Hanno Balitsch im Interview

»Herr Merk, Sie sind schlecht!«

Seit dieser Saison spielt Hanno Balitsch wieder bei Bayer 04 Leverkusen. Wir sprachen mit dem gebürtigen Hessen über kommunikative Schiedsrichter, Leistungsdruck im Fußball und seinen Wechsel zur Werkself. Hanno Balitsch im InterviewImago

Hanno Balitsch, es gibt ein Lied über Sie. Wussten Sie das?

Ja, das ist mir bekannt.

Wie finden Sie das Lied?

Sehr originell. Wieso?

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In dem Stück heißt es: »Ein absoluter Führungsspieler vor dem Herrn, einen solchen Spieler hat nicht jeder Trainer gern.« Haben es die Übungsleiter schwer mit Ihnen?


Ich würde das immer verneinen, weil ich ein Spieler bin, der immer das Maximum aus sich und der Mannschaft holen möchte. Dazu gehört auch, dass man intern kritische Worte findet. Da kann der eine besser mit umgehen als der andere. Ich denke so erklärt sich diese Textzeile.

Sind Sie eigentlich deshalb nach Leverkusen zurück gekehrt, weil Jupp Heynkes Sie als »Wunschspieler« bezeichnet hat?

Das war sicherlich ein Grund für den Wechsel. Generell muss man sagen, dass ein solches Angebot für einen Spieler wie mich, dessen Vertrag bei Hannover 96 auslief, auch nicht selbstverständlich ist. Als Jupp Heynkes mir dann noch sagte, dass er mich gerne haben möchte, musste ich nicht lange überlegen.

Die Konkurrenz ist auf Ihrer Position sehr groß. Warum setzten Sie sich einer solchen Situation aus?

Ich brauche die sportliche Herausforderung. In den Jahren zuvor habe ich immer wieder mein Ziel formuliert, international spielen zu wollen. Ich wollte mich auch selbst austesten. Kann ich mit 29 noch einen weiteren Schritt machen? In Hannover wäre das nicht gegangen. Wenn man dann zu einem Verein wechselt, der international spielt und der diese Ansprüche hat, ist es ganz normal, dass es auf jeder Position einen Konkurrenzkampf gibt. Natürlich hat sich durch die Verpflichtung von Michael Ballack etwas verändert. Jetzt ist die Herausforderung eben noch größer.

Warum konnten Sie sich keine weitere Zukunft in Hannover vorstellen?

Ich war fünf Jahre bei Hannover 96, so lange, wie noch bei keinem anderen Verein. Ich habe einfach gemerkt, dass ich einen neuen Anstoß brauche.

Sie waren ein Freund von Robert Enke. Glauben Sie, dass sich durch seinen Tod etwas im Fußball verändert hat?


Nein.

Warum nicht?

Weil der Fußball weiterhin die Leistungsgesellschaft geblieben ist und logischerweise auch bleiben wird. Das muss man nicht nur auf den Fußball beziehen, sondern kann das auf verschiedenen Ebenen betrachten. Überall, wo der Leistungsgedanke vorherrscht, wird es solche Probleme geben.

Frustriert Sie das?

Ich habe mir schon erhofft, dass eine Veränderung stattfindet. Nach der Tragödie sind viele kluge Worte gefallen. Dass Fußball nicht alles sein darf und er nicht zu sehr im Mittelpunkt stehen sollte. Ein paar Wochen später war das nächste Thema in Form des Wettskandals da. Die Tragödie wurde vergessen. Es ist nicht frustrierend. Aber enttäuschend.

Hat sich in Ihrem persönlichen Verständnis vom Fußball etwas geändert?

Ja, es gibt wichtigere Dinge in meinem Leben als Fußball.


Sie engagieren sich neben dem Fußball in verschiedenen Funktionen bei »Amnesty International« oder »Balance Hessen« für Toleranz und Menschenrechte. Würden Sie sich auch für eine Partei engagieren?

Nein. Ich habe zu wenig politische Kenntnis, um mich hundertprozentig hinter eine Partei zu stellen. Aber natürlich bin ich zur Wahl gegangen, habe mein Kreuz gemacht und mich informiert.

Sie haben zum Boulevard, speziell zur »Bild« aus Hannover ein sehr gespanntes Verhältnis. Warum?


Das hat mit den dort handelnden Personen zu tun.

Was ist passiert?

Man hat mir Sachen in den Mund gelegt, die ich nicht gesagt habe. Es wurden Zitate abgekürzt und umgestellt. Als ich dann eine Aussprache gesucht habe, wurde mir gesagt, dass das Geschäft so läuft und es völlig legitim wäre, einen Satz zu verdrehen. Ab da war für mich klar, dass ich diesen Leuten nichts sagen kann. Also habe ich mit diesen Menschen gar nicht mehr geredet.

Sie unterhalten sich auf dem Platz
sehr gerne mit dem Schiedsrichter. Bringen solche Diskussionen etwas?

In der konkreten Situation meistens nicht. Ein Schiedsrichter ist aber ein Mensch, den man auf gewisse Dinge hinweisen kann. Ich glaube das Kommunikation mit dem Schiedsrichter, wenn sie denn im richtigen Tonfall läuft, durchaus wichtig und richtig ist.

Gibt es bei den Unparteiischen denn Unterschiede?

Natürlich. Manche sind sehr kommunikativ andere eher herrisch oder bestimmt. Mit letzteren komme ich meistens nicht so gut aus.

Markus Merk galt als gesprächsbereit.

Er war einer der Schiedsrichter, mit denen ich gut klar gekommen bin. Er hat eine gewisse Lockerheit und Souveränität. Ich habe einmal zu ihm gesagt: »Herr Merk, Sie sind so schlecht!« Er hat nur geantwortet: »Herr Balitsch, ich passe mich nur Ihrer Leistung an«. Wir haben dann beide gelacht. Es gibt Schiedsrichter, die in solchen Situationen rot sehen würden.

In Ihrer Jugend waren Sie hessischer Meister im Hochsprung. Sie gaben also alles für den Sport.

Das hing mir meiner schulischen Situation zusammen. Ich war auf einem Gymnasium, in dem der sportliche Zweig sehr ausgeprägt war. Leichtathletik habe ich bis zum Abitur gemacht. Für den Fußball habe ich aber immer den größten Aufwand betrieben.

Geht bei einer solchen Leistungsbereitschaft in anderen Bereichen etwas verloren?

Bestimmt. Es gab Jugendliche, die ihre Schwerpunkte anders gelegt haben. Für mich war das nicht so. Es stand immer der Sport im Mittelpunkt. Damit bin ich auch gut gefahren. Vielleicht wäre mein Abi-Schnitt um 0,1 Punkt besser gewesen, wenn das nicht so gewesen wäre.

Ist mit Ihrem Wechsel zu Bayer 04 der Traum von einem Einsatz in der Premier League geplatzt?

Er ist unwahrscheinlicher geworden. Je älter man als deutscher Spieler wird, desto schwieriger wird es im Ausland zu spielen. Obwohl Thomas Hitzelsberger ja aktuell das Gegenteil beweist. Ganz abschreiben würde ich meinen Traum aber nicht. Manchmal geht es sehr schnell im Fußball.

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