05.01.2013

Günter Netzer über Frauen, Freigeister und Ferraris

»Einzelkönner sind nicht mehr erwünscht«

Günter Netzer war der erste Popstar des deutschen Fußballs. Heute sieht er viele Stars, die ihm nicht imponieren. Die Kollegen vom »Tagesspiegel« sprachen mit ihm über schnelle Autos und noch schnellere Karrieren.

Interview: Robert Ide Bild: Imago


Nennen Sie mal einen aktuellen Fußballstar!


Schauen Sie, was Franz Beckenbauer aus seinem Leben gemacht hat. Das war ein Junge aus einfachen Verhältnissen, jetzt ist er einzigartig. Oder Pelé, den habe ich immer noch vor Augen als jungen genialen Spieler. Diese Menschen elektrisieren mich, für die tue ich alles.

Herr Netzer, wir hatten nach heutigen Fußballstars gefragt.


Dafür ist es zu früh. Nehmen wir Mario Götze: Das ist ein Jahrhunderttalent, dem eine große Entwicklung bevorsteht. Ob sie über den Fußball hinausgeht, wird man erst in vielen Jahren wissen.

Gibt es Fußballer, mit denen Sie sich über gesellschaftliche Dinge abseits des Sports unterhalten?


Oliver Bierhoff. Der war als Fußballer kein Weltstar, aber hat nebenbei studiert und sich weitergebildet. Auch Oliver Kahn arbeitet an sich. Ich mag Menschen, die ihren Horizont öffnen. Die Welt der Künstler und Schauspieler hat mich damals neugierig gemacht. So bin ich ein guter Zuhörer geworden.

Was macht eigentlich die Generation Lahm/Schweinsteiger aus – außer dass sie Titel verspielt?


Moment mal, unsere Nationalmannschaft ist in einem hervorragenden Zustand. Sie besitzt große Klasse und spielt einen Fußball, der oft begeistert – selbst wenn es am Ende 4:4 steht. Wir sollten aufhören, frühere Generationen zu verherrlichen. Seitdem ich nicht mehr spiele, bin ich ein besserer Fußballer als zu meiner aktiven Zeit. Das ist schön zu hören, aber entspricht nicht der Realität.

Ist es nicht seltsam, dass Sie als Reflektionsfläche für die guten alten Zeiten dienen, obwohl sie selbst gar nicht davon träumen?


Seltsam, ja. Der ganze Mist, den ich früher gemacht und erzählt habe, ist heute vergessen. Ich weiß nicht mal mehr, was vor 14 Tagen war. Wer lebt schon von schlechten Erinnerungen? Man will das Schöne in sich tragen.

Finden Sie den Fußball unserer Zeit schön? Dauerläufe statt Dribblings, Verschieben statt Flanken – der FC Barcelona wirkt wie einem Computerspiel entsprungen.


Barcelonas Spiel ist nicht langweilig. Dass sie alles gewinnen, ist langweilig.

Sie finden doch nicht etwa Passstafetten über 36 Stationen extravagant?


Der Fußball hat sich verändert, Einzelkönner sind nicht mehr erwünscht. Mesut Özil etwa ist ein Klassefußballer, aber nicht dafür prädestiniert, ein Spiel in die Hand zu nehmen. Das entspricht nicht seinem Naturell, und heute zählt das Kollektiv.

Wie in der Nationalmannschaft?


Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger reden von flacher Hierarchie. Ich kann damit nichts anfangen. Flache Hierarchie, hohe Hierarchie – entscheidend ist doch, dass es eine Hierarchie gibt.

Warum reicht es für die Deutschen nicht zum Titel?


Es hätte längst passieren können. Die Spanier waren halt besser, aber das hängt an Kleinigkeiten. Das Vertrackte am Fußball ist eben: Du kannst zwei Jahre die beste Mannschaft der Welt sein und trotzdem im Turnier rausfliegen. Das ist der Alptraum großer Mannschaften. Für mich ist eine konstant gute Entwicklung fast ebenso gut wie ein Titel.

Aber eben nur fast…


Es ist schon anderen Mannschaften gelungen, auszuscheiden. Was wollen wir: den Bundestrainer auswechseln? Nein, das wäre der falscheste Ansatz. Joachim Löw hat so viel für unseren Fußball getan.

Aber kann Joachim Löw wirklich richtig kommunizieren, etwa mit aussortierten Spielern? Und setzt er die richtigen Zeichen, wenn es drauf ankommt, wie beim verlorenen EM-Halbfinale gegen Italien?


Trainer sind keine Übermenschen. Jeder macht Fehler, manchmal werden die hart bestraft. Wichtig ist, wie man damit umgeht: dass man sich nicht rausredet, dass man nichts beschönigt.

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