Hannovers Hans Siemensmeyer über den Europapokal 1966

»Wir waren auf Augenhöhe mit Barcelona«

Hans Siemensmeyer ist Hannovers Rekordspieler im Europapokal. Vor dem heutigen Spiel bei Worskla Poltawa sprachen wir mit ihm über das legendäre Achtelfinale 1966 gegen den FC Barcelona und seinen Bruch mit dem Verein. Hannovers Hans Siemensmeyer über den Europapokal 1966

Hans Siemensmeyer, Sie standen im Februar 1966 mit Hannover 96 im Achtelfinale des Europapokals gegen den großen FC Barcelona. Das Duell wurde in drei Spielen und später per Los entschieden.

Hans Siemensmeyer: Es war natürlich sensationell, dass wir überhaupt gegen den FC Barcelona spielen konnten. Wir haben in der ersten Runde den FC Porto ausgeschaltet, das war auch kein Pappenstiel. Und dann Barcelona. Da können Sie sich vorstellen, wie wir gezittert haben.

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Trotzdem gewann Hannover 96 das Hinspiel mit 2:1. Wie war damals die Atmosphäre im Niedersachsenstadion?


Hans Siemensmeyer: Die Stimmung war sagenhaft. Ich weiß noch, dass wir ein volles Stadion hatten und die Zuschauer euphorisch bei jeder Ballberührung mitgegangen sind. Das Rückspiel in Barcelona gewannen die Katalanen 1:0. Wir haben 90 Minuten lang nur verteidigt und hatten kaum eine Torchance. Gott sei Dank haben wir kurz vor Schluss nur ein Tor kassiert.

Damals gab es weder die Auswärtstorregel, noch wurde eine Verlängerung gespielt.

Hans Siemensmeyer: Genau, es wurde auf dem Platz ausgelost, wo das Entscheidungsspiel stattfinden sollte. Das dritte Spiel war wieder bei uns im Niedersachsenstadion und endete 1:1. Damals gab es auch noch kein Elfmeterschießen, der Sieger wurde per Los in der Kabine entschieden. Nur die Präsidenten haben gelost, wir standen vor der Tür und hörten plötzlich ein Jubeln und es fielen ein paar Sätze auf Katalanisch. Da war mir klar, dass Barcelona das richtige Los gezogen hat. 

Auf so eine Art und Weise zu verlieren muss besonders bitter sein.

Hans Siemensmeyer: Sicher. Auf der anderen Seite überwiegt aber der Stolz, dass wir mit Mannschaften wie Porto oder Barcelona auf Augenhöhe waren. Wenn Hannover heute gegen Barcelona spielen würde, dann würden sie sang- und klanglos untergehen, aber wir waren damals ganz knapp davor, sie zu schlagen.

Heute ist Barca das Nonplusultra des Weltfußballs. Was hatten die Katalanen damals für einen Ruf?

Hans Siemensmeyer: Das war auf jeden Fall eine spanische Spitzenmannschaft. Und gegen die haben wir uns ganz wacker geschlagen.

Sie entwickelten sich im weiteren Verlauf Ihrer Karriere zum Schlüsselspieler für 96. Eine Entwicklung, die auch dem damaligen Bundestrainer Helmut Schön aufgefallen ist.

Hans Siemensmeyer: Im September 1967 wurde ich das erste Mal in die Nationalmannschaft berufen. Ich hätte nie gedacht, dass ich zum Einsatz komme, habe dann aber ein tolles Spiel gemacht und vor 100.000 Zuschauern in Berlin gleich doppelt getroffen.

Warum hat es dennoch nicht zu mehr gereicht?

Hans Siemensmeyer: Ich spielte im falschen Verein, 96 hatte beim Bundestrainer keine Lobby. Hätte ich in Hamburg, Köln oder in München gespielt, wäre ich auch auf meine 20, 25 Einsätze gekommen. Aber Hannover war eine graue Maus, wir kämpften fast jedes Jahr gegen den Abstieg.

Haben Sie zu dieser Zeit mit dem Gedanken gespielt den Verein zu verlassen, um in der Nationalmannschaft auf mehr Einsätze zu kommen?

Hans Siemensmeyer: Natürlich kam das auch mal auf, aber ich hatte in Hannover nach zwei, drei Jahren einen Stammplatz und mir war es wichtig zu spielen. Hätte ich den Verein gewechselt, dann wäre ein bisschen mehr Geld drin gewesen, aber ich hätte erneut um den Stammplatz kämpfen müssen. Ich bin geblieben, weil ich mich wohl gefühlt habe.


Schaut man in die Vereinschroniken von Hannover fällt immer wieder Ihr Name, ein Foto zeigt Sie bei der Vorstellung des aktuellen Trikots mit Jörg Schmadtke und Martin Kind. Wie ist die Verbindung zum Verein zurzeit?


Hans Siemensmeyer: Im Moment gibt es keine. Ich bin ein bisschen enttäuscht vom Verein. Ich hatte seit 2002 immer eine Ehrenkarte bekommen und die hat man mir dann 2009 gestrichen.

Warum?

Hans Siemensmeyer: Ich glaube aus steuerlichen Gründen. Ich hab zwar keinen Anspruch auf die Ehrenkarte, aber es tut schon weh.

Sie waren nicht nur neun Jahre Spieler, sondern später auch A-Jugend-Trainer im Verein.

Hans Siemensmeyer: Und das zu einer Zeit, als es Hannover so dreckig ging, dass sie mir während des Trainings das Flutlicht auf dem Platz ausgemacht haben, weil sie die Stromrechnung nicht bezahlen konnten. Da habe ich zum Verein gestanden und habe während der Zeit als Trainer sieben Jugend-Nationalspieler rausgebracht und acht Spieler für den Profikader. Das waren billige und hervorragende Spieler, die aus dem eigenen Nachwuchs kamen. Die konnte Hannover später für gutes Geld verkaufen.

Fehlt Ihnen eine gewisse Dankbarkeit?

Hans Siemensmeyer: Dankbarkeit ist ein bisschen zu viel, es ist aber schon so: Die verantwortlichen Leute von Hannover 96 wissen heute gar nicht, was wir früher für den Verein getan haben. Die sehen nur Bundesliga und Europapokal, alles andere wird vergessen. Ich brauche keine VIP-Karte, Essen und Trinken kann ich zu Hause. Ich möchte nur das Fußballspiel sehen, egal, wo ich sitze. Mit dieser ganzen Art und Weise hat man mir ein Stück meines roten Herzens rausgerissen. Ich war nicht nur hundert Prozent 96, ich war tausend Prozent 96.

Gucken Sie sich die Spiele von Hannover trotzdem im Fernsehen an?

Hans Siemensmeyer: Ich sehe bis heute jedes Spiel.

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