Günter Netzer über Frauen, Freigeister und Ferraris

»Einzelkönner sind nicht mehr erwünscht«

Günter Netzer war der erste Popstar des deutschen Fußballs. Heute sieht er viele Stars, die ihm nicht imponieren. Die Kollegen vom »Tagesspiegel« sprachen mit ihm über schnelle Autos und noch schnellere Karrieren.

Herr Netzer, wann haben Sie das letzte Mal Fußball gespielt?
Warten Sie mal. Ich bin jetzt 68, minus 30 Jahre ungefähr, ach was, 35 Jahre ist das her, mindestens.

Juckt es Sie nicht, wenn Sie ein schönes Spiel sehen, selbst noch einmal…


...nein, nein, überhaupt nicht. Warum sollte ich solche Dummheiten denken? Ich habe nach meiner aktiven Laufbahn nie geglaubt, dass ich da mitspielen muss. Ich fühle mich befreit, seit die Schinderei ein Ende hat. Da gehöre ich nicht mehr hin. Alles andere wäre absurd.

Aber Sie könnten in Ihrem Garten einen Ball über die Wiese schießen.


Ach was. (Netzer rührt in seinem Tee und lehnt sich auf der Couch eines Berliner Luxushotels zurück) Wissen Sie, seit meinem Bänderriss mache ich gar nichts mehr. Es war eines dieser Prominentenspiele gegen ein paar junge Burschen. Die haben da was falsch verstanden, wollten es uns unbedingt beweisen. Plötzlich lag ich im Krankenhaus. Da war für mich Schluss. Ich kannte das Gefühl ja nicht. Als aktiver Fußballer war ich kaum verletzt, bin nur einmal an der Schulter operiert worden. Sportärzte gab es in den Siebzigerjahren noch nicht. Wenn ich eine Muskelverletzung hatte, schickte man mich zum Allgemeinmediziner. Der hat sich was ausgedacht und mir eine Spritze gegeben.

Heute wimmelt es im Fußball von Medizinern, Vermittlern, Experten. Und die Spieler sind Werbehelden und Popstars – wie Sie damals einer wurden.


Mit einem Unterschied: In meiner Zeit gab es für Popstars keine Akzeptanz. Schon David Beckham hatte es einfacher als ich. Er wurde in eine Zeit geboren, in der sich junge Leute nach solchen Idolen sehnten. Heute ist Beckham ein Marketingprodukt mit ganz cleveren Leuten um sich herum, die ihn in Verbindung mit seiner Frau pushen. Ich dagegen habe mich einfach ausgelebt, ich habe mein Inneres nach Außen gekehrt. Das war ungewöhnlich, vor allem in einer Provinzstadt wie Mönchengladbach. Aber meine Freundin brachte mich darauf; ich übernahm ihren Lebensstil.

Das Extravagante…


Ganz genau. Schauen Sie, ich habe mich als Fußballer für Kunst interessiert. Ich trug lange Haare und seltsame Klamotten, bin Ferraris gefahren.

Na und, dicke Autos fahren heute alle Fußballspieler.


Aber bei mir hatte das Fußballspiel immer Priorität. Wenn ich kein überragender Spieler gewesen wäre, wären die Leute über mich hergefallen. Fußball war mein Ein und Alles, der Rest Nebensache.

Und jetzt wollen Sie uns sicher gleich noch erzählen, dass die Profis von heute zu viel verdienen.


Glauben Sie mir, es gab früher tolle Fußballer, die später verarmt sind. Heute passiert das Gegenteil: Selbst mittelmäßige Profis erreichen einen Wohlstand, der ihnen eigentlich nicht zusteht. Das ist zu viel des Guten, es überbordet.

Heute sind also alle verrückt, aber niemand erscheint mehr so?


Verrückt zu sein um des Verrücktseins willen? Das lehne ich ab. Das hat keine Basis, keine Qualität. Da muss schon was dahinter stecken. Für mich war es Ausdruck der Lebensfreude, dass ich mir ein teures Auto leisten konnte oder in einem Freundeskreis zu Hause war, der nicht nur Fußball im Kopf hatte. Wer sich heute ein tolles Auto leistet, nur weil er es sich leisten kann, imponiert mir nicht.

Ab wann ist man denn ein richtiger Star?


Wenn man eine Persönlichkeit darstellt, einen eigenen Lebensstil hat, Qualität ausstrahlt. Stellen Sie sich vor: Ein Mensch kommt in einen Raum, und der Raum verändert sich. Das gibt es immer seltener, nicht nur im Fußball. Wir sind arm an Persönlichkeiten geworden: Popstars, Schauspieler, Politiker – fallen Ihnen viele ein? Schauen Sie, da kommt gerade einer… (Hans-Dietrich Genscher läuft durch die Lobby vorbei).



Nennen Sie mal einen aktuellen Fußballstar!


Schauen Sie, was Franz Beckenbauer aus seinem Leben gemacht hat. Das war ein Junge aus einfachen Verhältnissen, jetzt ist er einzigartig. Oder Pelé, den habe ich immer noch vor Augen als jungen genialen Spieler. Diese Menschen elektrisieren mich, für die tue ich alles.

Herr Netzer, wir hatten nach heutigen Fußballstars gefragt.


Dafür ist es zu früh. Nehmen wir Mario Götze: Das ist ein Jahrhunderttalent, dem eine große Entwicklung bevorsteht. Ob sie über den Fußball hinausgeht, wird man erst in vielen Jahren wissen.

Gibt es Fußballer, mit denen Sie sich über gesellschaftliche Dinge abseits des Sports unterhalten?


Oliver Bierhoff. Der war als Fußballer kein Weltstar, aber hat nebenbei studiert und sich weitergebildet. Auch Oliver Kahn arbeitet an sich. Ich mag Menschen, die ihren Horizont öffnen. Die Welt der Künstler und Schauspieler hat mich damals neugierig gemacht. So bin ich ein guter Zuhörer geworden.

Was macht eigentlich die Generation Lahm/Schweinsteiger aus – außer dass sie Titel verspielt?


Moment mal, unsere Nationalmannschaft ist in einem hervorragenden Zustand. Sie besitzt große Klasse und spielt einen Fußball, der oft begeistert – selbst wenn es am Ende 4:4 steht. Wir sollten aufhören, frühere Generationen zu verherrlichen. Seitdem ich nicht mehr spiele, bin ich ein besserer Fußballer als zu meiner aktiven Zeit. Das ist schön zu hören, aber entspricht nicht der Realität.

Ist es nicht seltsam, dass Sie als Reflektionsfläche für die guten alten Zeiten dienen, obwohl sie selbst gar nicht davon träumen?


Seltsam, ja. Der ganze Mist, den ich früher gemacht und erzählt habe, ist heute vergessen. Ich weiß nicht mal mehr, was vor 14 Tagen war. Wer lebt schon von schlechten Erinnerungen? Man will das Schöne in sich tragen.

Finden Sie den Fußball unserer Zeit schön? Dauerläufe statt Dribblings, Verschieben statt Flanken – der FC Barcelona wirkt wie einem Computerspiel entsprungen.


Barcelonas Spiel ist nicht langweilig. Dass sie alles gewinnen, ist langweilig.

Sie finden doch nicht etwa Passstafetten über 36 Stationen extravagant?


Der Fußball hat sich verändert, Einzelkönner sind nicht mehr erwünscht. Mesut Özil etwa ist ein Klassefußballer, aber nicht dafür prädestiniert, ein Spiel in die Hand zu nehmen. Das entspricht nicht seinem Naturell, und heute zählt das Kollektiv.

Wie in der Nationalmannschaft?


Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger reden von flacher Hierarchie. Ich kann damit nichts anfangen. Flache Hierarchie, hohe Hierarchie – entscheidend ist doch, dass es eine Hierarchie gibt.

Warum reicht es für die Deutschen nicht zum Titel?


Es hätte längst passieren können. Die Spanier waren halt besser, aber das hängt an Kleinigkeiten. Das Vertrackte am Fußball ist eben: Du kannst zwei Jahre die beste Mannschaft der Welt sein und trotzdem im Turnier rausfliegen. Das ist der Alptraum großer Mannschaften. Für mich ist eine konstant gute Entwicklung fast ebenso gut wie ein Titel.

Aber eben nur fast…


Es ist schon anderen Mannschaften gelungen, auszuscheiden. Was wollen wir: den Bundestrainer auswechseln? Nein, das wäre der falscheste Ansatz. Joachim Löw hat so viel für unseren Fußball getan.

Aber kann Joachim Löw wirklich richtig kommunizieren, etwa mit aussortierten Spielern? Und setzt er die richtigen Zeichen, wenn es drauf ankommt, wie beim verlorenen EM-Halbfinale gegen Italien?


Trainer sind keine Übermenschen. Jeder macht Fehler, manchmal werden die hart bestraft. Wichtig ist, wie man damit umgeht: dass man sich nicht rausredet, dass man nichts beschönigt.



Nicht beschönigend gefragt: Ohne Titel keine Stars?


Ich wollte immer das Beste erreichen. Ernst Happel hat mir mal gesagt: Ich will immer alles gewinnen, und wenn das nicht geht, dann wenigstens den Rest. Ein toller Satz. Die Forderung an unsere Nationalmannschaft ist jetzt tatsächlich die: Sie muss endlich was gewinnen. Am besten mit schönem Fußball.

Kann man Führung im Fußball trainieren?


Wir hatten noch eine Mischung aus Schöngeistern, Rennern und Tretern im Nationalteam. Als Netzer und Overath aufhörten, kamen die Briegels. Supertechniker und Spielmacher wurden plötzlich verteufelt. Otto Rehhagel hat gesagt: Netzer und Overath hätten keine Existenzberechtigung mehr. Es begann die Ära des Kraftfußballs, der Rennerei. Darüber haben wir lange vergessen, den schönen Fußball zu pflegen, das Einzigartige.

Woher kommt Einzigartigkeit?


Durch Vertrauen. Hennes Weisweiler hat mir mal nach einem schlechten Spiel gesagt: Günter, Du hast heute 40 Fehlpässe gespielt. Ich verlange von Dir für alle Zukunft, dass Du auch den 41. Fehlpass versuchst! Höre nicht auf, riskant zu spielen. Lass die Zuschauer sich die Finger wund pfeifen, ich unterstütze Dich. Dieses Vertrauen hat mich erst groß gemacht, davon hat die ganze Mannschaft profitiert.

Trainer scheinen inzwischen größere Stars zu sein als die Spieler.


Eigentlich sind sie das schwächste Glied. Trainer sind früher anders behandelt worden, es gab nicht ständig Diskussionen um sie und Entlassungen.

Wie bekommt man in das überdrehte Fußballgeschäft wieder etwas Ruhe rein?


Gar nicht, ich wünsche mir auch keine Ruhe. Manchmal wünsche ich mir ein wenig mehr Gelassenheit und etwas weniger Öffentlichkeit. Ansonsten ist es schön anzusehen, dass der Fußball so lebendig ist; er ist gerade auf seinem Höhepunkt, in seiner Blüte.

Schön für Sie als Sportrechtevermarkter.


Inzwischen sind wir bei Summen für Fußballrechte angekommen, die kaum noch zu erlösen sind. Das ist unfassbar. (schüttelt den Kopf und schweigt kurz) Es gab mal einen Punkt, als die Fifa fast pleite war. Und jetzt schauen Sie mal, was daraus entstanden ist.

Die Grenze des Geldverdienens ist erreicht, hat Franz Beckenbauer gesagt.


2006, ich habe es gelesen.

Aber es geht immer weiter.


Ja, das habe auch ich nicht für möglich gehalten. Aber ich sage Ihnen was: Signifikante Steigerungen wird es in Deutschland nicht mehr geben. Hier gibt es kaum Akzeptanz fürs Bezahlfernsehen. Und das öffentlich-rechtliche Geld ist langsam ausgereizt.

Sendet sich der Fußball zu Tode?


Als ich noch Manager des Hamburger SV war, wurden wir konfrontiert mit den ersten Livespielen. Damals dachten wir: Um Gottes Willen, das ist der Dammbruch, das wird der Fußball nicht aushalten. Und was folgte? Ein Aufschwung. Ich schaue mir auch nicht jedes Zwischenrundenspiel der Europa League an, das schaffe ich nicht. Aber es gibt offenbar einen Markt dafür, die Leute gucken das. Wissen Sie warum: Weil Fußball etwas Bleibendes schafft; neue Erzählungen für neue Generationen, darum geht es.

Wie wird Fußball in 35 Jahren aussehen?


Tja, noch schnellere Spieler, noch bessere Techniker? Hoffentlich kommen wieder mehr Persönlichkeiten, die sich eine eigene Meinung leisten. Ich war immer mein größter Kritiker, hatte ein buntes Leben. Ich muss nichts aufholen wie andere alte Männer.

Und wann geht der Rebell Netzer in Rente?


Das wird nicht passieren. Ich bin noch ein Kind.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!