07.05.2009

Günter Hermann über Werder-Wunder

»Wir waren versauter«

Ob gegen Neapel, den BFC Dynamo oder Spartak Moskau – Günter Hermann war bei den großen Europacup-Spielen von Werder in den 80ern dabei. Wir sprachen mit ihm über Psychotricks und darüber, wie er Maradona bearbeitete.

Interview: Alex Raack Bild: imago
Beschreiben Sie Ihre damalige Position und Bedeutung innerhalb der Mannschaft.

Mich konnte man eigentlich auf jeder Position einsetzen, das war für Werder natürlich ein gefundenes Fressen. Von Haus aus bin ich gelernter Stürmer, dann umfunktioniert als Mittelfeld- und Abwehrspieler. Außer im Tor habe ich auf jeder Position gespielt. Ich war viel unterwegs, relativ schnell und am Ball sicherlich auch nicht der Schlechteste.

Sie haben in unserem letzten Gespräch bereits angedeutet, dass es keine große Freude war, in den 80er Jahren bei Waldhof Mannheim zu spielen…


Ganz sicher nicht. Zumal ich das Pech hatte gegen Jürgen Kohler zu spielen. Jürgen hat bei Waldhof auf der rechten Seite gespielt und nicht in der Innenverteidigung und war somit mein direkter Gegenspieler. Sehr, sehr unangenehm, kann ich ihnen sagen. Bei Heimspielen ist Mannheim über sich hinaus gewachsen und auch Kohler ist 90 Minuten marschiert und hat alles getreten, was sich bewegt hat.

Sie sprachen von Uli Borowkas Techtelmechtel mit Gegenspielern vor dem Spiel. Ging das während der 90 Minuten so weiter?
Es wurde schon das ein oder andere Wort gesagt, aber nach dem Spiel hat man sich die Hände geschüttelt, da war das vergessen. Ich habe mich zum Beispiel oft mit Steffen Freund, damals noch bei Dortmund, beharkt. Nach dem Abpfiff gab's Shakehands und heute können wir drüber lachen. Das gehörte zum Fußball einfach dazu.

Vermissen Sie den Fußball von früher?

Man muss dabei immer zwei Dinge beachten. Erstens: Wir haben früher mehr Spaß gehabt, weil wir eben nicht so oft in den Medien standen, wie es heute der Fall ist. Es gab zwei, drei Stars, die haben sich damit schon öfter befassen müssen, waren im Sportstudio oder bei Sport3. Heute kannst du dich als Fußballer fast gar nicht mehr frei bewegen, jeder Schritt wird registriert. Also ich würde heute nicht mehr Profi sein wollen. Immer im Blickpunkt, fast keine Pausen. Der Rubel muss rollen. Aber, zweitens: Die Spieler wollen es ja auch so, sie verdienen eine Menge Geld damit. Ich habe meinen Spaß gehabt und das war wunderschön.

Kommen wir noch einmal zurück zum »harten Hund«. Uli Borowka haben Sie als Paradebeispiel genannt…

Der Uli hat einmal für seine Spielweise zahlen müssen, als ihm der Wattenscheider Ibrahim eine schmerzhafte Retourkutsche verpasst hat. Er hat sich zur Wehr gesetzt und ihm mit einem Ellenbogencheck die Zähne ausgeschlagen. Keine schöne Sache, zumal Uli so etwas selber nie gemacht hat. Er hat natürlich für meine Begriffe immer sehr hart gespielt, hat alle Möglichkeiten ausgenutzt und ist dabei trotzdem immer noch fair geblieben.

Hat sich der Fußball Ihrer Meinung nach denn auch grundlegend geändert?

Meiner Ansicht nach ist der Fußball noch etwas schneller und dynamischer geworden, es wird ja auch viel mehr trainiert. Heute wird mehr Wert auf die spielerische Lösung gelegt, es gibt keinen Uli Borowka mehr, der mal ordentlich dazwischen langt. Die Spieler müssen groß sein, schnell sein und den Ball sehr gut beherrschen können. Ich muss immer drüber lachen, wenn in den Scoutingberichten explizit nur nach großen Spielern gesucht wird: Früher hatten wir viele kleine Spieler, sehr gute Fußballer. Von daher geht heute viel über Dynamik und Athletik.

Das klingt doch gar nicht so übel.


Ich denke allerdings, dass die Spieler von heute im Alter große Probleme bekommen werden.

Warum?

Die Jungen müssen ja erst beweglich gemacht werden, ihnen fehlt ein entscheidender Vorteil der körperlichen Voraussetzungen. Wir sind als Kinder noch durch die Bäume geklettert und waren somit von Natur aus wesentlich beweglicher. In der Gegenwart hängen die jungen Menschen doch bis sie 16 sind vor der Playstation. Mit 30 Jahren ist die Karriere der meisten Spieler schon vorbei, der Körper ist ausgereizt.

Irgendwelche Folgeschäden bei Ihnen?

Toi, toi, toi. Bis auf eine Arthroskopie im Knie und einen Bänderriss habe ich nicht viel gehabt. Den Rücken merke auch ein bisschen, aber ich spiele weiterhin in den Traditionsmannschaften mit.

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