Günter Hermann über Werder-Wunder

»Wir waren versauter«

Ob gegen Neapel, den BFC Dynamo oder Spartak Moskau – Günter Hermann war bei den großen Europacup-Spielen von Werder in den 80ern dabei. Wir sprachen mit ihm über Psychotricks und darüber, wie er Maradona bearbeitete. Günter Hermann über Werder-Wunder

Günter Hermann, in der aktuellen Ausgabe von 11FREUNDE erklären Sie uns die erfolgreichen Psychotricks im Europapokal-Rückspiel gegen den BFC Dynamo Berlin. Das passierte doch nicht selten, oder?

Natürlich nicht, die Psychospielchen, die Sprüche waren keine Ausnahme. Das man damals öfter versucht. Ein Uli Borowka, zum Beispiel, hat vor jedem Spiel versucht, seinen Gegenspieler fertig zu machen. Also hat er ihm entweder mal kräftig auf den Fuß getreten, oder ein paar nicht jugendfreie Takte ins Ohr geflüstert.

Früher war die Bundesliga härter?

Was heißt härter? Die Spieler waren – wenn man das  in den Mund nehmen darf – versauter. Es gab ja nicht nur Uli Borowka, sondern auch einen Jürgen Kohler, den Bochumer Michael Lameck und wie die alle hießen. Das waren ähnliche Typen mit einer ganz anderen Körpersprache, als die meisten aktuellen Fußballprofis. Heute ist es wichtig, dass man gut aussieht, schön spielt und alles andere wird so ein bisschen vernachlässigt.

Da lässt sich eine leichte Gegenwarts-Kritik heraushören…

Durch die Professionalisierung hat sich vieles geändert, die Spieler werden in Watte gelegt. Das geht doch schon im Jugendinternat los: Die Jungs müssen ihre Sache nicht mehr selber waschen, zum Training kommen die nur mit einer Flasche Shampoo und dem Kulturbeutel dem Arm. Das fängt ganz unten an, die Spieler müssen sich vieles gar nicht mehr selber erarbeiten. Ich merke das heute auch in meiner Tätigkeit als Oberliga-Trainer (Herrmann hat die VSK Osterholz-Scharmbeck von der Bezirksliga in die Oberliga geführt, Anm. d. A.), wie lange es zum Beispiel dauert, bis die jungen Spieler ein Tor zur Seite tragen. Da muss ich schon mal auf den Tisch hauen. Ein mannschaftlich geschlossenes Gefüge stellt sich auch dadurch dar, dass mal einer die Tore schleppt oder kommentarlos Hütchen aufbaut.

Wie war das zu Ihrer aktiven Zeit?

Ganz anders. Wenn da ein erfahrener Mitspieler nur mit den Augen gezwinkert hat, bist du los gesprintet und hast die Pfosten geschultert. Wenn du das als junger Spieler nicht begriffen hast, gab es verbal einen vor den Latz oder im Training wäre die Grätsche ausgefahren worden. Aber das war eine andere Zeit und ist Schnee von gestern. Heute sehe ich junge Spieler vor dem Anpfiff noch schnell in die Kabine rennen, um sich die Haare glänzend zu machen. Hauptsache, ich sehe gut aus! Die Hosen müssen sitzen, die Stutzen müssen sitzen.

Gab es denn früher keine Schönlinge für die es sich gelohnt hat mal die Stollen auszufahren?

Ne, eigentlich nicht. Natürlich gab es auch viele Spieler, die technisch sehr beschlagen waren, sehr gut Fußball spielen konnten. Ein Norbert Maier zum Beispiel. Das waren ja dann auch die »Stars«. Die anderen haben Fußball mehr geklotzt und gearbeitet. Heute meint fast jeder, er sei ein Star. Das sehe ich nicht so. Es gibt sehr viele durchschnittliche Kicker.

Sie wurden aufgrund Ihres konditionellen Kapitals häufig auf bestimmte Spieler angesetzt. Erinnern Sie noch an bestimmte Duelle?

Sicher, ich denke da vor allem an die Spiele gegen den SSC Neapel, mit Diego Maradona. Den haben wir abwechselnd bearbeitet, ob es Mirko Votava war oder meine Wenigkeit. Wir haben Maradona – ich will nicht sagen über den Platz gejagt – aber schon bei jeder Ballannahme sofort attackiert. Und das teilweise auch sehr hart. Das war vollkommen normal.

War das vorher so abgesprochen?


Ja, natürlich. Maradona war schließlich ein Weltklassespieler, für mich ist er der beste Fußballer aller Zeiten. Was der am Ball konnte… Der war ja nicht hundertprozentig auszuschalten, das ging nicht.

Beschreiben Sie Ihre damalige Position und Bedeutung innerhalb der Mannschaft.

Mich konnte man eigentlich auf jeder Position einsetzen, das war für Werder natürlich ein gefundenes Fressen. Von Haus aus bin ich gelernter Stürmer, dann umfunktioniert als Mittelfeld- und Abwehrspieler. Außer im Tor habe ich auf jeder Position gespielt. Ich war viel unterwegs, relativ schnell und am Ball sicherlich auch nicht der Schlechteste.

Sie haben in unserem letzten Gespräch bereits angedeutet, dass es keine große Freude war, in den 80er Jahren bei Waldhof Mannheim zu spielen…


Ganz sicher nicht. Zumal ich das Pech hatte gegen Jürgen Kohler zu spielen. Jürgen hat bei Waldhof auf der rechten Seite gespielt und nicht in der Innenverteidigung und war somit mein direkter Gegenspieler. Sehr, sehr unangenehm, kann ich ihnen sagen. Bei Heimspielen ist Mannheim über sich hinaus gewachsen und auch Kohler ist 90 Minuten marschiert und hat alles getreten, was sich bewegt hat.

Sie sprachen von Uli Borowkas Techtelmechtel mit Gegenspielern vor dem Spiel. Ging das während der 90 Minuten so weiter?
Es wurde schon das ein oder andere Wort gesagt, aber nach dem Spiel hat man sich die Hände geschüttelt, da war das vergessen. Ich habe mich zum Beispiel oft mit Steffen Freund, damals noch bei Dortmund, beharkt. Nach dem Abpfiff gab's Shakehands und heute können wir drüber lachen. Das gehörte zum Fußball einfach dazu.

Vermissen Sie den Fußball von früher?

Man muss dabei immer zwei Dinge beachten. Erstens: Wir haben früher mehr Spaß gehabt, weil wir eben nicht so oft in den Medien standen, wie es heute der Fall ist. Es gab zwei, drei Stars, die haben sich damit schon öfter befassen müssen, waren im Sportstudio oder bei Sport3. Heute kannst du dich als Fußballer fast gar nicht mehr frei bewegen, jeder Schritt wird registriert. Also ich würde heute nicht mehr Profi sein wollen. Immer im Blickpunkt, fast keine Pausen. Der Rubel muss rollen. Aber, zweitens: Die Spieler wollen es ja auch so, sie verdienen eine Menge Geld damit. Ich habe meinen Spaß gehabt und das war wunderschön.

Kommen wir noch einmal zurück zum »harten Hund«. Uli Borowka haben Sie als Paradebeispiel genannt…

Der Uli hat einmal für seine Spielweise zahlen müssen, als ihm der Wattenscheider Ibrahim eine schmerzhafte Retourkutsche verpasst hat. Er hat sich zur Wehr gesetzt und ihm mit einem Ellenbogencheck die Zähne ausgeschlagen. Keine schöne Sache, zumal Uli so etwas selber nie gemacht hat. Er hat natürlich für meine Begriffe immer sehr hart gespielt, hat alle Möglichkeiten ausgenutzt und ist dabei trotzdem immer noch fair geblieben.

Hat sich der Fußball Ihrer Meinung nach denn auch grundlegend geändert?

Meiner Ansicht nach ist der Fußball noch etwas schneller und dynamischer geworden, es wird ja auch viel mehr trainiert. Heute wird mehr Wert auf die spielerische Lösung gelegt, es gibt keinen Uli Borowka mehr, der mal ordentlich dazwischen langt. Die Spieler müssen groß sein, schnell sein und den Ball sehr gut beherrschen können. Ich muss immer drüber lachen, wenn in den Scoutingberichten explizit nur nach großen Spielern gesucht wird: Früher hatten wir viele kleine Spieler, sehr gute Fußballer. Von daher geht heute viel über Dynamik und Athletik.

Das klingt doch gar nicht so übel.


Ich denke allerdings, dass die Spieler von heute im Alter große Probleme bekommen werden.

Warum?

Die Jungen müssen ja erst beweglich gemacht werden, ihnen fehlt ein entscheidender Vorteil der körperlichen Voraussetzungen. Wir sind als Kinder noch durch die Bäume geklettert und waren somit von Natur aus wesentlich beweglicher. In der Gegenwart hängen die jungen Menschen doch bis sie 16 sind vor der Playstation. Mit 30 Jahren ist die Karriere der meisten Spieler schon vorbei, der Körper ist ausgereizt.

Irgendwelche Folgeschäden bei Ihnen?

Toi, toi, toi. Bis auf eine Arthroskopie im Knie und einen Bänderriss habe ich nicht viel gehabt. Den Rücken merke auch ein bisschen, aber ich spiele weiterhin in den Traditionsmannschaften mit.

Sie sprachen vom schnelleren, dynamischeren Spiel der Gegenwart. Würde das Werder Bremen der 80er Jahre gegen das Werder Bremen der Gegenwart überhaupt bestehen können?

Ich denke schon. Wir waren auch fit und hatten außerdem längere Pausen. Längere Pausen heißt: Vernünftige Sommer- und Winterpausen. Vielleicht ist der Radius der Spieler heute etwas eingeschränkter, die Spiele sind durchweg von Taktik und Positionstreue geprägt.

Ist das Spiel damit nicht variabler?

Meiner Meinung nach nicht, es ist sogar teilweise eingezwängter. Man sieht das an den vielen Toren, die aus Standardsituationen fallen und den auf die Abseitsfalle eingestellten Viererketten. Da bleiben nicht viel Varianten, um zum Torerfolg zu kommen. Was die umstrittenen Abseitsentscheidungen betrifft: Ich sehe im Fernsehen immer, wie sie einen Strich ziehen und sagen: Ach, da war aber noch ein Knie im Abseits. Da kann ich nur lachen. Welcher Mensch soll das immer mit dem bloßen Auge erkennen können? Wenn du als Trainer eine Taktik mit der Viererkette wählst, musst du dich darauf einstellen, dass viele Tore eben deshalb fallen, weil die Abseitsfalle überwunden wird.

Hat sich der Umgang mit den Schiedsrichtern geändert?

Ich denke ja. Aktuell gibt es viele Schiedsrichter, ob nun bei uns in der Oberliga oder in der Bundesliga, die explizit versuchen eine gewisse Unnahbarkeit auszustrahlen. Die sind arrogant und lassen nicht mit sich reden. Wer den Schiedsrichter nur leicht berührt, wird verwarnt. Das finde ich widerlich. Damals konnte man noch mit den Unparteiischen reden. Natürlich gibt es solche Typen heute auch.

Wir haben viel darüber gesprochen, dass die Spielweise in den 80er, 90er Jahren rustikaler war. Da müssen dann aber auch die Schiedsrichter mehr durchgelassen haben, oder?

Ja, selbstverständlich. Wir hatten am vergangenen Wochenende in Osterholz-Scharmbeck endlich mal einen Schiedsrichter, der viel hat durchgehen lassen. Ich war ganz überrascht. Wenn heute ein Tackling am Boden angesetzt wird, hat der Schiri gleich die Pfeife im Mund. Da frage ich mich immer: Warum? (energisch) Warum? Nur weil einer mit dem langen Bein hingeht und den Gegner ein bisschen berührt? Heute sind alle gleich am schreien, Rudelbildung und so weiter. Deswegen gucke ich auch lieber den englischen Fußball an. Da heult keiner rum, da geht es zur Sache. Das ist das, was heute fehlt! Die haben ja schon Angst, wenn sie auf dem Boden liegen, dreckig werden und womöglich die Frisur durcheinander gebracht wird.

Eine Hommage an das Boden-Tackling!

Es ist mir ein Rätsel, warum die Grätsche heute so häufig abgepfiffen wird. Glauben sie, dass bei Jürgen Kohlers Tacklings dauernd unterbrochen wurde? Was ich in Ordnung finde, ist die neue Regelung bei Klammern und Festhalten im Strafraum. Wir spielen schließlich Fußball und kein Rugby. Was Grätschen und Aktionen mit den Händen und Ellenbogen angeht, wird mit zweierlei Maß gemessen. Wenn ich sehe, wie ein van Bommel seine Gegner attackiert: Dauernd ist da ein Arm oder Ellenbogen im Gesicht. Dafür sieht er nur gelb. Die Leute, die mal richtig hinlangen – mit einem Tackling – die müssen gleich den Platz verlassen.

Wie kann man sich Günter Hermann als Trainer vorstellen? Als klassischen Scharfmacher?

Das nicht. Aber ein Fußballspiel wird nun mal durch Zweikämpfe entschieden. Das ist das A und O. Nur Fußball spielen, das reicht zumindest in der Oberliga nicht. In den unteren Klassen können alle laufen und kämpfen. Wir haben das auch mit der Traditionsmannschaft gemerkt: Wenn wir gegen eine Bezirksauswahl spielen, sind die Gegner natürlich 90 Minuten lang am Rennen. Wenn wir da nicht gegenhalten, haben wir keine Chance. Aber sobald wir ordentlich zur Sache gehen, haben die keine Möglichkeiten mehr, da sind wir spielerisch zu stark. Als Trainer verlange ich von meinen Jungs nicht, dass sie brutal in die gegnerischen Beine springen. Aber ordentlich in die Zweikämpfe zu gehen, das ist eine Grundvoraussetzung für den Erfolg.


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