Guus Hiddink über Underdogs

»Wie die Wespen«

Bei den letzten beiden Weltmeisterschaften hat er die Überraschungsteams trainiert: Australien und Südkorea. Guus Hiddink verrät, worauf es ankommt, wenn man als Underdog aus dem Hinterhalt angreifen will. Guus Hiddink über UnderdogsImago

Guus Hiddink, 2002 haben Sie mit Südkorea das Halbfinale erreicht, 2006 mit Australien den späteren Weltmeister Italien im Achtelfinale das Fürchten gelehrt. Was ist Ihr Geheimnis?

Da gibt es kein Geheimnis. Wenn ich ein neues Team übernehme, beobachte und studiere ich zunächst sehr genau die Lage. Um aus einem Spieler das Maximum herauszuholen, muss man ihm mehr zutrauen, als er sich selbst zutraut. Das ist nicht nur im Fußball so, sondern im Sport ganz allgemein. Letztendlich auch im Leben. Jeder ist dazu in der Lage, seine Leistung um zehn bis fünfzehn Prozent zu steigern. Da können Sie sich vorstellen, was es bedeutet, wenn das bei allen Spielern einer Mannschaft gelingt.

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Sehen Sie ein Team, das sich auf diese Weise steigern und zur Überraschung des Sommers werden könnte?

Wenn das passieren sollte, dann am ehesten bei einer afrikanischen Mannschaft, gerade weil die WM in Afrika stattfindet. Vielleicht Kamerun. Oder die Elfenbeinküste...

Hat nicht Didier Drogba versucht, Sie zu überreden, das Team der Elfenbeinküste zu übernehmen?

Das stimmt, und wenn ich nicht bereits den Vertrag in der Türkei unterschrieben hätte, dann hätte ich wohl auch zugesagt. Ich hatte einen interessanten Austausch mit Didier über die Nationalmannschaft und auch schon gute Gespräche mit dem Präsidenten des ivorischen Fußballverbandes geführt. Letztlich ist es daran gescheitert, dass sich das alles mit einem Turnier überschnitten hat, zu dem ich mit der Türkei in die USA fliegen musste. Es wäre weder fair noch professionell gewesen, drei Tage mit der türkischen Nationalelf zu verreisen, um mich dann bei der Weltmeisterschaft um eine andere Mannschaft zu kümmern.

Fahren Sie trotzdem nach Südafrika?

Nein, ich verfolge die WM auf dem Sofa. Das wird eine ganz neue Erfahrung für mich. Es wird Spaß machen, die Spiele jeden Tag zu sehen, ohne sich dabei auf ein bestimmtes Team fokussieren zu müssen. Ich würde mich freuen, wenn Spanien weit käme, möchte aber auch England nicht abschreiben. Und natürlich Holland, das einen wirklich attraktiven Fußball spielt. Da spreche ich jetzt als richtiger Fan.

Hat eines Ihrer ehemaligen Teams das Zeug zu einer Überraschung?

Holland hat immer die Chance dazu. Dänemark verfügt über ein solides Team, ist gut organisiert. Ich kenne Morten Olsen und weiß, dass er ein sehr akribischer Trainer ist.

Was ist mit Australien und Südkorea?

Man sagt, die australische Mannschaft sei überaltert, aber das hat man 2006 schon gesagt. Ich bin mir da nicht so sicher, und der Fußball dort hat sich weiterentwickelt, auch was die Infrastruktur und den Publikumszuspruch betrifft. Australien wird gefährlich sein. Und Südkorea? Wenn sie genauso gut vorbereitet und trainiert sind wie 2002, können sie die anderen piesacken wie Wespen. Wenn sie sich an ihre taktischen Vorgaben halten, sind sie immer zu beachten.

Bei den vorangegangenen Turnieren war es eher die Regel als die Ausnahme, dass einige der Großen zu Fall kommen. Vielleicht, weil die besten Spieler der Favoriten oft mehr als 50 Saisoneinsätze absolviert haben.

Das stimmt, trotzdem glaube ich, dass sich die Profis mittlerweile an den vollen Terminkalender gewöhnt haben. Außerdem ist es in diesem Jahr so, dass die WM im südafrikanischen Winter stattfindet. Das bedeutet, dass die Temperaturen nie 30 oder gar 35 Grad erreichen werden, wie es bei den letzten Turnieren der Fall war. Wenn du eine lange Saison hinter dir hast und mit deiner europäischen Nationalmannschaft in ein Land kommst, wo es warm ist und die Luftfeuchtigkeit hoch – vom Jetlag mal ganz zu schweigen –, hast du möglicherweise ein Problem. Genau das ist 2002 in Korea passiert. Doch ich glaube nicht, dass wir das in Südafrika erleben werden.

Werden Sie die aufgeheizte Atmosphäre bei solch einem Turnier vermissen?

Ich war zunächst unglaublich enttäuscht, als wir die Qualifikation mit Russland verpasst haben – nur wegen eines einzigen Tores. Aber mittlerweile freue ich mich darauf, dass das Turnier endlich beginnt. Außerdem liegt ja eine spannende Aufgabe vor mir: Ich will mich mit der Türkei für die WM 2012 qualifizieren. Der Reiz, Nationalmannschaften zu trainieren, liegt für mich darin, zu sehen, wie sie als Katalysatoren des Fußballs im Lande wirken. Den Beweis dafür erhielt ich in Russland, als wir die erfolgreiche Europameisterschaft 2008 spielten. Der Erfolg des Teams gab dem Fußball im ganzen Land einen Schub. Die Türkei hat in den letzten Jahren vielleicht etwas an Qualität verloren, doch wir werden schon sehen, dass wir sie wieder auf die Beine bringen.

Und dann schlagen Sie wie immer aus dem Nichts zu?

Vor allem möchte ich etwas Neues aufbauen. Ich bin kein großer Freund davon, zurückzublicken. Ich ziehe es vor, mich der Zukunft zuzuwenden.

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