Hannover 96-Boss Martin Kind im Interview

»Heute würde ich nicht mehr Präsident werden wollen«

Seit nunmehr 15 Jahren leitet Martin Kind die Geschicke von Hannover 96. Vor dem Europa-League-Spiel gegen Twente Enschede sprachen wir mit ihm über die Anfänge in der Dritten Liga, den Vertragspoker mit Trainer Mirko Slomka und die Gefahren des wirtschaftlichen Selbstmords.

Martin Kind, denken Sie an einem Europa League-Abend oder vor einem Spiel gegen den FC Bayern auch mal kurz an die grauen Regionalliga-Tage zu Beginn Ihrer Amtszeit als Hannover 96-Präsident zurück?
Ich bin ein Mensch, der sehr zukunftsorientiert ist. Aber ich erinnere mich sehr genau an diese dunklen Zeiten der Drittklassigkeit und kann von daher alles sehr realistisch einordnen. Ich setze mir immer Ziele. Das braucht man, um eine Linie zu finden und an ihr festhalten zu können. Das war auch bei meinem Start als 96-Präsident so. Ich habe damals klar gesagt, dass wir schnellstmöglich raus aus der 3. Liga müssen und die 2. Liga auch nur eine Durchgangsstation sein kann. Die 3. Liga ist wirtschaftlicher Selbstmord, die 2. Liga wie eine Einladung zum wirtschaftlichen Selbstmord. Die Bundesliga ist die einzig vernünftige Option.

Welche Ziele streben Sie denn nach elf Jahren ununterbrochener Bundesligazugehörigkeit an?
Die Bundesliga ist eine Drei- oder Vierklassengesellschaft – sportlich und wirtschaftlich. Es wäre schön, wenn wir uns im oberen Drittel – also zwischen Rang drei bis sechs – etablieren könnten. Wir haben uns jetzt in der zweiten Saison hintereinander für die Europa League qualifiziert, aber um wirklich von nachhaltigem Erfolg sprechen zu können, müssen wir drei bis fünf Jahre lang im oberen Tabellendrittel mitgespielt haben.

Ist die Champions-League-Teilnahme der nächste Punkt in Ihrem Masterplan?
Sollten wir uns für die Champions League qualifizieren, hätten wir sicher nichts dagegen. Für die Planung ist das frühestens in fünf Jahren ein Thema. Aber man sollte realistisch sein und auch mit Rückschlägen rechnen. Die erste Phase der Planung ist mittlerweile abgeschlossen, es wurde in meinen Augen ein gutes Fundament geschaffen. Dazu zählt sicher auch der Bau der AWD-Arena. Eine offene Flanke haben wir noch mit dem Nachwuchsleistungszentrum: Wir wollen 15 bis 20 Millionen Euro in ein neues Zentrum investieren.

2006 sprachen Sie schon einmal davon, dass der Verein auf gesunden Beinen stünde und Sie daher nicht mehr an der Spitze brauche. Aber nach Ihrem Rücktritt als Präsident geriet der Klub schnell in Turbulenzen.
Das war zu kurz gesprungen und rückblickend wenig professionell. Ich musste feststellen, dass man im Fußball einen Rücktritt anders organisieren muss, nämlich langfristiger. Aber ich habe daraus gelernt.

Bereuen Sie manchmal den Entschluss, in den Profifußball eingestiegen zu sein?
Als ich vor 15 Jahren davon überzeugt wurde, für das Präsidentenamt zu kandidieren, wusste ich nicht so genau, was da auf mich zukommt. Ich wollte beweisen, dass ich das hinbekomme. Mit dem Wissen von heute würde ich mich nicht mehr so entscheiden. Aber ich habe die Verantwortung angenommen und will die Aufgaben erfolgreich lösen. Die Belastung ist allerdings hoch. Als Präsident eines Bundesligaklubs wird man ständig zu Aktionen und Reaktionen gezwungen. Das ist extrem beanspruchend.

Ein Klub, der in der ersten oder zweiten Liga spielt, ist ein Unternehmen, betonen Sie, der erfolgreiche Unternehmer, immer wieder…
Aber die Spielregeln sind anders als in der Unternehmenswelt. Das habe ich nach meinem Amtsantritt sehr schnell feststellen müssen. Der gravierendste Unterschied ist eben, dass alles, was in einem Profifußballklub passiert, sofort in der Öffentlichkeit thematisiert wird. Sie können Strategien und anstehende Entscheidungen nicht in Ruhe intern diskutieren. Und die Dynamik, der Medienhype, nehmen immer noch mehr zu. Ich hatte anfangs wenig Ahnung vom Fußballgeschäft, haute immer wieder mal unüberlegte Kommentare raus und musste Lehrgeld bezahlen. Ich war zu ehrlich und hätte mich taktisch klüger verhalten sollen.

Sie haben sich immer wieder für die Lockerung der 50+1-Regel stark gemacht und damit für Kontroversen gesorgt, weil die Angst vor Fremdbestimmung und Heuschrecken im deutschen Fußball groß ist.
Es wurde ein Kompromiss gefunden, der sehr gesichtswahrend für alle Seiten ist. Neben den Personalentscheidungen Schmadtke und Slomka, einer guten Transferpolitik und im Ergebnis einer guten Mannschaft, war das mit ein Grund für die positive Entwicklung von Hannover 96.



Die Klubs erhielten die Möglichkeit, eng und langjährig verbundene Finanziers, Sponsoren oder Mäzenen die Kapitalmehrheit und Stimmenmehrheit an der Fußball-Kapitalgesellschaft im Verein zu übertragen.
Jeder Verein kann jetzt seinen Weg gehen, den er für richtig hält. Das ist gut so, auch wenn Uli Hoeneß meinte, das wir das alles nicht bräucthen. Aber bei den Voraussetzungen wie beim FC Bayern lässt sich das auch leicht sagen. Dass wir uns richtig verstehen: Ich bin absolut nicht neidisch und gratuliere zu den Erfolgszahlen, die kürzlich bei der Jahreshauptversammlung des FC Bayern München präsentiert wurden. Das ist das Ergebnis jahrzehntelanger erfolgreicher Arbeit, sportlich und wirtschaftlich.

Was kann ein Verein wie Hannover 96 vom Branchenprimus aus München lernen?
Da gibt es vieles. Das Scouting, das Nachwuchsleistungszentrum, aber auch das ganze Vertragsmanagement sind einfach von einer unwahrscheinlichen Professionalität geprägt. Das zieht sich auch durch das Marketing und Merchandising, die Fanbetreuung, bis hin zum Finanz- und Rechnungswesen. Der FC Bayern München ist die einzige wirklich internationale Marke, die der deutsche Fußball zu bieten hat.

Sie haben kürzlich in einem Fernsehinterview gesagt, wenn der FC Bayern München Hannover 96-Trainer Mirko Slomka wirklich ein Angebot unterbreiten sollte, dann würden Sie ihm empfehlen, es anzunehmen.
Darüber brauchen wir nicht zu diskutieren: sollte der FC Bayern München tatsächlich Mirko Slomka haben wollen, dann haben wir keine Chance ihn zu halten. So habe ich das gemeint. Es ist im deutschen Fußball allein schon der Ritterschlag für einen Trainer, wenn sich der FC Bayern München mit ihm auseinandersetzt.

Hätten Sie auch Verständnis dafür, wenn sich Mirko Slomka für einen Wechsel zum Ligakonkurrenten VfL Wolfsburg entscheiden würde?
(lacht) Nein, das könnte ich nicht so ohne weiteres akzeptieren.

Auch weil Ihnen der Werksklub wegen seiner ganz anderen Möglichkeiten und der ungleichen Voraussetzungen schon lange ein Dorn im Auge ist?
Ich habe nichts gegen den VfL Wolfsburg und seine Bestrebungen. Ich kenne den VW-Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn gut und habe vollstes Verständnis für Volkswagen. VW ist ein Weltkonzern und darf deshalb nicht im Fußball um den Abstieg kämpfen, sondern sollte europäisch spielen.

Lässt der sich hinziehende Vertragspoker mit Mirko Slomka, der im Dezember endlich ein Ende finden soll, mit Verhandlungen über Verträge von Führungskräften in Ihrer Firma vergleichen?
Nein, in meinem Unternehmen würde ich das nicht akzeptieren. Ich würde sagen, entweder du willst bei mir arbeiten oder nicht. Aber im Fußball läuft das anders. Dennoch kann ich die Aufregung nicht ganz verstehen. Mirko Slomka hat einen Vertrag bis zum 30. Juni 2013. Und ich bin sehr zuversichtlich, dass er bei uns bleiben wird. Es ist legitim, wenn Mirko Slomka den Markt sondiert und seine persönliche Situation analysiert. Und wenn er sagt, er brauche Zeit, dann soll er die auch bekommen. Aber natürlich wäre mir ein kurzfristiger Vertragsabschluss lieber gewesen. Solange wir keine Unterschrift haben, bieten wir eine Plattform für Spekulationen.

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