Guido Buchwald über die WM '86

»Meine Tasche hatte keine Nummer«

Bei der WM 1990 degradierte Guido Buchwald Diego Maradona zum Statisten. Noch vier Jahre zuvor wurde der Stopper kurz vor Turnierbeginn aus dem Kader gestrichen. Wir sprachen mit ihm über die WM und falsche Hoffnungen. Guido Buchwald über die WM '86imago

Guido Buchwald, wie schauen Sie die WM?

Am liebsten mit Freunden oder Bekannten, seltener alleine. Ich bin der Meinung, Fußball sollte man mit anderen teilen. Daher werde ich auch einige Male zum »Public Viewing« gehen – bei zwei Vorrundenspielen der deutschen Mannschaft bin ich etwa als so genannter Experte eingeladen.

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Und dann wird mit Ihnen die Frage geklärt, wie man Weltmeister wird?

Ach, dafür gibt es ja kein allgemein gültiges Rezept. Es wird konkret um die Spiele gehen. Um Taktiken, Tore, darum, was kann man besser machen.

Sie waren bei zwei Weltmeisterschaften dabei, es hätten sogar drei sein können, doch 1986 strich Franz Beckenbauer Sie drei Tage vor dem Abflug nach Mexiko aus dem Kader. Zu Unrecht?

Natürlich war ich der Meinung, dass ich besser war als andere, die Franz letztendlich mitgenommen hat. Doch muss man als Spieler eine solche Meinung akzeptieren. Im ersten Moment war es hart, doch ich war immer ein Typ, der auch mit Rückschlägen gut umgehen konnte. Ich fiel in den Monaten danach nicht in ein Loch, ich arbeitete an mir – und wurde mit der Nominierung vier Jahre später belohnt.

Wie viele Spieler standen denn vor der WM 1986 im erweiterten Kader?

Ich glaube, es waren 27. Vier Spieler wurden also aussortiert: Frank Mill, Wolfgang Funkel, Heinz Gründel und ich. Schon vor dem Trainingslager war klar: 15 bis 16 Spieler sind sicher, die anderen Wackelkandidaten.

Zählten Sie sich zu den Wackelkandidaten?

Ich wusste jedenfalls, dass ich nicht zu den 15 Spielern mit WM-Garantie zählte, denn diese hatten bereits vor dem Trainingslager Sporttaschen mit festen Nummern erhalten. Meine Tasche hatte keine Nummer.

Wie bewerten Sie dieses langwierige Nominierungsprozedere, das sich vor jedem Turnier wiederholt?

Ich fand es schon damals nicht gut. Und das hatte nichts damit zu tun, dass ich gestrichen wurde. Ich würde es besser finden, wenn man 23 Spieler nominiert und dann vier oder fünf Spieler ins Trainingslager einlädt, diesen aber von vornherein den Status »auf Abruf« gibt. So würde man keine falschen Hoffnungen schüren.

Suchten Sie nach Ihrem Gespräch mit Franz Beckenbauer nach Gründen für Ihre Nichtnominierung?


Natürlich – doch ich konnte einfach keine finden. Zumal wir wenige Tage zuvor ein Vorbereitungsspiel in Bochum gemacht hatten, bei dem mir Horst Köppel, der damalige Co-Trainer, signalisierte, dass ich in Mexiko dabei sei. Doch Franz setzte am Ende einfach auf die Bayern-Achse und gab dem einen oder anderen Spieler eine Chance, der zuvor kaum ein Länderspiel gemacht hatte.

Vor einer Woche wurde Andreas Beck mitgeteilt, dass er in Südafrika nicht dabei sei. Wäre eine WM nicht eh zu früh für ihn gekommen?

Ich glaube, ein großes Turnier kann nie zu früh kommen. Solche Erfahrungswerte, die sehr wichtig für eine weitere Karriere sind, sammelt man als Profi bestenfalls im jungen Alter. Doch Andreas Beck soll den Kopf nicht hängen lassen, in zwei Jahren vor der EM kann die Welt ganz anders aussehen, denn nach großen Turnieren findet in der Nationalmannschaft meist eine Zäsur statt. Wie groß die dieses Mal ist, wird sich zeigen. Doch wer weiß, ob der Bundestrainer weitermacht, wer kann schon sagen, welche Spieler 2012 noch dabei sind.

1990 wurde Deutschland auch dank Ihrer Leistung Weltmeister. Waren die WM-Spiele in Italien für Sie eine Genugtuung?

Genugtuung ist das falsche Wort. Ich war einfach froh über den Titel und meine Leistung. Es wurde ja auch nicht so, dass nach 1986 schmutzige Wäsche gewaschen wurde. Ich habe nach dem Sieg in Rom sogar mal mit Franz Beckenbauer gescherzt: »Franz, wenn du mich 1986 mitgenommen hättest, wären wir jetzt zweimal in Folge Weltmeister geworden.«

1990 wurde Ihr Spitzname »Diego« geboren. Einige sagen, sie hätten den Namen bekommen, weil sie Diego Maradona zum Statisten degradierten. Andere behaupten, Gerd Rubenbauer hätte den Namen nach Ihrem Übersteiger im Achtelfinale gegen die Niederlande etabliert. Was stimmt denn nun?

In Wahrheit ist Klaus Augenthaler der Namensgeber. Er nannte mich schon während der Vorrunde »Diego«. Ich glaube, ihm imponierte eine Finte in einem gewöhnlichen Trainingsspielchen.

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