Guy Demel über Heimat

»Es tut gut, zurückzukehren«

Guy Demel hat als Fußballer Europa bereist. Bei der Elfenbeinküste spielt der Afrikaner für das Land seiner Eltern. Wir sprachen mit Hamburgs Verteidiger über seine Großmutter, Freundschaft im Fußball und Gefühl für Musik. Guy Demel über Heimat

Guy Demel, Sie sind in Frankreich geboren, aber Sie spielen für die Elfenbeinküste. Wann haben Sie sich dazu entschieden?

Ausschlaggebend war ein Versprechen, das ich meiner Großmutter als kleines Kind gegeben hatte. Ich hatte ihr gesagt, falls ich es schaffen sollte, Profifußballer zu werden, würde ich für die Elfenbeinküste spielen. Zu der Zeit glaubte ich noch nicht daran, dass es wirklich so weit kommen würde. Das war mehr so dahin gesagt. Aber ich habe Wort gehalten.

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Welchen Bezug hatten Sie als Kind zum Heimatland ihrer Eltern?

Meine Mutter war schon in jungen Jahren mit meinem biologischen Vater, den ich nicht kenne, aus Afrika nach Frankreich gekommen. Als ich zwei Jahre alt war, sind wir mit meinem Ziehvater nach Marseille gezogen. Da meine Mutter viel arbeiten musste, bin ich ab meinem dritten Lebensjahr regelmäßig zu meiner Großmutter an die Elfenbeinküste gebracht worden. Ein Jahr lang hat sich meine Großmutter um mich gekümmert. Einige Male habe ich so als Kind Zeit ohne meine Eltern in Afrika verbracht.

Welche Erinnerungen habe Sie aus dieser Zeit mitgenommen?

Die ersten klaren Erinnerungen habe ich an einen Urlaub, den ich mit elf Jahren an der Elfenbeinküste nach der Hochzeit meiner Eltern verbracht habe. Damals bin ich zum ersten Mal richtig mit der Kultur im Land in Kontakt gekommen.

Aufgewachsen sind Sie jedoch in Marseille, wo Sie als Kind schon früh mit Kriminalität konfrontiert wurden.

In Marseille habe ich mit meiner Familie in verschiedenen Vierteln gewohnt. Als wir dort hinkamen, sind wir in einen Randbezirk im Norden der Stadt gezogen. Das Viertel gehörte zu den Teilen von Marseille, die von Touristen eher gemieden wurden. Dort spielte sich das Leben auf der Straße ab. Sicherlich hat man da auch mal gesehen, wie Leute beklaut wurden oder Dinge kaputt geschlagen wurden. Später sind wir in den Süden von Marseille gezogen. Aber auch dort war die Kriminalität relativ hoch.

Waren Sie selbst davon betroffen?

Ich selber nicht. Ich kenne Freunde, die Fehler gemacht haben. Aber wenn man in einem solchen Umfeld aufwächst, häufig ohne klare Perspektive und Arbeit, ist es schwer, einen geraden Weg zu gehen. Einige meiner Freunde haben auch mal im Gefängnis gesessen. So etwas vergisst man so schnell nicht. Aber es erinnert auch daran, unter welchen Umständen man aufgewachsen ist.

Kehren Sie deshalb immer wieder in diese Viertel zurück?

Meine Mutter wohnt immer noch in der Nähe von Marseille. Die Verbindung zum Ort meiner Jugend habe ich nie aufgegeben. Ich habe noch viele Freunde dort, mit denen ich aufgewachsen bin. Mit einigen von ihnen habe ich früher in der Jugend und im Ausbildungszentrum bei Olympique Marseille gekickt. Meine besten Freunde habe ich immer noch in Frankreich. Deswegen tut es mir jedes Mal gut, nach Marseille zurückzukehren.



Ist das auch eine Flucht aus Deutschland?

Ich fühle mich in Hamburg sehr wohl. Hier lebe ich mit meiner Frau und meinen Kindern. Und es tut gut, zu merken, dass man von den Hamburger Fans akzeptiert wird. Das ist nicht immer leicht. Für mich ist es ein schöner Ausgleich, wenn ich in mein Geburtsland zurückkehre, um Familie und Freunde dort zu treffen.

Was machen ihre Freunde heutzutage?

Einige meiner Freunde produzieren Musik. Das ist auch eine Leidenschaft, die uns verbindet. Wir können stundenlang darüber reden und zuhören.

Als Ausgleich zum Alltag im Fußball?

Für mich ist Musik im Leben sehr wichtig. Egal in welcher Situation und in welcher Stimmung. Musik kann mir gute Laune bringen, aber auch meine Ängste und Zweifel zum Ausdruck bringen. Musik kann viel transportieren und Menschen zusammen bringen. Für mich ist das ein echtes Bedürfnis. Obwohl ich kein so großes Talent wie im Fußball habe. Bei der Musik bin ich der Fan.

Spielen Sie ein Instrument?

Ich habe ein Klavier daheim. Auf dem spielt aber eher meine Tochter. Ich würde gerne ein Instrument richtig gut spielen können. Dafür fehlt neben dem Fußball leider die Zeit. Stattdessen gehe ich mit meiner Frau häufig zu Konzerten oder höre daheim Musik.

War für Sie immer klar, dass Sie eines Tages Fußballer werden würden?

Ich habe angefangen Fußball zu spielen, weil das alle in meinem Umfeld gemacht haben. Die Jungs in der Nachbarschaft, die Freunde in der Schule. Wie für viele Kinder war das meine Freizeitbeschäftigung. Für Fußball konnte ich mich immer begeistern. Erst als ich ins Ausbildungszentrum von Olympique Marseille gekommen bin, habe ich die Sache etwas ernster genommen. Mit ist klar geworden, dass ich mit Hilfe des Fußballs etwas aus mir machen kann. Trotzdem habe ich die ersten Angebote der ersten Mannschaft von Marseille abgelehnt. Mir war wichtiger, mit meinen Freunden zusammen bei Amateurmannschaften zu spielen. Mit meinen Freunden war ich vormittags in der Schule und am Nachmittag auf dem Platz. Schule war für meine Mutter immer wichtiger als mein Erfolg im Fußball. Erst sehr spät, mit fünfzehn Jahren, habe ich mich für eine mögliche Karriere im Fußball entschieden.

Sie haben Angebote von Profimannschaften ausgeschlagen?

Mir war immer der Spaß am Fußball wichtig. Im Ausbildungszentrum habe ich gelernt, dass Fußball nicht immer Spaß sein kann. Mehrmals am Tag hartes Training, ständig unterwegs zu irgendwelchen Spielen. Ich bin froh, den richtigen Moment für den Fußball abgewartet zu haben.



Als junger Spieler mit 19 Jahren haben Sie Frankreich verlassen, um bei Arsenal London zu spielen. Auf einmal waren Sie im ganz großen Fußballgeschäft angekommen.

Ich bin als Reservespieler von Nimes nach London gekommen. Nicht viele Spieler in meinem Alter hatten eine solche Möglichkeit. Nach drei Jahren französische Liga wollte ich mir eine solche Chance nicht entgehen lassen.

Dafür mussten Sie ihr Umfeld und die Nähe zur Familie aufgeben.


Die erste Zeit war tatsächlich sehr schwer für mich. Zu der Zeit war ich schon mit meiner heutigen Frau zusammen. Ich hatte also eigene Familie in Frankreich. Dazu kam das Problem einer fremden Sprache. Ich hatte auch viele Angebote von französischen Vereinen, bei denen ich nicht so weit weg von meiner Heimat hätte ziehen müssen. Letztendlich hat mich die Herausforderung aber auch gereizt. Arsène Wenger war Trainer in London. Und ich hatte die Aussicht, als junger Spieler unter vielen erfahrenen Spielern etwas zu lernen. Zu der Zeit spielte noch eine andere Generation bei Arsenal. Große Namen wie Seaman, Gerrard, Henry oder Wiltord erwarteten mich im Verein. Damit musste ich erstmal klarkommen. Aber das war Teil meiner Entwicklung und ich bereue auf keinen Fall, nach London gegangen zu sein.

Wie viel Unterstützung haben Sie von ihren Mannschaftskollegen in London bekommen?

Sie haben mir geholfen, mich in die Mannschaft und in das neue Land zu integrieren. Und sie haben mich gelehrt, wie wichtig es ist, die Landessprache zu lernen. Ich hatte Englisch in der Schule. Allerdings hat mich meine Schulzeit in Frankreich leider nicht darauf vorbereitet, wirklich in dieser Fremdsprache zu kommunizieren. Auch meine Frau hat sich lange schwer getan. Daher war für mich klar, als ich in die Bundesliga gekommen bin, dass ich als allererstes Deutsch lernen will. Bei meinen Vereinen in der Bundesliga habe ich dann auch gemerkt, wie viel das hilft. Und meine Mitspieler haben mich darin sehr unterstützt.

Haben Sie auch Freunde in der Mannschaft gefunden?

Für mich ist es keine Selbstverständlichkeit, Freundschaften im Verein aufzubauen. Spieler kommen und gehen. Häufig steht man in Konkurrenz zueinander um die gleiche Position. Das ist nicht einfach. Mit einigen Spielern ist es mir dennoch geglückt, mich über den Fußball hinaus zu verstehen. Ich bin beispielsweise immer noch in engem Kontakt mit Benny Lauth. Auch mit Kollegen aus der Jugendmannschaften in Frankreich stehe ich noch in enger Verbindung. Mit ihnen hatte ich eine gute Zeit unter dem damaligen Trainer Raymond Domenech.

Einige dieser Spieler stehen heute in der französischen Nationalmannschaft. Haben Sie das Versprechen ihrer Großmutter gegenüber nie bereut?

Vielleicht wäre es ruhmreicher gewesen, für die Équipe Tricolore aufzulaufen. Meine Generation von Spielern bei der Elfenbeinküste hat aber verstanden, dass sich im Fußball dort etwas entwickelt. Die Elfenbeinküste hatte sich vorher nie für eine Weltmeisterschaft qualifiziert. Mittlerweile waren wir zweimal dabei und sind eines der bekanntesten afrikanischen Fußballländer. Ich hatte das Gefühl, für das Land meiner Eltern etwas tun zu können. Die Elfenbeinküste hat trotz des sportlichen Erfolgs viele schwere Zeiten durchgemacht. Seit dem Bürgerkrieg 2002 ist das Land immer wieder von Gewalt erschüttert worden. Mit Fußball etwas dagegen tun zu können, hat mein Versprechen bestätigt.



Als Kind können Sie diese Probleme aber noch nicht wahrgenommen haben.

Das sind Dinge, die mir erst klar geworden sind, als ich mit der Nationalmannschaft bei Heimspielen durch das Land gefahren bin. Je häufiger ich dort gewesen bin, desto mehr habe ich über das Land erfahren, das ich als Kind nur aus dem Urlaub oder von Besuchen bei der Großmutter kannte. Aber mit dem Alter sieht man die Dinge anders. Natürlich kenne ich nicht das ganze Land. Aber ich beginne zu verstehen, was dort rund um den Fußball passiert.

Haben Sie sich und das Land mit dem Abschneiden bei der WM enttäuscht?

Von der sportlichen Leistung waren wir natürlich enttäuscht. Man geht nie in ein Turnier, um zu verlieren und auszuscheiden. Aber in einer schweren Gruppe haben wir uns mit vier Punkten noch sehr gut geschlagen. Andere Teams sind mit vier Punkten ins Achtelfinale gekommen. Das Glück hatten wir nicht. Ich glaube, dass die Leute trotzdem in Erinnerung behalten werden, wie wir gespielt und harmoniert haben. Viele waren skeptisch, ob wir als Mannschaft funktionieren können und mit vielen Individualkünstlern zurecht kommen. In der Hinsicht haben wir ein sehr positives Bild hinterlassen.

Obwohl sie Nationalspieler sind und schon seit Jahren in der Bundesliga spielen, liest man in den Medien wenig über Sie. Ihre Homepage zeigt Sie auf einigen Bildern. Zu ihrer Karriere findet sich nur ein kurzer Abriss. Meiden Sie die Öffentlichkeit?

Ich bin niemand, der sich in den Mittelpunkt stellen muss. Mir ist es lieber, nicht auf allen Titelseiten der Zeitungen zu erscheinen. Vielleicht lebe ich lieber ein bisschen zurückgezogen. Ich habe das große Glück, Fußball spielen zu dürfen und mein Können vor Publikum zeigen zu können. Letztendlich bin ich aber hier, um meinen Beruf auszuüben. Wenn die Leute mehr über mich wissen wollen, ist das in Ordnung. Wenn nicht, ist das auch kein Problem für mich.

Ihr Beruf holt Sie zum Bundesligastart gegen Schalke wieder in die Öffentlichkeit. Welche Ziele haben Sie mit dem HSV in der kommenden Saison?

Meine letzte Saison in Hamburg war schwierig. Im Verein herrscht wie bei allen großen Klubs eine harte Konkurrenz. Aber glücklicherweise kann man sich im Fußball immer wieder schnell neu beweisen. Ich hoffe, dass ich in der kommenden Saison dazu beitragen kann, den HSV weiter nach oben zu bringen. Der Verein verdient mehr, als er in den letzten Jahren erreicht hat. In Hamburg sind die Leute hungrig nach Titeln. Ich hoffe, dass wir Spieler den Hunger den Fans dieses Jahr stillen können.

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