Hannover-Trainer Bergmann über Robert Enke

»Die Trauer war enorm wichtig«

Für Hannover 96 und Trainer Andreas Bergmann geht heute Nachmittag eine Hinrunde zu Ende, die kein Fan der »Roten« jemals vergessen wird. Der Coach über den Selbstmord von Torwart Robert Enke und die Trauer danach. Hannover-Trainer Bergmann über Robert Enke

Andreas Bergmann, heute geht mit dem Spiel gegen den VfL Bochum eine aufregende Hinrunde zu Ende. Freuen sie sich auf ihre erste Winterpause als Bundesligatrainer?

Erst einmal wollen wir natürlich positiv in die Winterpause gehen, das letzte Spiel des Jahres unbedingt gewinnen und einen vernünftigen Abschluss haben. Es ist viel auf uns eingestürzt, viele Dinge mussten verarbeitet werden. Es wird uns allen gut tun, etwas durchatmen zu können.  

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Ende Dezember geht die Vorbereitung wieder los. Wie wichtig sind selbst diese wenigen freien Tage, um die Ereignisse der letzten Wochen hinter sich zu lassen?

Es wird in dieser Zeit darauf ankommen, eine gesunde Distanz zu finden und dann wieder mit einer gewissen körperlichen, aber auch geistigen Frische in die Rückrunde zu starten.  

Bei einer Niederlage gegen Bochum kann diese Zeit aufregender sein, als ihnen lieb ist.

Das stimmt. Diese dauernden Momentaufnahmen gibt es aber bei allen Mannschaften in der hinteren Hälfte bis Platz zehn. Für mich als Trainer ist es wichtig, dass wir auch vor dem Hintergrund der schwierigen Situationen, die wir hatten, geschlossen gearbeitet und auch eine gute Entwicklung genommen haben. Wenn man einmal von dem kuriosen Spiel in Mönchengladbach absieht. (lacht)  

Wenn sie bis zum Rückrundenauftakt gegen Berlin möglicherweise nur einen Punkt vor dem Relegationsplatz liegen, beunruhigt sie das also nicht?

Mir geht es eher darum, die Entwicklung, die die Mannschaft genommen hat, fortzusetzen und nicht jeden Tag Wasserstandsmeldungen abzugeben.  
Die Langzeitverletzten Jan Schlaudraff, Mike Hanke und Leon Andreasen werden die Vorbereitung auf die Rückrunde komplett mitmachen können.

Das ist ganz wichtig. Durch die Rückkehr dieser Spieler haben wir wieder mehr Möglichkeiten. Gerade in meinen ersten Spielen in der Bundesliga hatten wir unglaubliche Verletzungsprobleme. Das hat es schwieriger gemacht, im taktischen und spielerischen Bereich zu steuern und zu reagieren.  

Wohl auch deshalb hat manchmal die Konstanz gefehlt.

Richtig. In erster Linie kommt mit diesen erfahrenen und guten Spielern eine hohe Qualität in die Mannschaft zurück. Da bin ich zuversichtlich, dass wir einen guten Weg gehen werden und auch stabiler spielen.  

Die beiden Leistungsträger Jan Rosenthal und Christian Schulz haben in den letzten Tagen bis 2011 unterschrieben. Ihr Vertrag läuft nach der Saison aus. Wann verlängern sie?

Es gibt einen Zeitplan: der geht bis zum Ende der Saison. Denn dann läuft mein Vertrag aus. Natürlich wird man sich irgendwann Gedanken machen müssen, wie es weiter geht. Aber das beschäftigt mich im Moment überhaupt nicht.

Hat es  denn schon erste Gespräche mit Sportdirektor Jörg Schmadtke gegeben?

Wir sind dauernd im Dialog. Beide Seiten wissen, was sie voneinander haben, wie wir arbeiten. Dementsprechend ist die mögliche Vertragsverlängerung auch kein Thema für mich, das mich andauernd berührt oder belastet. Es geht in erster Linie darum, die Entwicklung der Mannschaft fortzusetzen.  

Ihre eigene offene Zukunft scheint sie nicht zu beunruhigen. Kann sie aber auf der anderen Seite zum Problem bei der Planung für die kommende Saison werden?

Nein, an diese Sache muss man ganz professionell gehen. Da arbeite ich mit Jörg Schmadtke sehr eng zusammen. Wir sprechen viel über Dinge, die perspektivisch sind. So muss es in diesem Geschäft laufen.  

Sie haben, als sie die Mannschaft von Dieter Hecking im August übernommen haben, von einem »schwermütigen Fußball« in Hannover gesprochen. Können sie das erklären?

Es war eine unglaublich schwierige Situation, in die Dieter Hecking mit dieser Mannschaft geraten ist. Auch von außen wurde alles immer negativer betrachtet. Da kommt dann eine gewisse Schwere rein.  

Wie sind sie dem begegnet?

In den ersten Tagen war es wichtig, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Leistung wieder Spaß macht. Da habe ich mir keine großartigen Gedanken gemacht, welche Mechanismen ich ändern muss. Ein genaues Rezept gab es da nicht. Ich habe so gearbeitet, wie ich als Trainer bin. Es ist wichtig, als Trainer authentisch zu sein.  

Können sie den authentischen Trainer Andreas Bergmann beschreiben?

Dazu gehört bei mir ein intensives Training, eine hohe Einsatzbereitschaft. Ein großer Faktor dabei ist aber auch einfach die Lust und Freude an diesem Sport zu vermitteln. Ich bin ein relativ kommunikativer Trainer, spreche viel mit den Spielern und gebe Verantwortung auf dem Platz weiter. Wenn dann aber ein, zwei Ergebnisse nicht stimmen, kriegt man gleich den Kumpeltrainer um die Ohren gehauen und es wird irgendwas von Autorität gefaselt. Aber das irritiert mich nicht. Ich gehe meinen Weg und werde mich davon nicht abbringen lassen.  

Wie wichtig war es, auch nach dem tragischen Selbstmord von Robert Enke, authentisch zu sein?

Das war keine einfache Situation. Ich denke, dass wir das gut verarbeitet haben. Komplett abgeschlossen ist dieser Prozess aber noch nicht. Es geht einfach nicht, nach nur drei Wochen zu sagen: So, jetzt ist alles vorbei.

Wie wichtig war die Trauer in diesen Tagen?

Das war elementar wichtig, auch wenn wir niemandem vorschreiben konnten, wie er trauern soll. Ein richtig und ein falsch gibt es da nicht. Die Nähe, das Unerwartete und die Tragödie, die dahinter stand, hat die ganze Sache noch einmal potenziert. Das ergibt dann diese Sprachlosigkeit. Gerade in dieser Situation war die Trauer, auch und vor allem gemeinsam als Mannschaft, unheimlich wichtig.  

Hat sich die Mannschaft seit diesen Tagen verändert?

Das war ein unglaublich traumatisches Erlebnis. Aber als Mannschaft sind wir damit ganz ordentlich umgegangen, noch enger zusammengerückt – auch durch die gemeinsame Trauer. Die Mannschaft hat sich in dieser Situation sehr viel gegeben.  

Die Medien haben in einem fast schon gespenstischen Umfang versucht, das Unerklärliche zu erklären. Wie haben sie die Berichterstattung nach dem Tod von Robert Enke empfunden?

In der Zeit selbst fand ich die Berichterstattung niveauvoll und sensibel, der Situation angemessen. Ich hatte ein gutes Gefühl. Die Medien haben uns in dieser Zeit nicht mit aller Macht belästigt.    

Glauben sie, dass der Selbstmord von Robert Enke dieses hektische Geschäft dauerhaft verändern kann?

Das wird die Zeit zeigen, inwieweit da eine gewisse Sensibilität vorhanden ist. Es wurde in dieser Zeit sehr viel über Moral und Respekt gesprochen. Die Bundesliga aber auch die Medien haben sich hinterfragt: Dürfen wir in diesem Geschäft menschliche Schwächen zeigen? Ich habe aber jetzt schon wieder das Gefühl, dass all das schon wieder vergessen ist. Gewisse Dinge müssen nicht sein.  

Es geht, einfach gesagt, ums Gewinnen und Verlieren…

Das stimmt. In diesem Geschäft geht es um sehr viel Geld, Konkurrenz und Druck sind unglaublich hoch. Ein besserer Umgang untereinander ist aber trotzdem möglich. Davon bin ich überzeugt. Leistungssport und Menschlichkeit gefährden einander nicht und schließen sich auch nicht aus. Eher umgekehrt.    

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