Günter Netzer über das Estadio Santiago Bernabéu

»Neue Maßstäbe der Aufmerksamkeit«

In unserer aktuellen Ausgabe #142 versuchen wir den Mythos Real Madrid zu beleuchten. Hier spricht Günter Netzer über das Estadio Santiago Bernabéu, die einzigartige Bühne der »Königlichen«.

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142

Günter Netzer, von Jorge Valdano, dem heutigen Generaldirektor von Real Madrid, gibt es ein schönes Zitat: »Das Estadio Santiago Bernabéu hat auf mich dieselbe Wirkung wie das Meer – mir kommt es nie klein vor, immer monumental. Beide Orte atmen Größe.« Stimmen Sie ihm zu?
Für mich war das Bernabéu immer der sichtbare Ausdruck der Macht von Real Madrid. Kein Verein auf diesem Planeten versprüht einen ähnlichen Mythos der Größe wie Real, und dieses Stadion ist die eindrucksvolle Visitenkarte. Nach dem Aztekenstadion in Mexiko-Stadt ist es für mich das beeindruckendste Stadion der Welt.

Sie wechselten 1973 von Borussia Mönchengladbach nach Madrid. Eine große Umstellung?
Auf jeden Fall. Mein Arbeitsplatz in den all den Jahren zuvor war der kuschelige Bökelberg, und nun durfte ich vor 125 000 Zuschauern in diesem gigantischen Gebilde spielen. Das waren neue Maßstäbe der Aufmerksamkeit, an die ich mich erst gewöhnen musste.

Die Superstars der Gegenwart werden bei ihrer Begrüßung in Madrid verlässlich von mehreren zehntausend Zuschauern erwartet. Wie war das bei Ihnen?
Vicente del Bosque, der ehemalige Real-Trainer, hat mir mal erzählt, was ihm durch den Kopf ging, als 2001 Neuzugang Zinedine Zidane von vielen tausend Fans begrüßt wurde: »Genau wie bei Netzer!« Als ich kurz vor der Saison 1973/74 gemeinsam mit meinen neuen Mitspielern ins Stadion spazierte, standen auf den Tribünen 25 000 Menschen und applaudierten. Niemand hatte mit diesem Ansturm gerechnet.

Das muss Ihnen doch Angst gemacht haben.
Von wegen! Ich nahm das ganz cool zur Kenntnis und winkte so lässig wie möglich ins weite Rund. Ich dachte, das sei hier so üblich. Dabei hätte ich nur Vereinslegende Ferenc Puskas ins Gesicht schauen müssen. Der stand neben mir und bekam den Mund nicht mehr zu.

Von Puskas stammt der Satz: »Wenn die Zuschauer nicht pfeifen, haben sie den Mund voll.«
Gepfiffen wurde im Bernabéu nicht. Dafür aber geschwiegen. Wenn den Zuschauern etwas nicht gepasst hat, dann war es totenstill in diesem riesigen Stadion. Das war fast noch schlimmer.

Wie erging es Ihnen in Ihrer ersten Saison, als Real Madrid alles andere als königlich spielte?
Ach, eine furchtbare Saison! Wir waren zeitweise sogar in Abstiegsgefahr und ich spielte die meiste Zeit ganz grässlichen Fußball. Ich kann mich noch gut an mein erstes Spiel erinnern. Ich verschoss einen Elfmeter.

Und das Stadion machte Sie fertig?
Im Gegenteil. Sie applaudierten und munterten mich auf. Am Bökelberg hätten sie sich wahrscheinlich die Finger wund gepfiffen.

Was ist Ihnen noch im Gedächtnis geblieben?
Der Rasen. Ein unglaublich schöner Teppich, solch eine Qualität kannte ich nur von Golfplätzen. Für einen Techniker wie mich war das natürlich die ideale Arbeitsfläche. Auswärts setzten sie dagegen über Nacht ihr eigenes Spielfeld unter Wasser, damit ihre minderbemittelten Fußballer auch mal eine Chance hatten. Nicht so bei uns. Da war das Grün kurz geschnitten, immer feucht und schön weich. Perfekt!

Hatten Sie eigentlich einen Spitznamen während Ihrer Zeit in Spanien?
Viele. Sie nannten mich abwechselnd »el Rubio«, den Blonden, und »Nibelungo«, ein Name, der mir natürlich prächtig gefiel. Und für all die deutschen Spieler hatten die Spanier sowieso einen universalen Begriff: »los Vikingos«, die Wikinger.

Stimmt es eigentlich, dass Ihnen Publikumsliebling Pirri nach schönen Pässen regelmäßig Kusshändchen zugeworfen hat?
(lacht) Der Pirri? Kusshändchen? Wir waren zwar gut befreundet und verstanden uns auf dem Platz blind. Aber zu solchen Zärtlichkeiten ist es dann doch nie gekommen.

1998 erlangte Bernabéu noch einmal Weltruhm, als beim Champions-League-Spiel zwischen Real und Borussia Dortmund der Pfosten brach.
Und auf dem Rasen lief mein armer Freund José Luis Serrano (damals Geschäftsführer von Real Madrid, d. Red.) auf und ab und wusste nicht weiter. Ich wusste ja, dass die Ersatztore ganz weit entfernt standen, auf der Ciudad Deportivo, Reals Trainingsgelände! Wie die Madrilenen es dann schafften, die riesigen Tore durch diesen klitzekleinen Spielertunnel zu bugsieren, ist mir bis heute ein Rätsel. Eine gigantische Leistung! Vielleicht sollten sie dem Platzwart mal ein Denkmal setzen.

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