07.09.2013

Günter Netzer über das Estadio Santiago Bernabéu

»Neue Maßstäbe der Aufmerksamkeit«

In unserer aktuellen Ausgabe #142 versuchen wir den Mythos Real Madrid zu beleuchten. Hier spricht Günter Netzer über das Estadio Santiago Bernabéu, die einzigartige Bühne der »Königlichen«.

Interview: Alex Raack Bild: Imago

Günter Netzer, von Jorge Valdano, dem heutigen Generaldirektor von Real Madrid, gibt es ein schönes Zitat: »Das Estadio Santiago Bernabéu hat auf mich dieselbe Wirkung wie das Meer – mir kommt es nie klein vor, immer monumental. Beide Orte atmen Größe.« Stimmen Sie ihm zu?
Für mich war das Bernabéu immer der sichtbare Ausdruck der Macht von Real Madrid. Kein Verein auf diesem Planeten versprüht einen ähnlichen Mythos der Größe wie Real, und dieses Stadion ist die eindrucksvolle Visitenkarte. Nach dem Aztekenstadion in Mexiko-Stadt ist es für mich das beeindruckendste Stadion der Welt.

Sie wechselten 1973 von Borussia Mönchengladbach nach Madrid. Eine große Umstellung?
Auf jeden Fall. Mein Arbeitsplatz in den all den Jahren zuvor war der kuschelige Bökelberg, und nun durfte ich vor 125 000 Zuschauern in diesem gigantischen Gebilde spielen. Das waren neue Maßstäbe der Aufmerksamkeit, an die ich mich erst gewöhnen musste.

Die Superstars der Gegenwart werden bei ihrer Begrüßung in Madrid verlässlich von mehreren zehntausend Zuschauern erwartet. Wie war das bei Ihnen?
Vicente del Bosque, der ehemalige Real-Trainer, hat mir mal erzählt, was ihm durch den Kopf ging, als 2001 Neuzugang Zinedine Zidane von vielen tausend Fans begrüßt wurde: »Genau wie bei Netzer!« Als ich kurz vor der Saison 1973/74 gemeinsam mit meinen neuen Mitspielern ins Stadion spazierte, standen auf den Tribünen 25 000 Menschen und applaudierten. Niemand hatte mit diesem Ansturm gerechnet.

Das muss Ihnen doch Angst gemacht haben.
Von wegen! Ich nahm das ganz cool zur Kenntnis und winkte so lässig wie möglich ins weite Rund. Ich dachte, das sei hier so üblich. Dabei hätte ich nur Vereinslegende Ferenc Puskas ins Gesicht schauen müssen. Der stand neben mir und bekam den Mund nicht mehr zu.

Von Puskas stammt der Satz: »Wenn die Zuschauer nicht pfeifen, haben sie den Mund voll.«
Gepfiffen wurde im Bernabéu nicht. Dafür aber geschwiegen. Wenn den Zuschauern etwas nicht gepasst hat, dann war es totenstill in diesem riesigen Stadion. Das war fast noch schlimmer.

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