24.03.2013

Haben Sie Ihr Talent verschleudert, Kai Michalke?

»Bei Widerständen habe ich nicht funktioniert«

Kai Michalke war vor 20 Jahren das, was Leon Goretzka heute für den VfL Bochum ist: Ein Toptalent, dem man alles zutraut. Doch während für Goretzka tatsächlich noch alles möglich ist, war für Michalke eine beachtliche Bundesligakarriere mit einigen Ausflügen nach Europa das höchste der Gefühle. Wir sprachen mit dem heutigen Spielerberater über die Last, ein Goldjunge zu sein.

Interview: Kai Griepenkerl Bild: Imago

Kai Michalke, wie wurden Sie zum Riesentalent?
In meinem letzten A-Jugendjahr durfte ich bei den Profis mittrainieren und habe das Glück gehabt, unter Jürgen Gelsdorf relativ schnell zu Einsätzen zu kommen. Damals war es eine Seltenheit, so jung bei den Profis zu landen. Heute ist es normal.

War Ihre Karriere ein Versprechen, das nicht ganz eingelöst worden ist?
Es war in der Tat so, dass ein großer Druck auf mir gelastet hat, weil ich gar nicht mehr objektiv bewertet wurde. Ich habe außergewöhnliche Spiele gemacht, aber diese Leistung konnte ich nicht permanent abrufen. Früher war ich mehr auf mich allein gestellt als die jungen Spieler heute. Das sieht man ja schon an den Trainerstäben: Damals gab es einen Co-Trainer, heute ist der Trainerstab teilweise größer als die Mannschaft.

Warum sind Sie nicht der Star geworden, zu dem Sie in jungen Jahren gemacht worden sind?
Ich habe meine Karriere ganz gut aufgearbeitet. Es hat mir nie am Ehrgeiz oder Fleiß gemangelt. Ich war nicht schlampig. Aber mir hat eines gefehlt: die Konstanz. Ich habe überall sehr, sehr starke Momente gehabt und teilweise herausragende Leistungen gebracht. Aber meine Karriere verlief zu wellenförmig. Daran erkennt man die Klasse der absoluten Topspieler. Die haben auch schwache Phasen. Aber selbst dann spielen sie noch über dem Schnitt.

Wie erklären Sie sich diese fehlende Konstanz?
Wenn ich mich nicht wohlgefühlt habe und wenn Widerstände auftraten, habe ich noch nicht mal durchschnittlich gespielt. Da habe ich einfach nicht funktioniert. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, vielleicht zu viele.

Waren Sie ein sehr sensibler Spieler?
Ich hatte es immer gerne, wenn es harmonisch war. Und ja, ich bin vielleicht mit dem Umgang miteinander nicht so klargekommen, wie es im harten Fußballgeschäft vonnöten ist. Dabei wäre das Talent da gewesen, um A-Nationalspieler zu werden. Ich habe von der U15 bis zur U21 alle Auswahlmannschaften durchlaufen, zudem die A2-Nationalmannschaft. Aber dieses verfluchte A-Länderspiel hat nicht sollen sein. Vielleicht wäre es auch besser gewesen, noch nicht bei der U15 ins Blickfeld zu rücken.

Wie meinen Sie das?
Es kann hilfreich sein, erst später in den Fokus der Nationalmannschaft zu rücken, weil das auch einen gewissen Schutz bietet. Bei mir hingegen war es schon relativ früh so, dass alle an mir gezerrt haben: Profis, A-Jugend, Nationalmannschaft, Westfalenauswahl, Kreisauswahl und sogar die Schulauswahl. Heute geht es mehr Hand in Hand.

Hat es das neue Bochumer Toptalent Leon Goretzka heute einfacher als Sie damals?
Einfacher will ich nicht sagen. Ich glaube sogar, dass es schwieriger geworden ist, sich von der Masse abzusetzen. Ich habe als A-Jugendlicher vier Mal pro Woche trainiert. Heute reicht das nicht mehr. Dementsprechend schwer ist das Gesamtpaket zu bewältigen.

Wer hat Ihnen geholfen, Ihr »Gesamtpaket« zu bewältigen?
Gemeinsam mit meinen Eltern war Ata Lameck mein größter Förderer. Er hat mich in der A-Jugend des VfL Bochum trainiert. Aber schon bevor er mein Trainer wurde, hat er mein Talent erkannt und war ständig dabei: bei den U15-Länderspielen und bei den U16-Länderspielen. Zu ihm habe ich eine sehr, sehr enge Verbindung.

Wie kam diese Verbindung zustande?
Er ist ein positiv Verrückter. Der Fußball und gerade der VfL Bochum sind seine Leidenschaft. Wenn Ata etwas in jemandem erkannt hat, hat er sich extrem um denjenigen gekümmert. Als junger Fußballer braucht man diese Unterstützung. Es gibt mittlerweile so viele gute Talente in Deutschland. Aber ohne das Quäntchen Glück und die Unterstützung des Umfeldes haben sie es ganz schwer.

Inwiefern hat sich der Bochumer Rekord-Bundesligaspieler denn um Sie bemüht?
Er hat mich immer wieder daran erinnert, was für Möglichkeiten ich habe. Und innerhalb des Vereins war er jemand, der sagte: »Passt früh genug auf. Den wollen alle haben.« Dabei kam ein Wechsel für mich gar nicht infrage. Mit 15, 16, 17 Jahren hätte ich überall hin wechseln können. Aber wenn man in der Stadt, in der man geboren ist, einen Bundesligaverein hat, warum soll man dann wechseln?

War Lameck Ihr erster Spielerberater, ohne dass Sie beide es wussten?
Ata hat mir und meiner Familie zumindest viele Ratschläge gegeben. Er hat natürlich vieles durch die blau-weiße Brille gesehen, das ist auch sein gutes Recht. Meinen ersten Vertrag in Bochum habe ich aber mit meinem Vater gemacht. Erst als ich Profi geworden bin, sind die ersten Spielerberater auf mich zugekommen.

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