. Vor allem natürlich die Läufe im schnellen Bereich, solche also mit einer Geschwindigkeit über 21km/h. Dabei ist relevant, wie der einzelne Spieler im hohen Tempo die Räume erlaufen und den Ball verarbeiten, also den Ball annehmen und weiterspielen kann. Das alles können wir erfassen. Außerdem erfassen wir die Laufdistanzen, das Zweikampfverhalten und die Passqualität jedes einzelnen Spielers, welche Auskunft darüber gibt, wie viele Pässe vertikal gespielt werden und wie viele Pässe den Mitspieler finden.

Welche Spieler werden erfasst?

Nur die Spieler aus dem Kader der Nationalmannschaft und des U 21-Teams.

Es gibt also keine »Gegnerdatenbank«, in der man die Teams des Weltfußballs systematisch erfasst?

Doch, dass macht das »Team Köln«, also Studenten der Sporthochschule. Die sind für uns zu einem enorm wichtigen Projekt geworden. Alle kommenden Gegner werden dort in einem kleinen Porträt vorgestellt und mit all ihren Daten präsentiert. Wir haben somit vor jedem Spiel umfassende Informationen über den Gegner. Urs Siegenthaler wandelt die quantitativen Daten, die von den Studenten gesammelt werden, dann in qualitativ hochwertige Informationen für uns um und bringt seine eigenen Spielbeobachtungen mit ein.

In welchem Maße beziehen Sie Spiele der Premier League oder der Champions League mit ein um Trends festzustellen?

Wir orientieren uns natürlich immer am Top-Niveau, also zum Beispiel an der Premier League und dem spanischen Fußball. In diesem Bereich macht Urs Siegenthaler in Zusammenarbeit mit der Firma »Mastercoach« sehr gute Arbeit. Wir analysieren immer wieder den Ist-Stand und fragen uns, wo wir hin wollen, bzw. wie wir unseren Fußball weiterentwickeln müssen. 

Welche Rolle spielen psychologische Faktoren in Ihren Analysen?


Mit Psychologie haben unsere Analysen nichts zu tun. Trotz all unserer modernen Methoden nutzen wir immer die Gelegenheit, mit den Spielern direkt zu sprechen. Deshalb ist es wichtig, dass weiterhin die Kommunikation zwischen Trainern und Spielern funktioniert. Wir fragen uns immer: »Wo sind eventuell Probleme und wie geht es dem Spieler«? Steckt jemand in einem Formtief, dann beobachten wir ihn über einen gewissen Zeitraum und fragen einfach nach.

Fragen Sie, wenn ein Spieler nicht so gut drauf ist auch mal nach, ob er vielleicht einmal zu oft abends unterwegs war?

(lacht) Heutzutage regelt sich das alles von selbst. Die Profis stehen ständig im Fokus und es kommt letztlich alles heraus. Jeder wird es sich zweimal überlegen, ob er gewisse Dinge macht. Jeder muss dafür Sorge tragen, dass sein Körper Topleistungen liefern kann und wir erwarten, dass unsere Nationalspieler das auch tun.

Und Sie vertrauen darauf, dass Sie es am nächsten Tag aus den Boulevardmedien erfahren würden, wenn einer über die Stränge schlägt?


Das würden wir ruck-zuck mitbekommen.

Denken Sie dass Ihre Methoden den Erfolg wahrscheinlicher machen?

Das Spiel in seiner ganzen Emotionalität ist einfach nicht berechenbar. Das macht den Fußball ja auch so interessant. Es passieren ständig unvorhersehbare Dinge. Oftmals führt die eine Mannschaft zur Halbzeit 2:0 und dann kommt ein Gegentor und schon ist alles auf den Kopf gestellt. Ich habe schon viele Spiele gesehen und gedacht: »Das kann doch nicht wahr sein«. Der Fußball ist einfach nicht planbar. Die beste Spielanalyse und die modernste Datenbank gewinnen kein Spiel. Sie tragen aber beide ihren Teil zur optimalen Vorbereitung bei.

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