Halil Altintop über Augsburg, Helden und André Hahn

»In Zukunft wieder gegen den Abstieg«

Im Sommer wechselte Halil Altintop aus der Türkei zum FC Augsburg und stellte sich auf den Abstiegskampf ein. Derzeit erlebt er allerdings mit dem FCA ein kleines Fußballmärchen und steht auf Platz neun. Wir sprachen mit ihm über die Gründe für den Augsburger Aufschwung, den Überflieger André Hahn und die stillen Helden des Klubs.

Halil Altintop, mit welchen Ambitionen sind Sie im Sommer 2013 nach Augsburg gewechselt?
In den Gesprächen mit Stefan Reuter wurde sofort klar, dass das Ziel des Vereins ist, so schnell wie möglich den Klassenerhalt zu sichern. In Augsburg setzt man sich realistische Ziele und bleibt jederzeit auf dem Teppich. Das habe ich vom ersten Tag an gemerkt. Ich habe einfach das Gefühl, dass ich hier sehr gut reinpasse. Ich bin fit und möchte noch ein paar Jahre auf diesem Niveau spielen. 


Man mag meinen, dass einen erfahrenen Spieler die Aussicht auf den Abstiegskampf nicht sonderlich reizt. Warum haben Sie trotzdem in Augsburg unterschrieben?
Ich bin nicht nur in die Bundesliga zurückgekehrt, um zu zeigen, dass ich auf diesem Niveau mithalten kann. Ich hatte auch das Gefühl, dass ich mit meinen Qualitäten der Mannschaft weiterhelfen und in gewissen Situationen den Unterschied ausmachen kann. Die Verantwortlichen haben mir das Vertrauen geschenkt und mir gesagt, dass sie mich in der Zentrale sehen. Auf dieser Position sehe ich mich auch am stärksten. Diese Klarheit hat mir imponiert. 

Was haben Sie erwartet?

Einen Klub mit familiärem Umfeld, eine Mannschaft, die gemeinsam an einem Strang zieht und bei der keiner aus der Reihe tanzt. Mitspieler, die ihre persönlichen Befindlichkeiten hinten anstellen und das Kollektiv an erster Stelle stellen. Eine realistische Einschätzung der eigenen Situation: Wir sind ein Klub, der immer gegen den Abstieg kämpfen muss. Und ich wurde nicht enttäuscht.


Momentan steht der FC Augsburg auf Rang neun der Tabelle und damit weit über dem Soll. Können Sie den Erfolg erklären?
Wir haben das Glück, dass wir bisher ohne schwere Verletzungen oder längere Ausfälle der Leistungsträger durch die Saison gekommen sind. So etwas hilft, um den Schwung, der eine Mannschaft beflügeln kann, von Woche zu Woche mitzunehmen. Wir schaffen es, an nahezu jedem Spieltag die maximale Leistungsfähigkeit abzurufen und werden dafür bisher belohnt.


Sie kamen von Trabzonspor. Wie groß ist der Unterschied zwischen dem Fußballzirkus in der Türkei und den Zuständen in Augsburg?

Der war natürlich gewaltig. Trabzonspor gehört zu den vier großen Vereinen in der Türkei. Dementsprechend wird er auch medial behandelt. Auch die Fans haben enorme Erwartungen, da ist man als Spieler natürlich etwas mehr unter Zugzwang. In der Türkei erlebt man die Liebe der Fans wesentlich intensiver. Es war fast nicht möglich ein normales Privatleben zu führen. 



Wie sehr belastet es einen als Profi, wenn man nicht mal in Ruhe einkaufen gehen kann?
Jeder Mensch wünscht sich, dass er sich in seinem Leben jederzeit frei bewegen kann. Das war in der Türkei nicht immer der Fall. In Augsburg hat man mehr Freiheiten. Dafür bin ich sehr dankbar. 


Vor allem der Teamgeist des FC Augsburg wird hochgelobt. Wie schafft man eigentlich einen Spirit in der Mannschaft?
Da muss man den Verantwortlichen ein großes Lob aussprechen. Sie haben ein sehr gutes Gespür dafür, welche Spieler in dieses Gefüge passen. Dazu gehört auch Mut. Das beste Beispiel dafür, dass dieser Mut belohnt werden kann, haben wir in unserer Mannschaft: Es ist André Hahn, der beweist, was innerhalb eines Jahres im Fußball möglich ist.

Hahn kam aus der Dritten Liga nach Augsburg und wurde jüngst in die Nationalmannschaft berufen. War seine Leistungsexplosion abzusehen?

Sein unglaublicher Wille ist jedem sofort aufgefallen. Es ist einfach phänomenal, wie er sich in dieser kurzen Zeit entwickelt hat. Er weiß aber auch, dass seine Leistung ohne eine intakte Mannschaft kaum möglich gewesen wäre. 


Auch Sie spielten 2005/06 in Diensten des 1. FC Kaiserslautern eine überragende Saison, erzielten 20 Tore und wurden überall in Europa gehandelt. Im Verlauf Ihrer Karriere wurden Sie dann immer wieder an dieser Leistung gemessen. Haben diese Vorschusslorbeeren Sie eigentlich belastet?

Belastet ist das falsche Wort. Ich fand es unfair, weil meine Leistung etwas falsch eingeordnet wurde. Wir sind damals mit dem FCK abgestiegen, mit meiner Trefferquote stach ich natürlich aus der Mannschaft heraus. Ich war aber dann auch auf Schalke in den drei Jahren Leistungsträger und Stammspieler. Allerdings habe ich eine ganz andere Rolle gespielt als in Kaiserslautern oder jetzt beim FCA.

Droht André Hahn nun ein ähnliches Szenario?
Es gibt einen gravierenden Unterschied: In diesem Jahr werden wir hoffentlich den Abstieg vermeiden (lacht). André ist ein bodenständiger Junge, der genau weiß, was er kann und was er noch verbessern muss. Mir macht es einfach Spaß, seine Entwicklung zu beobachten. 



Können Sie ihm auch ein paar Tipps geben?
Ich glaube nicht, dass er die nötig hat. Als ich zum FC Augsburg kam, haben André und ich uns schnell besser kennengelernt. Ich habe zu ihm in der Vorbereitung gesagt, dass es im Fußball manchmal sehr schnell gehen kann, und dass ich ihm durchaus zutraue, mehr als zehn Tore pro Saison zu schießen. Da hat er noch geschmunzelt. 



Und heute hält er Sie für einen Hellseher.
Wir haben vor kurzem noch darüber gescherzt. Er meinte, dass er mir damals tatsächlich nicht geglaubt hat, dass das möglich ist. Ein paar Tage später hat ihn Hansi Flick angerufen.



Wie hat die Mannschaft seine Nationalelfnominierung aufgenommen?

Der Trainer hat uns nach dem Abschlusstraining am vergangenen Freitag mitgeteilt, dass André Hahn zum Länderspiel fährt. Uns tut es gut zu erkennen, was man als Mannschaft bewegen kann. Wir präsentieren uns als Kollektiv derzeit so stark, da ist es eine Belohnung für alle, wenn einer von uns so einen Riesensprung schafft. Die ehrliche Freude für André war für die ganze Mannschaft ein unbeschreibliches Gefühl.


André Hahn, Tobias Werner und Sie stehen als Symbole für die bisher überragende Saison des FC Augsburg. Gibt es eigentlich auch stille Helden hinter diesem Märchen?

Für mich ist jeder Mitarbeiter des Klubs ein Held. Wenn man betrachtet, mit welchen Mitteln der FC Augsburg in der Bundesliga spielt, dann kann man nur den Hut ziehen. Vom Masseur bis zu den Jugendspielern hängen sich hier alle tagtäglich für den Erfolg des Vereins rein. Erst dieses Gesamtgefüge macht den FC Augsburg in seiner momentanen Verfassung möglich.

Vor dem FC Augsburg liegt nun ein undankbares Programm. In den kommenden Wochen spielt der Klub gegen Gladbach, Schalke, Bayern, Leverkusen, Wolfsburg und Mainz. Zeigt sich jetzt, wo der FC Augsburg wirklich steht?

In der Hinrunde haben wir uns gegen diese Spitzenmannschaften sehr schwer getan. Jetzt bricht für uns eine Phase an, in der wir zeigen können, wie weit unsere Entwicklung fortgeschritten ist. Wir gehen in jedes Spiel mit der gleichen Ausrichtung: Wir wollen die vermeintlichen Topklubs ärgern. 



Wohin kann der Aufschwung des FC Augsburg überhaupt noch führen?
Ich hoffe, dass wir auch weiterhin von Verletzungen verschont bleiben, denn schwerwiegende Ausfälle sind für uns kaum zu kompensieren. Wir müssen realistisch bleiben und dürfen uns nicht vom momentanen Erfolg blenden lassen. Wir sind eine Mannschaft, die in Zukunft wahrscheinlich wieder gegen den Abstieg spielen muss. Wir können hier nicht die Riesensprünge machen, wenn uns zwei, drei Leistungsträger verlassen sollten. Das darf hier keiner vergessen, sonst wird es eng.

Halil Altintop, Sie sind 31 Jahre alt und biegen auf die Zielgerade Ihrer Karriere ein. Wo soll Ihre Zukunft liegen?

So blöd es klingt, aber der Fußball ist ein Tagesgeschäft, der langfristige Planungen unmöglich macht. Wir können heute auch noch nicht mit Bestimmtheit sagen, dass der FC Augsburg in dieser Saison nichts mit dem Abstieg zu tun hat. Theoretisch ist alles möglich.


Viele Profis wechseln zum Karriereausklang in die USA. Wäre das eine Option für Sie?

Ich bin momentan einfach glücklich, mit dem FC Augsburg in der Bundesliga zu spielen. Ich fühle mich sehr gut und bin sicher, dass ich noch ein paar Jahre auf diesem Niveau spielen kann. Deswegen kann ich mit Gewissheit sagen: Für ein Abenteuer in den USA ist es sicherlich noch etwas zu früh. Aber im Laufe meiner Karriere habe ich auch gelernt, dass man niemals etwas ausschließen sollte.

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